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Zur Feier des Tages hat die Springerpresse eine Sonderausgabe ihres journalistischen Hauptwerkes unter die Leute gebracht. Wie es sich gehört: kostenlos. Ein Geschenk. Und so liegt es dann auch zerknittert im Briefkasten – es hat die Luftfeuchtigkeit des Tages schon in sich aufgesogen. Ganz weich! Ganz bunt! Und sofort als solche zu erkennen.

65 Jahre von irgendwas. Rente ab jetzt für alle oder so ähnlich.

Weil aber diese Zeitung ein Kulturblatt ist, widmet sie auch zwei Seiten der Musikkultur. Nämlich Seite 8 und 9. Genau genommen deren obere Hälfte. Denn geschenkt ist nichts. Unten stehen Anzeigen auf der Seite. Musikkultur, das heißt: Anne-Sophie Mutter. Die ist nämlich nach Ansicht der Autorin des fulminanten Artikels, Lien Kaspari, die beste Geigerin der Welt und Verkörperung der deutschen Kernkompetenz.

Anne Sophie Mutter in der Sonder-Bild!

Deutsche Kernkompetenz Klassik-Land!

Wir können Frau Lien sehr dankbar sein. Sie formuliert das, was Madame de Staël und Co nur mit Mühe und unter dem Aufwand von viel Tinte im Grunde laufend, und dann auch noch nur falsch gesagt haben. Auch die Politiker wie Musik- und Kulturräte des Landes haben das niemals in dieser Klarheit formuliert. Unsere deutsche Kernkompetenz ist die Klassik. Das mag einigen nicht gefallen, die da etwa etwas sagen wie

„Der Bohlen gehört zu Deutschland“.

Zumal wenn es die beste Geigerin der Welt sagt, Anne-Sophie Mutter, die schließlich auch den sogenannten Nobelpreis der Musik vor einigen Jahren erhalten hat von der Ernst-von-Siemens-Stiftung in 2008. (Kommentar von Reinhard Schulz dazu in der nmz 6/2008). Später hat das Weltwirtschaftsforum die Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter ausgezeichnet.

Die Frau muss also wissen, wovon sie spricht, steicht und spielt. So findet sie auch bald ihre Top10 der deutschen Musikkultur.

Anne Sophie Mutter in der Sonder-Bild!

Die üblichen Verdächtigen! Zumindest bei den Komponistennamen. Nicht ganz so bei den Werken: Das Streichquintett No.4 von Mozart (hätte man netterweise doch die KV-Nummer dazuschreiben können). Von Beethoven ausgerechnet die vierte Sinfonie. Aber es sind ja auch ihre Top10. Erinnert sei auch an den Sommerstreit aus dem Jahr 2003, als es darum ging, ob Mozart nun ein Deutscher gewesen sei. Anlass war ja eine Sendung im ZDF zu den tollsten Deutschen (hat weder Bach noch Luther gewonnen, sondern Konrad Adenauer). Man muss also auf jeden Fall sagen:

„Der Mozart gehört zu Deutschland.“

Das hat ja auch eine alte Umfrage aus den nachfolgenden Sendungen „Unsere Besten“ ergeben. Die Liste, die bei Wikipedia zu finden ist, enthält so illustre Namen wie Mozart, Nena, Xavier Naiodoo, Sarah Connor, Roy Black, André Rieu oder Beethoven. Der eigentlich erste Preis wäre offenbar an die Bösen Onkelz gegangen. Da wächst zusammen, was zusammen gehört? Oder?

Anne Sophie Mutter in der Sonder-Bild!

Privat ist es bei der Anne-Sophie Mutter offenbar anders, weiß Lien Kaspari zu berichten. Da hört sie Jazz oder „Klavier-Repertoire“. Trill Brönner oder? André Previn ist da ja auch überall fit drin. Als Naturliebhaberin geht bei ASM aber nichts über Vogelstimmen. Das hat sie gemein mit ganz vielen Menschen auf der Welt. Die pfeifen die Klassiker aus dem Häusl am Bäumchen.

Die Vogelstimmen gehören zu Deutschland.

Gut. Musik ist des Deutschen Kernkompetenz. Klötzchen drauf. Bald spielt Anne-Sophie, die Platz 24 bei den besten deutschen Frauen belegt, in der Elphi, so im November. Penderecki, Brahms und Bach stehen auf dem Programm.

Der Beitrag Die beste Geigerin der Welt [Bild] und die deutschen Kernkompetenzen erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Der Komponist Mark-Anthony Turnage ist ernst zu nehmen. Doch, jetzt, echt. Man kann es dunkelgrau auf hellgrau lesen, ganz offiziell:

„Mark-Anthony Turnage ist zweifellos ein ernst zu nehmender Komponist unserer Zeit.“ (Quelle: Website der Berliner Philharmoniker)

Zweifellos. Denn der Mann hat Humor wie auch der/die Autor/in des launigen Textes zu einem Konzert am 23. Juni 2017.

„Die Vorstellung, dass sich Fans seiner Musik mit Schusswaffen eindecken müssen, wäre ihm indes sicher fremd …“ (Quelle: Website der Berliner Philharmoniker)

Gut zu wissen, da kann ich meine üblicherweise zu Konzerten mitgenommenen Verteidigungswaffen zu Hause lassen. Das entspannt den Konzertbesuch ungemein.

Man muss aber ehrlicherweise dem/r Autor/in zugute halten, dass ein Textausschnitt gefährliche Schnitte machen kann. Unmittelbar zuvor wird der Widmungsträger (ein gewisser Louis Ehlert) des davor erwähnten Werks nämlich so, sich zur damaligen zeitgenössischen Musik äußernd, zitiert:

»Die Männer, welche uns in der Musik gegenwärtig am meisten interessieren, sind so furchtbar ernst. Wir müssen sie studieren, und, nachdem wir sie studiert haben, einen Revolver kaufen, um unsere Meinung über sie zu verteidigen.« (Quelle: Website der Berliner Philharmoniker)

Das ist sicher eine Pointe. Aber doch mehr eher nicht. Es ist auch noch leider eine eher schlechte Pointe. So kann dann auch die Fortsetzung nicht so recht gelingen. Turnage, ein ernster Komponist und ein Mann. Denn auch das ist Turnage zweifellos: ein Mann der „uns“ interessieren muss.

All das ein typisches Beispiel dafür, dass es gefährlich sein kann, übergreifende Beziehungen zwischen Werken herzustellen, wenn man doch nur ein spezielles Informationsinteresse hat. Und wenn man geradezu krampfhaft versucht, Beziehungen zwischen verschiedenen Werken herzustellen.

Auf dem Dach des Zitats. Foto: Hufner

Man allerdings vor derartigen Überleitungen nur warnen. In diesem Fall sind sie Heiterkeit erzeugend, aber doch irgendwie eher gewollt und im Zweifel missverständlich. Am Ende wird zitiert, was das Zeug hält. Und dann kommt eben so etwas heraus.

Schauen wir mal: Vielleicht der Autor dieser Zeilen am Ende doch seine Kritik des Konzertes mit einem gekauften Revolver verteidigen. Dann nähme ich natürlich alles zurück.

