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Impression 2007/10 – Mit Jakob van Hoddis

Thu, 10/04/2018 - 12:37

Ein Stillleben. „Ganz vertrackte Katarakte im Tackte …“ (Hoddis)

Impression aus dem Jahr 2007. Foto: Hufner

XI
Draußen

Die Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!
Vier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.
Ein Lackbeschuter stellt der Schnepse nach …
Da polterts her – Ein langgedehnter Krach:
Der Donner!
Au!
Ist die Reklame plump,
Blitz!
Ein feiner Mensch liebt nicht den lauten Mumpitz!
Das klingt ja ganz, als ob der dicke nackte Weltgeist
Ganz vertrackte Katarakte im Tackte knackte.01)Jakob van Hoddis, Gedichte, Frankfurt 1990, S. 24 jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8730_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8730_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Jakob van Hoddis, Gedichte, Frankfurt 1990, S. 24 function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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2004 – Neue Digitale – Siegeszug des Internets

Thu, 10/04/2018 - 11:09

Es ist manchmal erschreckend, wie bereits im Jahr 2004 die Perspektive des Internets von Agenturen beinahe hellseherisch vorausgeahnt wurde.

Da schreibt die „Neue Digitale (Link obsolet) – Kreativagentur für digitale Markenführung GmbH“:

„Kinder surfen lieber im Internet, als Fernsehen zu gucken“ – eine hervorragende Nachricht für unsere Branche! Der Siegeszug des Internets ist wohl kaum noch aufzuhalten. Interessant ist dies vor allem für Unternehmen, sind doch die Kinder von heute die kaufkräftigen Konsumenten von morgen.

Andererseits ist natürlich die Ehrlichkeit von besonderer Eleganz. Und von extremer Kreativität.

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Kalibrierung der Gesellschaft – Wiedervorlage

Fri, 09/28/2018 - 12:12

Man kann seinen Monitor mit einigen Mitteln kalibrieren. Dazu nimmt man wohl am besten ein System, welches einen Sensor hat, der die Farben prüft. Rot ist dann Rot, Grün Grün, Blau Blau und Grau Grau. Was das Kalibrieren nicht bringt, ist, ob das was auf dem Bildschirm an Bildern sich zeigt, ein gutes Bild ist. Es ist nur ein technisches Mittel, ein quantitatives Mittel, kein qualitatives.

Das weiß jeder, der dieses Mittel nutzt, oder er sollte es wissen. Das Kalibrierungssystem macht keine Inhalte. Wenn man sich auf die Situation der Gesellschaft bezieht kann man die Politik, so wie sie heute betrieben wird auf diese Funktion reduziert sehen. Nur, dass es hier nicht um Monitore oder andere Ausgabegeräte geht sondern um lebendige Subjekte. Schon an der Kalibrierung hapert es, aber alle Arbeit bezieht sich nur auf die technische Abwicklung und Optimierung des Zustandes — natürlich sind dahinter auch Inhalte verborgen, aber sie scheinen immer mehr zweitrangig. Verwaltung geht vor Idee. Warum etwas so oder so organisiert werden soll, was überhaupt organisiert werden soll, das bleibt meistens eine Leerstelle.

Es fehlt in der Regel der erste Schritt, der danach fragt, wie soll denn überhaupt Gesellschaft aussehen. Statt dessen: Wie kann sie funktionieren. Wie ist zu verwalten, was nicht funktioniert? Ein Großteil der Gesetze, die in der Regel das Ergebnis von Politik sind, kümmern sich nur um die andauernde Kalibrierung der Gesellschaft. Aber nicht als einer Gesellschaft von menschlichen Subjekten sondern als einer von technischen Problemen. Von Fallbeispielen, von Gegen-Ständen.

Das ist falsch und führt zu den bekannten Schwierigkeiten, die solange dauerhaft sind, wie dieses Denken vorherrscht. Der Status quo wird fortgeschrieben.

Eigentlich ist das ein alter Käse. „Familiären Defiziten und emotionaler Unterernährung ist nicht durch staatliche Subventionen und sozialarbeiterische oder therapeutische Reperaturversuche beizukommen“, schrieben 1993 Götz Eisenberg und Reimer Gronemeyer in „Jugend und Gewalt“. „Dennoch herrscht heute die Tendenz vor, alles in Funktionen zu zerlegen, als prinzipiell lösbares soziales Problem zu formulieren und für jedes Defizit einen Experten auszubilden, der es mit den ausgefuchstesten Methoden seiner Disziplin beheben soll.“