Der Beitrag Über das Studium ernst zu nehmender Musik (E-Musik) von Männern erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Was eigentlich ist das? Seriöser Journalismus? Der wird immer gerne gefordert, ist vielleicht schon da. Was macht Journalismus seriös?

Die Antwort ist nicht bekannt. Journalismus ist eigentlich nie seriös, denn er ist ja Journalismus. Gibt es etwa so etwas wie seriösen Betrug. Seriöse Betrüger und unseriöser Betrüger im Kampf um seriöse und weniger seriöse und sogar unseriöse Betrogene.

Ich plädiere für den Begriff des porösen Journalismus.

Porös ist er für den Fall, dass er sowieso nicht vorgibt, der Wahrheit letzter Schluss zu sein. Das ist zweifellos musikalisch zu denken. Nehmen wir mal an, es gibt so etwas wie einen fixierten Notentext und somit so etwas wie ein Faktum. Damit hat man ja doch aus zweierlei Gründen nichts gewonnen.

Konzert oder Text. Partiturausschnitt Anton Webern.

Einmal deshalb, weil in den Noten selbst trotzdem nie alles notiert ist. Noten sind da so etwas wie Skizzen. Und so ist es mit angeblichen Fakten eben auch.

Und auf der anderen Seite müssen dann die Noten zudem interpretiert werden. Nun mag es daher Laien erstaunen, dass aus den selben Noten doch immer wieder neue Interpretationen entstehen. Die Interpretationen gleichen sich nie, selbst bei den gleichen Interpreten. Sie spielen das gleiche Stück ja doch immer wieder anders. Sie passen es an. Zum Beispiel an den Verbreitungsweg, an die bestimmte Aufführungssituation. An akustische Gegebenheiten. Das Werk ist eine Illusion sowie Fakten zwar fixiert sein mögen, deren Interpretation aber doch genau so von verschiedenen Dingen abhängen. Das sieht man sofort an den verschiedenen Aufnahmeweisen von Konzerten oder Opern. Niemand steigt nicht in den gleichen Fluss. Die Dinge ändern sich mit Ort und Zeit, mit vollem oder leerem Magen, mit dem Wetter meinethalben auch.

Das heißt nicht zugleich, dass damit jegliche Interpretation das gleiche Gewicht hat. Denn mit der Wahrnehmung von Dingen wird die Wahrnehmung der Wahrnehmung zusätzlich zum Kriterium. Auf bestimmterer und zugleich abstrakterer Ebene lassen sich die Dinge schon begreifen und damit die Zulässigkeit der Kritik einengen.

Porös darf die Kritik sein, sollte es womöglich sogar sein. Durchlässig gegen sich selbst und ihren Gegenstand. Aber mit „Seriosität“ kommt man eher nicht weiter. Außer bei Beethoven.

Der Beitrag Poröser Journalismus und die Vielfalt des Wirklichen erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Es gehört vielleicht zu den ganz besonderen Eigentümlichkeiten, insbesondere bei den Deutschen, dass sie sich in fast jeder Situation als zu kurz gekommen auffassen. Egal wo, immer benehmen sich vor allem die anderen falsch. Im Verkehr, im Beruf, in der Schule, der Kultur, im Sport. Und in der Politik und Bildung. Es ist einigermaßen nicht nachvollziehbar, woher dieses Ohnmachtsgefühl stammt. Obwohl, ein Ohnmachtsgefühl ist es ja gar nicht, sondern eher eines des permanenten Neids. Da kann man machen, was man will. Ist man zu zuspitzend, gilt man als unausgewogen; ist man ausgewogen, gilt man als nivellierend.

Es scheint kein Glück darin zu liegen, im Federkampf um Solidaritäten. In vielem Gesagtem ist vieles nicht gesagt, aber doch immer ist etwas gemeint. Gemeint ist aber immer das Ungesagte. …

Wenn man so zurückschaut in die 50er und 60er Jahre, dann fällt einem ein Thema der Debatte auf, welches heute irgendwie verloren ist. Hanns Eisler bemerkte es, wenn er immer wieder von Freundlichkeit spricht und sie als wichtiges Merkmal einer verständigen Gesellschaft bezeichnet. Oder wenn Alexander und Margarete Mitscherlich in der Vorbemerkung zu „Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“ feststellen:

„So wird kaum jemand leugnen, daß es in Deutschland keine kleine Zahl von Menschen gibt, die höflich, anteilnehmend, rücksichtsvoll sind, dies alles nicht aus sittlichem „Dressatgehorsam“, weil man ihnen „Manieren“ beigebracht hat, sondern weil sie gelernt haben, die Eigenart des Partners zu achten und sich für ihn zu interessieren. Die Einschränkung ist aber nicht zu vermeiden, daß diese freundlichen Deutschen etwa im Straßenverkehr oder in anderen Rücksicht fordernden Situationen nicht der den Ton bestimmende, sondern ein mehr oder minder „stummer“ Bevölkerungsanteil sind. Der freundliche Deutsche, um es in zugespitzter Form zu sagen, hat im eigenen Land keinen zwingenden Vorbild-Charakter. Obgleich es ihn als angenehme Überraschung gibt. (…) Die aufklärerische Absicht der Autoren ist es, die Chancen für den freundlichen Deutschen zu vermehren.“ 01)Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt/M. o. J., S. 10 f. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_6155_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_6155_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

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01. ↑ Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt/M. o. J., S. 10 f. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

Der Beitrag „Chancen für den freundlichen Deutschen“ erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Ein Blick zurück in das Jahr 2005 ist ganz erstaunlich. Damals gab es noch die Rubrik „Forum Pisa“ im Deutschlandfunk. Man hat sich über die Entwicklungen im Bereich der schulischen Bildung jeden Freitag vormittag befasst. Schuld daran war der sogenannte PISA-Schock, der dem deutschen Schulsystem ein gewisses Versagen bescheinigt hatte. Es bestand Handlungsbedarf, so fühlte man es und überschlug sich in aktionistischem Getue. Zumindest hatte man den Schock so empfunden. In Wirklichkeit änderte sich in der Folge tatsächlich sehr viel. Schul- und Hochschulreformen wurden angeleiert. Inbesondere die Mintfächer wurden protegiert, die musischen Fächer versuchten, sich gesellschaftlich zu legitimieren mit Slogans wie „Musik macht klug“ und der Betonung von sogenannten Sekundärtugenden. So dass sich sogar Hans Günther Bastian dazu gezwungen sah, sich gegen seine Liebhaber zu verteidigen. 01)Mittlerweile muss der Autor „Bastian gegen seine Liebhaber verteidigen“, und warnen vor einem einseitigen Missbrauch der Ergebnisse, Musik als Allheilmittel zum Pushen von IQs, für soziale Therapien oder gegen Fußpilz einzusetzen. Vereinfachungen in Schlagzeilen schaden eher als dass sie nutzen. Gleichermaßen könnte man auch mit empirischen Nachweisen und historischen Verweisen argumentieren: „Musik macht dumm – Musik macht aggressiv – Musik lässt Menschen blindlings marschieren – Musik…“ Denn, so ein Sprichwort in der Ukraine: „Wenn die Musik erklingt, ist der Verstand in der Trompete.“ In: nmz 2001/04. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9817_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9817_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });Doch das nur am Rande.

Damals brachte man eine Meldung von „Jugend forscht“:

Intelligenter Schulranzen erfunden

Drei Jungs aus Stuttgart haben den „intelligenten Schulranzen“ erfunden. Die fehlende Brotdose oder das vergessene Mathematikheft melden sich selbst, wenn sie nicht in den Ranzen gepackt wurden. Dazu müssen ihnen aber so genannte „smart labels“ anhaften, Chips in Kreditkartengröße, die über eine Antenne im Ranzen Signal gebend ins Blinken geraten, wenn die Gefahr des Vergessens in Verzug ist. Ob es die 16-Jährigen Tüftler damit zum bundesweiten „Jugend-forscht-Wettbewerb“ Ende Mai in Dortmund schaffen, ist noch nicht klar – aber die Idee ist gut. Quelle: Deutschlandfunk – Forum Pisa – PISA-Informationen

Die Tasche der Kritischen Masse. Foto: Hufner

Das war 2005! Heute, in einer Zeit, wo man vom Internet der Dinge spricht, von der Vernetzung von Dingen mit Dingen, die dann heute eben auch noch autonom tätig werden, mutet diese Idee geradezu futuristisch an. Man könnte sich gerade fragen, was ist eigentlich aus dem Forschertrio geworden. Theoretisch könnten sie ihr Studium schon beendet haben. Theoretisch könnten sie jetzt schon an der Schaltstellen des smarten Haushalts stehen. Was wurde daraus?

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01. ↑ Mittlerweile muss der Autor „Bastian gegen seine Liebhaber verteidigen“, und warnen vor einem einseitigen Missbrauch der Ergebnisse, Musik als Allheilmittel zum Pushen von IQs, für soziale Therapien oder gegen Fußpilz einzusetzen. Vereinfachungen in Schlagzeilen schaden eher als dass sie nutzen. Gleichermaßen könnte man auch mit empirischen Nachweisen und historischen Verweisen argumentieren: „Musik macht dumm – Musik macht aggressiv – Musik lässt Menschen blindlings marschieren – Musik…“ Denn, so ein Sprichwort in der Ukraine: „Wenn die Musik erklingt, ist der Verstand in der Trompete.“ In: nmz 2001/04. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

Der Beitrag Intelligenter Schulranzen erfunden [Jugend forscht 2005] erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Auf solche Ideen muss man erst einmal kommen. Der aktuelle Polizei-Newsletter berichtet von eine Untersuchung von Wissenschaftler an der Ludiwg-Maximilians-Universität München zum Thema „Musik und Aggressionen“. 01)Fischer, P., Greitemeyer, T. (2006), Music and Aggression: The Impact of Sexual-Aggressive Song Lyrics on Aggression-Related Thoughts, Emotions, and Behavior Toward the Same and the Opposite Sex, in: Personality and Social Bulletin 32 (9), 1165-1176. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9577_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9577_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] }); Dabei spielte man männlichen und weiblichen Probanden jeweils geschlechtszugeordnet männer- bzw. frauenfeindliche Musik vor. Welche Musik genau gewählt wurde, wie sich die Gruppe der Versuchspersonen zusammensetzte, geht aus der Mitteilung leider nicht hervor.

Nach entsprechendem Musikkonsum erhöhten sowohl Männer als auch Frauen die Dosis scharfer Chili-Sauce, die sie dem anderen Geschlecht verabreichen sollten; ihren Geschlechtsgenossen gegenüber erhöhten sie die Dosis nicht.02) Polizei-Newsletter 106, März 2008. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9577_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9577_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Welche psychologischen Prozesse hinter diesem Verhalten liegen, beantworteten die Wissenschaftler nach dem Bericht aus dem Polizei-Newsletter so:

Männliche Probanden assoziieren demnach nach dem Konsum frauenfeindlicher Liedtexte mehr negative Eigenschaften mit dem weiblichen Geschlecht und empfanden Frauen gegenüber stärkere Rachegefühle. Auf die gleiche Weise stellen sich die Assoziationen bei weibliche Probanden gegenüber Männern dar.03) A. a. O. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9577_03").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9577_03", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Die Sache ist an sich vielleicht gar nicht so neu. Zahlreiche Experimente aus der Sozialpsychologie haben in anderen Versuchen ähnliche Ergebnisse zutage gefördert; am bekanntesten vielleicht im Experiment von Milgram. 04)Stanley Milgram, Das Milgram-Experiment, Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, Reinbek 2004. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9577_04").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9577_04", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] }); Dass mit Musik ähnliche Reaktionen hervorgerufen werden können, wäre meine Intepretation bei aller Unkenntnis der Studie im Detail. Genauer zu spezifizieren wäre ferner der Einfluss der Musik im Zusammenhang mit den gehörten Texten. Sind es nur die Texte, die zu diesen Reaktionen geführt haben? Oder gibt es da auch noch einen speziellen Zusammenhang zur Musik selbst? Interessant wäre es, zu wissen, ob die genannte Reaktion durchgängig und prinzipiell war, bzw. wo genau vielleicht auch Abweichungen stattgefunden haben. Auch wäre es interessant zu wissen, ob Männer beim Hören männerfeindlichen und/oder frauenfeindlichen Texten unterschiedlich reagiert haben. Man könnte natürlich den Artikel selbst laden. Aber da schließt sich der Kreis zum vorhergehenden Text über das Urheberrecht. Bei der entsprechenden Institution gibt es die Möglichkeit den Text, anzusehen. Teuer und restriktiv:

You may access this article (from the computer you are currently using) for 1 day for US$25.00. (Quelle)

Für einen Tag für 25 US$? Das ist ganz schön happig für elf Seiten Text.

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01. ↑ Fischer, P., Greitemeyer, T. (2006), Music and Aggression: The Impact of Sexual-Aggressive Song Lyrics on Aggression-Related Thoughts, Emotions, and Behavior Toward the Same and the Opposite Sex, in: Personality and Social Bulletin 32 (9), 1165-1176. 02. ↑ Polizei-Newsletter 106, März 2008. 03. ↑ A. a. O. 04. ↑ Stanley Milgram, Das Milgram-Experiment, Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, Reinbek 2004. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

Der Beitrag Chili-Sauce als Messinstrument erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Richard Sennetts reichhaltiges Buch “Respekt im Zeitalter der Ungleichheit” (Berlin 2003) ist eine schöne und komplexe Studie zur Frage der Herstellung von Respekt und seiner Verwirklichung bzw. seiner Verhinderung. Zahlreiche Schilderungen einzelner Phänomene, autobiographischer Art wie aus der Welt der weiten Soziologie und Politikwissenschaft, werden angeführt, analysiert und im historischen Kontext begriffen. Ein Buch, welches dennoch mehr Fragen hinterlässt als Erklärungen. Solange Sennett im historischen Kontext bleibt, ist eigentlich immer alles sehr klar und nachvollziehbar. Geht es um die Gegenwart werden Sennetts Fragestellungen immer ratloser. Das ist nicht ungewöhnlich und man muss es nicht als Manko auffassen. Dadurch bleibt es anregend und diskussionswürdig. Seine Schlussfolgerung am Ende des Buches zeigt die Freude und die Hilflosigkeit gleichzeitig:

„Wenn ich aus meiner eigenen Erfahrung einen Schluss ziehen kann, so den, dass Selbstachtung, die auf Können beruht, allein noch keinen gegenseitigen Respekt zu schaffen vermag. Es genügt auch nicht, in der Gesellschaft das Übel der Ungleichheit zu bekämpfen, um gegenseitigen Respekt zu wecken. Der Kern des Problems, vor dem wir in der Gesellschaft und insbesondere im Sozialstaat stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben. Darstellende Künste wie die Musik öffnen den Blick auf Elemente, die auf Zusammenarbeit ausgerichtet sind, auf die Ausdruckspraxis gegenseitigen Respekts. Die hartnäckige Tatsache der sozialen Teilung bleibt gleichwohl ein Problem der Gesellschaft.“ [S. 317 f.] [Hervorhebung MH]

Ist das wenig oder ist das viel als Ergebnis der Studie?

[22. März 2004]

Der Beitrag Sennett und die Ratlosigkeit erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Das Vaterland hat einen Platten. Heute in der Nähe des Wochenmarktes in Kleinmachnow gesehen. Es gab schon Marken mit Position! Wenn man sich über Wikipedia etwas schlau macht, dann wird man feststellen, dass die bei „Vaterland“ zuerst eigentlich als „Firma Herfeld & Co. zunächst Blasinstrumente und Akkordeons“ herstellte. Man „war damals einer der führenden Versandgeschäfte von Musikinstrumenten und Hersteller in Deutschland. Das Unternehmen ging aus dem Betrieb der Familie Herfeld hervor und stellte bis 1933 weiterhin vor allem Musikinstrumente her, ehe es 1933 die Produktion auf Fahrräder umstellte.“ [Wikipedia-Eintrag] Liegt ja auch irgendwie auf der Hand. Hat viel mit Rohren zu tun.

1933? Besser, man fragt nicht nach.

Das Vaterland hat einen Platten. Foto: Hufner

Eine kleine Playlist zum Thema. Mit dabei das leider ganz furchtbare Stück von Wilhelm Furtwängler. Er war wirklich kein besonders großartiger Komponist. Wirklich nicht. Kann man echt nicht sagen. Mit dabei aber etwas von der Platte „Russland wie es singt und lacht“ und die Nationalhymne Uruguays.

Zum Thema im weiteren Sinn hat auch Gerhard R. Koch sich in der aktuellen nmz geäußert, sehr umfangreich übrigens.

Rückzug ins neunzehnte Jahrhundert 
Dichter, Denker, Tonsetzer: geisteswissenschaftliche Deutschland-Suche als Nabelschau · Von Gerhard R. Koch

Sehr zur Lektüre empfohlen, auch wenn ich in einigen Punkten ganz zweifellos nicht zustimmen würde. Immer noch gut die Texte aus der testcard #16 Extremismus, Mainz 2007.

  • Torsten Nagel: „Es ist deutsch in Kaltland“. Die Verschmelzung von Pop und Nation zum Mainstream.
  • Jens Thomas: Anti-Anti-Flag. Über den neuen Normalisierungsschub von Nationalfarben.
  • Martin Büsser: Alles nur ein Missverständnis. Über die Verwurzelung „extremer“ Musik in der bürgerlichen Kultur und den „Extremismus“ des Mainstreams.

Leider ist testcard unterdessen etwas müde geworden. Ausgabe #25 zum Thema „Kritik“ sollte erst im Mai kommen, jetzt im Juni … und immer noch nichts da.

Nur mal so in den Ring geworfen. Hört man sich die Stücke da so ein bisschen nach Text und Kontur an, geht es immer um die Bestimmung der Kulturwerte, die man für sich vertreten will; Werte, die man verwirklicht sehen möchte. Vor allem aber eben Dinge, die einen für andere attraktiv machen sollen. Das beste Land will man irgendwie sein, besser als andere oder wenigstens ebenso gut oder schlecht. Neidkultur ist somit gewünscht von allen anderen Seiten. Das Willkommen hat seinen Grund ja nur darin, dass man sich so gut fühlt. Im Allgemeinen und im Besonderen.

Dass das nicht so ganz glückt, machen Wiglaf Droste und Funny van Dannen schon klar. Vor allem van Dannen mit einer unglaublich geschickten Argumentation. Bei der man Liebe und Unglück in einem spürt. Jedenfalls Reflexion!

Der Beitrag Vaterland! erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Es ist eine Ewigkeit her, da habe ich auf der Dult in Regensburg dieses Päckchen mit Taschentüchern geschenkt bekommen. Eine Werbung für den privaten Radiosender Gong FM (gibt den noch). Ein Wortspiel mit unendlichen Verbindungen der Interpretation. Softie und Softies (andere Taschentuchmarke). Aber wie man die Sache auch dreht, da fasst ein junger Mann einer jungen Frau unter das Selbstgestrickte. Die Hosenreißverschluss der jungen Frau ist geöffnet und gibt den Blick frei auf Netzstrumpfhose und Slip. Der Mann hält den Kopf der Frau (vermutlich) sanft in seiner Hand. Die Blicke der beiden treffen sich. Ein Armreif, das Strickshirt, die Weste sollen wohl suggerieren, dass es hier um ein bisschen etwas wie Hippieeskes geht.

Dein Softie, Deine Musik. Produktwerbung auf einem Produkt. Foto: Hufner

Platsch „Dein Softie“ draufgebappt. Mein den Inhalt, aber vielleicht auch ein Attribut für den Mann da. So macht es also ein Softie soll es wohl heißen. Dafür geht der aber doch recht umfänglich heran. Dein Softie / Deine Musik? Was und wie kommt da nun die Musik ins Spiel. Das leuchtet mir nicht ein. Ich kann mir da keinen Reim und keinen Rotzki drauf machen.

Der Beitrag Wegwerfästhetik – Tränen und Rotz = Trotz erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Die Angst des Klaviers vor dem Auftritt. Foto: Hufner

Fasching und Sterben. Das stößt aufeinander in einem lyrischen Bild von Lichtenstein. Damit verbunden ein ästhetisches Ansinnen.

In der Lungenheilstätte

Viele kranke Leute gehen in den Gärten
Her und hin und liegen in den Hallen.
Die die Kränksten sind, verfiebern
Alle armen Tage in dem heißen
Grab der Betten.
Ach, katholische Schwestern schweben
Müd umher in schwarzen Gewändern.
Gestern ist einer gestorben. Heute kann einer sterben.
In der Stadt feiern sie Fasching.
Den Unterschied
Möchte ich Klavier spielen können.

Lichtenstein: Die Dämmerung. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 70353 (vgl. Lichtenst.-GG, S. 71)

Wie nur soll man den Unterschied spielen. Die Aufgabe scheint mir doch so grad recht groß. Obwohl, vielleicht gab es mal einen Komponisten, der das wirklich gekonnt hat: Alban Berg. Oder eventuell Paul Abraham. Es ist einfach so schwer.

 

Der Beitrag Rekursive Substraktionsmusik erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Das Internet vergisst nichts? Vergesst es. Dies und das vielleicht schon.

 

Die Website ist mir zu komplex.

; „D ccc – und das über zwei Tage. War schon. Bleibt nicht. Wird weniger?

Der Beitrag Komplexe Konzerte (Detmold 2016) erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

KlassikRadio – Hörerstruktur nach Alter.

Man weiß es nicht, ist es nicht doch eher eine Art Drohung? Das, höre ich sagen, entscheiden doch die Hörerinnen. Wo es einen Markt gibt, gibt es auch ein Angebot.

Nehmen wir einen öffentlich-rechtlichen Sender, der diesem Angebot am nächsten kommt, so fällt man zuerst auf mdr-kultur, ehemals mdr-figaro. Aus Informationen der mdr-Marktforschung wissen wir nun auch, dass man diesen Sender als trimedial auffasst.

„Die trimediale Marke MDR KULTUR erzielt 2,8 Prozent im Sendegebiet. Das sind 215.000 Personen, die täglich das gehobene Kulturangebot der Welle schätzen. Mit den Werten nimmt MDR KULTUR den dritten Platz unter den ARD-Kulturprogrammen ein.“ [Quelle]

Dritter Platz. Das könnte Mut machen. Oder das Gegenteil. In jedem Fall wird so geschönt, dass man einen Verlust zu melden hat. Von 3,3 % ist man auf 2,8 % Reichweite gefallen. Dabei ist aber auch interessant, wie sich das im Sendegebiet konkret auswirkt. Der MDR bietet dazu folgende Tabelle an:

  • Sachsen-Anhalt: 1,2 % gegenüber 1,8 % (-0,6 %)
  • Sachsen: 3,9% gegenüber 4,0% (-0,1 %)
  • Thüringen: 2,5 % gegenüber 3,6 % (-1,1 %)

Interessant wäre es, wie man sich diese unterschiedlichen Entwicklungen erklären kann. Sachsen mit Leipzig und Dresden halten die Stange, trotz oder wegen Pegida und Co. Das Kulturland Thüringen (mit Erfurt, Weimar, Eisenach, Gotha …) verliert extrem. Sachsen-Anhalt mit den großen Städten Halle und Magdeburg verliert, schon auf niedrigem Niveau, ein Drittel! Vielleicht ist die Datenbasis ja insgesamt klein, so dass schon kleine Gruppen zuu großen Effekten führen. Der Verdacht nährt sich, wenn man dagegen die Quoten von mdr-sputnik vergleicht (die für Thüringen nicht angeführt sind).

  • Sachsen-Anhalt: 7,9 % zu 9,3 % (-1,4 %)
  • Sachsen: 0,9 % zu 0,7 % (+0,2 %)
  • Thüringen: Keine Angaben (?)

Aber 7 % Unterschied zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt?

Aktuell sehen die Zahlen MA 2017 I für die Kulturwellen folgendermaßen aus:

  • 2,9 % – WDR 3
  • 2,8 % – SR2 Kulturradio
  • 2,5 % – mdr-kultur
  • 2,4 % – NDR-kultur
  • 2,1 % – hr2-kultur
  • 2,0 % – Deutschlandfunk
  • 2,0 % – BR-KLASSIK
  • 2,0 % – rbb-kulturradio
  • 1,9 % – swr2
  • 0,7 % – Nordwestradio
  • 0,6 % – Deutschlandradio Kultur
  • 0,0 % – DRadio Wissen

Wir sehen, dass wir eigentlich nicht viel sehen können, weil die Befragtengruppe für vor allem kleine Gruppen fatal sein kann. Ich habe das irgendwann mal 2004 ausgerechnet.

In der letzten Media-Analyse zur Quotenermittlung wurden 60.324 Personen in ganz Deutschland befragt. NDR Kultur erreichte deutschlandweit eine Quote von 0,4 Prozent Hörern. Das sind gerade mal 241,29 Hörer, genauer: Befragte, die angaben „gestern“ dieses Programm gehört zu haben. Damit weiß man allerdings nicht, was und mit welcher Dauer gehört wurde oder ob überhaupt gehört wurde. Um in der Media-Analyse 0,1 Prozent mehr oder weniger Hörer zu bekommen, bedarf es etwa 60 weiterer Personen. [nmz 10/2004 – 53. Jahrgang]

Und wenn, dann muss man das ganze über einen längeren Zeitraum hinweg beobachten. Generell lässt sich jedoch feststellen, dass nix wirklich besser oder schlechter wird, obwohl sich die Mediennutzung insgesamt doch sehr geändert hat in den letzten Jahren. War es früher der mp3-Player, ist des jetzt das Streamingangebot, was den Markt durcheinanderwürfelt. Fest dagegen sind die Haltungen (insofern man den Zahlen vertrauen will). Obwohl swr2 das beste Netzangebot aufzuweisen hat, steht er nicht besser als hr2-kultur mit seinem alten Webangebot. So what?

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„Von heute an soll sich der Bürger, wenn er die Straße entlanggeht, in jeder Minute an der Tiefe des Denkens großer Zeitgenossen ergötzen, er soll das farbige Leuchten der schönen Freude des heutigen Tages betrachten, soll allenthalben der Musik – Melodien, Getöse, Lärm – wunderbarer Komponisten hören. // Die Straßen sollen ein Fest der Kunst für alle sein.“ (Dekret Nr. 1 über die Demokratisierung der Kunst. Zaunliteratur und Hinterhofmalerei – Vladimir Majakovskij, David Burljuk, Vasilij Kamenskij)

Wenn schon alles in Umwälzung begriffen ist, dann kann man auch gleich richtig umwälzen. Die russischen Künstler saßen auf gepackten Koffern, es schienen Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Es war schon eine Art Stunde Null zur richtigen Zeit. In einer Zeit, als sowieso die Festung der Kunst bedenklich in alle Richtungen wackelte.

Und wieder findet sich hier der Verweis auf die Bedeutsamkeit des Verkehrs der Menschen: Bahnhof und Eisenbahn.

„Die Künstler und Schriftsteller sind angehalten, ohne zu zaudern nach den Töpfen mit den Farben und Pinseln ihres Gewerbes zu greifen und die Flanken, Stirnen und Brüste der Städte, der Bahnhöfe und der ewig flüchetenden Schwärme von Eisenbahnwaggons zu illuminieren und auszuschmücken.“ (ebenda)

Wobei hier das Wort „ausschmücken“ eigenartig anmutet. Oder vielleicht doch noch ein Rest des alten Denkens offenbart. Aber man hat tatsächlich ein buntes Wirken vor Augen.

„Wie Regenbögen aus Edelsteinen sollen sich die Bilder (Farben) in den Straßen und auf den Plätzen von Haus zu Haus spannen und das Auge (den Schönheitssinn) des Vorübergehenden erfreuen und veredeln.“ (ebenda)

Man reißt die Brücke nach hinten nicht komplett ab, wie auch die Anrede („Genossen und Bürger“) klarmacht. In der Musik geht man da noch am Weitesten: „Melodien, Getöse, Lärm.“ Veredeln heißt nicht beschmieren. Veredeln bedeutet verändern und nicht zerstören.

Dem einen mag es dennoch erscheinen, als ob man sich in die erste Reihe zu stellen wünscht. Die Gunst der Stunde könnte zur Umwälzung auch der Kunstwerte führen. Kunst für alle. Was braucht man da? Kunst! Wer kann sie besorgen? Der Künstler, die Künstlerin!

Das Manifest eint mit anderen der Zeit gewiss die Absicht, Kunst aus den Kunsttempeln zu holen aus „Palästen, Galerien, Salons, Bibliotheken und Theatern“, die man als „Abstellkammern und Schuppen der menschlichen Schöpferkraft“ – bzw. präziser, dieses „Dasein der Kunst … beendet.“

Nicht die Institutionen werden also demokratisiert oder geöffnet, sondern sie gelten als nur bedingt für alle zugänglich und damit defizitär. So die These der Autoren vor 99 Jahren.

Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, Stuttgart 2005, S. 140.

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Man kann Dinge noch so gut planen, die Art der Nutzung des Plans ist oft eine andere.

Weg und Umwege. Foto: Hufner

Warum soll man man den Weg einer Barriere wählen, wenn links oder rechts ein weniger komplizierter Durchgang zur Weiterführung des Weges möglich ist. Der direkte Geradeausweg wäre hier nur der wahrscheinlich bessere, wenn man in den Weg weiterginge, der geradeaus führt – in eine Sackgasse. Das ist aber nur für wenige Nutzer tatsächlich eine Alternative. Warum überhaupt ist hier die Zickzackbarriere nötig? Die Straße hinter der Barriere ist eine Spielstraße, auf der man motorisiert nur in Schrittgeschwindigkeit fahren darf.

Wie immer der Plan auch gewesen sein mag, er taugt offensichtlich nicht besonders.

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In einer Studie, die Google beauftragt hat, sollte eine investigative Forschungseinheit untersuchen, ob You Tube den Musikmarkt kannibalisiere. Irgendwie interessiert das so wirklich eher niemanden. Im deutschsprachigen Raum finden sich kaum Lektüren des Textes, der „Privileged and Confidential“ ist und unter dieser Adresse als PDF gelanden werden kann.

Nun, es ist ja auch klar, warum sollte man sich des Themas annehmen, wenn man von vornherein eigentlich schon keine besonders „objektive“ Untersuchung erwarten konnte. Freibier kannibalisiert auch schließlich auf keinen Fall Kaufbier. Aber immer mehr machen sich ihr Bierchen selbst. Wem das nicht reicht, der kann auch Leitungwasser abfüllen und „Bier“ drauf schreiben.

Man muss sich dem nicht widmen.

Figure 3: Illustration of beforeafter methodology

Die Autorinnen der Studie schreiben zu Erklärung der Grafik: „The solid red line represents the streams for a particular track in weeks where it was not blocked on YouTube, while the solid green line represents the number of streams for the same track in weeks where it was blocked on YouTube. The difference between the two is estimated by the beforeafter analysis.“

Ja, so geht das. Warum sollte man die Achsen auch so beschriften, dass man mit den Daten etwas anfangen könnte. Ob es vier zu drei Streams sind oder 4000 zu 3999? Wen interessiert es schon, wenn man zudem nicht einmal weiß, um welchen „Track“ es da gegangen ist, der geblockt wurde. Die Auflösung folgt später mit dem Ergebnis, dass in dem meisten Fällen es so gut wie egal ist, ob ein Track bei YouTube geblockt wurde oder nicht. Nein, im Gegenteil, in manchen Fällen war das Blocken so mit einem positiven Effekt für die Nutzung von Streams verbunden.

Statistically significant and positive songs of medium popularity have more streams if blocked on YouTube.

Nur im Fall von Songs, die älter als 18 Monate sind, sei unter bestimmten Voraussetzungen davon auszugehen, dass das Blocken sicht nicht positiv für die Nutzung von Streams darstellt.

Deshalb kommt die Untersuchung ja auch zu dem Ergebnis, dass YouTube andere Nutzungsmodelle von Musik kannibalisiert. Nein! Eben nicht. Denn bei den genannten Fällen handelt es sich ja nicht um den fetten Brocken des Gehörten.

For the popularity subsamples, the beforeafter analysis shows that YouTube blocking has no effect on streams of tracks with high or low popularity, but is associated with an ncrease in streams of tracks with medium popularity, ranging from 6% to 21%. However, these results for medium popularity tracks represent the smallest volumes, as these tracks are between the highly viewed top tracks and the long tail of songs that include the most significant volumes.

Na eben. Kannste vernachlässigen. Und die Studie eigentlich auch. Die Grafik oben war ja auch nur eine Scheingrafik, die keine konkreten Ergebnisse anzeigen sollte, sondern nur die Methode. Der zweite Strich hätte natürlich auch höher als der erste angebracht werden können. Das darf man nicht wörtlich nehmen, es reicht, wenn man trotzdem den falschen Eindruck bekommt.

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De Stijl“ hatte in Düsseldorf im Jahr 1922 seine „schöpferischen Forderungen“ in fünf Punkten zusammengefasst. Auch hier (wie beim polnischen Manifest von Bruno Jasienski), unter Punkt 5 wird ein Zusammenfallen von Künstler und Mensch gefordert, positiv gedeutet („Aufhören der Trennung“). Bei Punkt 4 findet sich ebenfalls eine nicht unbekannte Forderung: „Aufhören der Trennung von Kunst und Leben. (Kunst wird Leben.) (Applaus)“. (Schöpferische Forderungen von „De Stijl“, in: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, Stuttgart 2005, S. 275)

„Kunst wird Leben“ ist dabei präzise so zu verstehen, dass nicht das Leben zur Kunst wird, also nicht das Leben zu ästhetisieren ist, d agegen aber Kunst zum Lebensgegenstand zu werden habe. Wobei sicher „Gegenstand“ hier nicht ganz die Sache trifft. Der „röhrende Hirsch“ an der Wand über dem Sofa ist zum Beispiel längst Gegenstand des Lebens. Vielleicht aber, so wird ein Schuh draus, ist er eben nicht Kunst. Damit handelt man sich ein kleines Problem ein, das man unter Punkt 3 zu eng angeht: „Entwicklung eines universalen eindeutigen Gestaltungsmittels für alle Künste.“ Was kann das sein?

Man kann nur mutmaßen, welche Motivation hinter der Forderung nach der Verbindung von Mensch und Künstler steht. Ich denke, es wird damit unter anderem etwas gegen den Begriff der Kunst aus dem Volke, einer Volkskunst, entgegengesetzt und dadurch mit der „fortschrittlichen Kunst“ verbunden. Eben, dass man sich gerade ja nicht eine Kunstelite verstanden wissen will, aber auch nicht als Verwalter einer dumpfen Volkstradition. Wenn jeder Mensch ein Künstler sein kann, dann gehört die Kunst zum Leben und ist nicht von diesem zu trennen. Man gewinnt Abstand zur Tradition, der gegenüber niemand verpflichtet sein soll. Die Schwelle zur Kunst soll damit auf das Niveau des allgemeinen Lebens herabgesenkt werden.

Diese Tendenzen könnte man nun zu der Zeit tatsächlich auch im musikästhetischen Bereich nachvollziehen. Dokumente des Alltags wie Zeitungsausschnitte (Zeitungsausschnitte von Hanns Eisler 1925-1927) oder Transportmittel (immer wieder die Eisenbahn wie in Pacific 231 von Arthur Honegger von 1923) bekommen gehen in die Musik ein.

Ich zitiere mich mal selbst:

Die „Zeitungsausschnitte“ stehen in einer ästhetischen Tradition, die seit Duchamps „Flaschenständer“ (1913) als Gegenbewegung zum ,19. Jahrhundert den menschlichen Alltag zum Kunstgegenstand erhöht. Diese Tradition erhält bei Eisler eine eminent politische Stoßrichtung. So wie die Texte dem Tagesablauf des gewöhnlichen Lebens entnommen sind – hier reimt sich nicht Schmerz auf Herz, sondern Arbeitslosigkeit auf Inflation – stellt sich die Musik in sinnfällige Beziehung zum Text. Wenn beim ersten Stück „Mariechen“ der deutsche Männerchor auftritt, wendet sich die Musik plötzlich ironisch auf das Feld der „bürgerlichen Gesangsvereine“. Genauso eindringlich ist die Musik im „Liebeslied eines Kleinbürgermädchens – Heiratsannonce“‘ das – gemäß der Vortragsbezeichnung – sehr „schlicht, einfach: ohne jede Parodie, Humor, Witz etc. vorzutragen sei. Durch die Verwendung rhythmisch und melodisch markanter Idiome führt Eisler den Text zur Selbstentlarvung, ohne sich darüber lustig zu machen. Dafür symptomatisch ist auch das „Liebeslied eines Grundbesitzers – Heiratsannonce“: Nach ausladenden melodischen Gesten verkriecht sich das Subjekt in seiner verzagten „Chiffre-Meldung“. [Musikkritik.Org]

Der Unterschied ist eben allein, hier wird „Leben zur Kunst“ (eher Alttagswelt in Kunst umgeformt) und nicht „Kunst zu Leben“. Da kommt der zweite Schritt nach dem ersten: indem die Künstler Kunst in die Lebenswelt zurückspiegeln. Die Sache wird ja verzwickt dadurch und ließe sich eigentlich nur dadurch lösen, dass man die Trennung zwischen Kunst und Leben aufzuheben trachtete. Aber das gerade macht man nicht. Die Kunst bliebe Kunst, auch wenn sie zu Leben würde. Umgekehrt aber verschwindet Kunst in dem Moment, wenn sie das Leben wäre.

Die „Forderungen“ waren Teil des umfangreichen Rechenschaftsberichtes der „Stijl“-Gruppe auf dem „Kongress der internationalen fortschrittlichen Künstler“ in Düsseldorf im Mai 1922. (Diese Quellenangabe erfolgt nach: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, Stuttgart 2005, S. 439).

Der Beitrag „Aufhören der Trennung von Künstler und Mensch“ [De Stijl, 1922] erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Man kann es kurz sagen und dabei eine lustige Weisheit abwandeln:

(Pop)Musik ist kein rechtsfreier Raum.

Wenn (Pop)Musiker*innen gelegentlich dazu neigen, in ihren Texten (denn es geht ja regelmäßig nur um Texte) sich explizit zu Politik zu äußern, so ist dagegen ja nichts zu sagen. Es gehört zum Spiel der Kunst dazu, mit Worten und Inhalten zu spielen. Keine Frage, (Pop)Musik ist gesellschaftlich relevant. Innerhalb bestimmter Gruppen und dazwischen ist viel Wortwurst möglich. Gelegentlich führt das zu manchem Todesfall.

Was aber immer mehr nicht mehr differenziert wird, ist, in welchem Umfeld sich Kritik darstellen kann. In manchen Gesellschaften ist ja sogar Musik selbst eine Sache, die nicht zu dulden ist. Man handelt schon gesellschaftskritisch, bobald jemand überhaupt einen Ton riskiert.

Eine Krähe. Foto: Hufner

Was Xavier N. nun macht, ist nicht mehr von Kritik allein gedeckt. Es finden sich direkt Aufforderungen zur Äußerung von Unmut, präziser zum Aufruf zur Gewalt gegen Menschen. Das hat aber eben nichts gemein mit Stücken aus den Bauernkriegen oder der französischen Revolution …

Kein Text ohne Kontext.

Wo der Text nicht ästhetisch gedeckt ist, als Kunstwerk oder durch eine ausdrückliche Sprechweise wie „Ironie“ oder „Satire“ in einem Rahmen, der grundsätzlich rechtsstaatlich gesichert ist, da bleibt ein Text nichts anderes als ein „Text“, die genau so wie jede sprachliche Äußerung im sonstigen gesellschaftlichen Rahmen zu werten ist.

Dass so ein rechtsstaatlich gesicherter Staat und seine Regierung sowie seine Institutionen grundsätzlich der Kritik sich aussetzen müssen, ist damit nicht infrage gestellt. Kritik gehört zum politischen Geschäft.

„Fuck The System“ kann im popästhetischen Diskurs gedacht werden. Aufruf zu Gewalt und ähnlichem ist dagegen nicht hinzunehmen. Auch (Pop)Musik ist kein rechtsfreier Raum.

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Man nehme ein bekanntes Gedicht und führe ein paar automatisierbare Operationen daran durch. So in etwa lässt sich das Hörspiel mit dem Titel „Die Maschine“ von Georges Perec ganz kurz zusammenfassen. Gesendet wurde es vom Saarländischen Rundfunk am 13. November 1968.

Wanderers Nachschicht

Als Grundlage diente Perec „Wanderers Nachtlied“ von Johann Wolfgang von Goethe. Es ist simpel, komplex und bekannt genug, um daran die Verfahren zu demonstrieren, die Perec in Stellung brachte. Allerdings ist es ist ganz sicher keine absolute Neuheit, Texte nach bestimmten Verfahren neu zu organisieren. Aber dennoch ist es ein typisches Verfahren, wie sich Text in den 50er bis 60er Jahren neu zu verstehen begann. Davon legen auch die zahlreichen „Neuen Hörspiele“ Zeugnis ab, die damals entstanden. Der interessante Versuch von Perec geht dabei nahezu am Weitesten und bleibt dennoch inkonsequent. Denn die Maschine taucht hier gar nicht wirklich auf, genauso wenig wie sie erklärt oder erklären lässt, warum sie derartige Operationen unternimmt. Die Antworten auf die Operationsbefehle geben auch wieder Menschen, die aber maschinell die Operationen ausführen – was aber auch nicht immer gelingt.

„Wenn man den Leuten nur begreiflich machen könnte, daß es mit der Sprache wie mit den mathematischen Formeln sei – Sie machen eine Welt für sich aus – Sie spielen nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus, und eben darum sind sie so ausdrucksvoll – eben darum spiegelt sich in ihnen das seltsame Verhältnisspiel der Dinge.“ [Novalis]

Ariane Steiner hat das in „Georges Perec und Deutschland: das Puzzle um die Leere“ (Würzburg 2001) einiges darauf verwandt, zu zeigen, wie die Ausarbeitung zugleich das Verhältnis der Sprache zur Kultur reflektiert. Dass mithin „Wanderers Nachtlied“ kein Zufallsopfer ist. Sie zeigt auch, wie das Stück in seiner Umsetzung abweicht von einigen Grundideen, die Perec damit verband. Dies nur am Rande, ich kann hier nicht zu tief einsteigen.

Der Mensch, der Autor Perec, steuert das Sprachverfahren. Von simplen Ideen im Bereich der Syntax zu teils frappierenden Änderungen in der Semantik.

Es erinnert direkt an Samuel Becketts Watt [1953], wo an einer bestimmten Stelle Watt seinen Sprachstil nach bestimmten Merkmalen umstellt, was zunächst für seinen Begleiter unverständlich, später aber genauso gut zu verstehen war, bis die Sprache wieder nach einem anderen Prinzip geordnet wurde. (Samuel Beckett: Watt, Frankfurt am Main 1982, S. 74 ff.) Watt ist ja voll von ähnlichen Passagen, Aufzählungen, Umstellungen, mathematischen Operationen im und aus dem Text heraus.

Das Konzept steht, aber es wird noch nicht freigelassen. Es wird noch konfektioniert und das Ergebnis sondiert. „Die Maschine“ wird noch qualitativ bedient.

Ein Klassiker der Avantgarde ist es trotzdem, obwohl der Begriff „Klassiker der Avantgarde“ natürlich eine Unmöglichkeit ist. Doch das ist der Spaß, den ich mir dabei erlaube. Die Tarnkappe.

Der Beitrag Klassiker der Avantgarde: Georges Perec, Die Maschine (1968) erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Vor einiger Zeit habe ich über das Krenek-Genom nachgedacht und ihn mit der Erfindung der Musik von Phil Glass in Verbindung gebracht.

Heute gibt es eine neue Findung: Karel Goeyvaerts „Composition No. 4“ aus dem Jahre 1952 mit der er die Phasenschiebe-Musik von Steve Reich vorwegnimmt! Und keiner hats gemerkt.

Zuerst dachte ich dabei: Okay, dass das noch niemandem aufgefallen ist, erstaunt mich jetzt doch sehr, wo doch Goeyvaerts doch so ziemlich alles erfunden hat, was man musikalisch erfinden kann. Allem voran die „Serielle Musik“ mit seinem Stück für zwei Klaviere. Worüber man auch mal nachdenken könnte übrigens. Während um 1925 die Streichquartette nur so aus dem Boden spriessten, sind es zwischen 1948 und 1955 Stücke für Klavier (eins, zwei oder zwei- oder vierhändig).  Es hat alles seine Zeit.

Aber zurück zu Composition No. 4. Wenn ich das richtig sehe geht es hier um Töne (mit Pausen) von verschiedener Dauer, die andauernd wiederholt werden. Da diese Einzeltöne mit ihren Pausen verschieden lang dauern, verschieben sie sich mit der Zeit. Am Ende  liegen sie einigermaßen wieder übereinander und das Stück ist zu Ende.

Diese Technik der Periodik kennt man eigentlich auch schon von Glockengeläuten, die auch mit bestimmten Perioden aus Klang und Stille arbeiten, dabei spielen dann dann die Schwingungsdauern der Glocken ihre Rolle ebenso wie gewisse Zufälligkeiten der Mechanik.

Bei Reich findet man das in der Pendulum Music (1968) auch wieder – pendelnde Mikrofone.

Allerdings mit dem Kniff, dass hier am Ende der Schwingungsaktion eine dauerhafter Ton/Klang steht.

Wieder das gleich Prinzip mit anderer Pointe bei Ligetis „Poeme Symphonique“ für 100 Metronome (wobei man sich fragen darf, warum ausgerechnet 100 und nicht vielmehr 104?) aus dem Jahr 1962.

Übrig bleiben die die am strärksten aufgezogenen Metronome mit der langsamsten Schwingungszahl. Das ist mechanisch bedingt und dadurch etwas hervorsehbar. Der Weg ist der von einer chaotisch-wirkenden Gesamtsituation hin zu einer einfachen. Ebenso bei Reichs Pendulum-Music. Der Witz dabei ist ulkigerweise der, dass es sich ja doch nicht um chaotische Situationen handelt, sondern um ziemlich klare, eindeutige – wodurch sie sich wiederum von dem Glockengeläute unterscheiden, dass relativ chaotisch bleibt, die ganze Zeit über.

Der Beitrag Minimal und repetitive Musik – Das Goeyvaerts-Genom erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

„Jeder kann Künstler sein“, so steht es mitten in einem Text aus dem Jahr 1921 von Bruno Jasienski mit dem Titel „An das polnische Volk. Manifest in Sachen der sofortigen Futurisierung des Lebens“. Das Beuys zugeschriebene Wort: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist die spätere Konsequenz, die aus der Möglichkeit ein Faktum herstellt.

Seit gestern bin ich im Besitz eines der schönsten Bücher, die ich seit langem durchstöbern kann: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, erschienen bei Metzler.

Neue Welt. Foto: Hufner

So vieles aus der damaligen Zeit scheint kaum an Aktualität eingebüßt zu haben, jedenfalls tauchen bestimmte Fragen schon damals auf, die heute immer noch verhandelt werden. Oder schon wieder. Erste Überraschung, die Sache mit dem Futurismus ist nicht allein eine, die sich in Italien und Russland abgespielt hat. Hier haben wir ja ein polnisches Exemplar vor uns. Zweite Überraschung, die Anzahl der Manifeste, die dieses Buch versammelt, ist groß, sehr groß. Ein Manifest jagt das andere. Die Sprache ist fast durchweg fortissimo! Dritte Überraschung: Die Anzahl der damit verbundenen „Stile“ ist unwesentlich geringer, hat man das Gefühl. Da gibt es Manifeste von Autoren und Kunstformen, von denen ich noch nie gehört habe. Wahrscheinlich folgen die nächsten Überraschungen seitenweise.

Hier also die Futurisierung des Lebens:

„Eine Kunst, die in Konzertsälen, Ausstellungen, Kunstpalästen usw., die für einige hundert oder sogar einige tausend Menschen geschaffen worden sind, beherbergt ist, stellt ein lächerliches, anämisches Kuriosum dar, denn sie erreicht nur 1/1000000000 aller Menschen. Der moderne Mensch hat keine Zeit, um Konzerte und Ausstellungen zu besuchen, 3/4 der Menschheit hat nicht die Möglichkeit dazu. Deshalb muß sie die Kunst überall finden können. // Fliegende Poesiekonzerte und Konzerte in Zügen, Straßenbahnen, Kantinen, Fabriken, Cafés, auf Plätzen, Bahnhöfen, in Hallen, Passagen, Parks, auf Häuserbalkonen usw. usw. usw. zu jeder Tages- und Nachtzeit. (…) Der Künstler ist genauso eine Volksvertreter wie der Abgeordnete; er verfügt nur über einen anderen Aktivitätsbereich und andere Kompetenzen.“
Bruno Jasienski: An das polnische Volk. Manifest in Sachen der sofortigen Futurisierung des Lebens, in: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, Stuttgart 2005, S. 241 f.

Es fällt einem schwer, das wirklich zu kommentieren. Denn es frapiert einen nur. Diese Avantgarde war mindestens ihren Proklamationen nach Avant-Garde!

Der Beitrag „Jeder kann Künstler sein“ (Krakau, 20. April 1921) erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

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