„Viele Dinge funktionieren so einfach nicht. „Solche Bereiche, in denen eine andere Logik als die der ‘gefühllosen Barzahlung’ gelten muß, sind zum Beispiel: familiäre Beziehungen, Krankenpflege, Kinderaufzucht und Hilfstätigkeiten. Zuneigung, Zärtlichkeit, Sympathie und Einfühlung lassen sich nicht monetarisieren und in bezahlte Dienstleistungen verwandeln“, heißt es da weiter.“01)Götz Eisenberg / Reimer Gronemeyer: Jugend und Gewalt. Der neue Generationenkonflikt oder Der Zerfall der zivilen Gesellschaft, Reinbek 1993, S. 68. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_1662_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_1662_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Schon daher müssen Gesundheitsreform, Schulbildung, Altenpflege scheitern, wie es es Pepa kurz dargestellt hat [Link defekt]. Gesellschaft, das ist nicht in erster Linie eine Haushaltsdebatte im Bundestag, nicht das Aufbürsten von Kunst und Kultur kraft Verband und Rat. All diese Kalibrierungsversuche bleiben was sie sind: Technokratische Lösungen, wo es viel tiefer innen kriselt. Sie sind Hilfsmittel, die hinzukommen. Sie sind nicht die Zwecke. Die ganze rechte Musikszene wächst und wächst. Musikmachen ist nicht gut an sich. Und man muss schon ziemlich kurz- und engstirnig sein, wenn man meint, wie es eine Yamaha-Werbung tut, dass durch Musik die Bemalung von Schulgebäuden eingedämmt werden würde. Nicht Musik macht Menschen gut, Menschen machen Menschen gut. Und auch das nur, wenn sie dazu in der Lage sind, wenn sie selbst nicht Gegenstände einer rein technischen Rationalität sind. Wenn man aber Menschen um ihre Menschwerdung bringt, dann kann man alles vergessen und so viel Geld und Gesetze einsetzen wie man will. Das wird nichts zum Guten wenden.

Beitrag aus der Kritischen Masse im Jahr 2006

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Götz Eisenberg / Reimer Gronemeyer: Jugend und Gewalt. Der neue Generationenkonflikt oder Der Zerfall der zivilen Gesellschaft, Reinbek 1993, S. 68. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Hausmeister einer Kunsthochschule 2007 – Eine Begegnung

Tue, 09/25/2018 - 12:57

Es war im Jahr 2007, ich war verabredet zum Gespräch mit Holger Schulze. Das ging erst schief, dann aber klappte es vorzüglich. Mir fällt da gerade beim Aufräumen der „Kritischen Masse“ ein Blogeintrag in die Hände, der deutlich macht: Die Personen, die heute rechtspopulistische Parteien wählen, die gab es damals auch. Natürlich gab es die, aber es gab keine Partei, die ihr Weltbild abbilden hätte können. Die gleichen Töne findet man heute genau so. Die Pointe ist aber auch die gleiche: Ein faktische Kenntnis in realen Dingen ist quasi nicht vorhanden.
[Reaktiviert aus der Kritischen Masse vom 28.9.2007]

Eine Verabredung zum Gespräch an einer typisch deutschen Kunsthochschule. Termin für 16:40, Raum 312. Unten an der Pforte dann freundliche Nachfrage und Anmeldung, dass man nicht wisse, wo Raum 312 sei. „Ach zu Dokter Müller wollen’se? – Nee, der is nicht da. Der war heute noch überhaupt nicht da.“ Denn der Schlüssel hängt im Schlüsselschrank.

Sag ich, mache nichts, sei ja auch noch zu früh da. Herr Müller werde schon kommen, denn wir seien verabredet. Und dann laufe ich an den Aushängen vorbei, blicke in die leere Cafeteria. Studenten geben Schlüssel ab beim Hausmeister. Er geht vor die Tür, eine rauchen. Sagt beim Rausgehen, ich solle bloß nicht einschlafen. Eine Frau gibt den Schlüssel, ob sie Italienerin sei, fragt er, nein, Griechin sei sie und sie habe letzten Sonnabend geheiratet.

Langsam wird es 17 Uhr und ich ärgerlich, dass Herr Müller nicht aufkreuzt. Gehe nochmal zum Hausmeister, frage ihn, ob es da nicht eine Sekretariat gibt, das man anrufen kann. Gibt es, aber das sei jetzt nicht mehr besetzt. Nun stehe ich vor ihm und er fängt ein Lamento über die Studenten an, die teilweise so arrogant seien, das könne man sich gar nicht vorstellen. Überhaupt sei ihm schleierhaft, was dieses Studieren bringen soll. So viele Leute werden ausgebildet, um dann keinen Arbeitsplatz zu finden, das könne man sich doch ausrechnen.

Dann beginnt der Staatskundeunterricht. „Wissen Sie, wir leben nicht in einem Rechtsstaat, wissen sie? Und auch nicht in einer Demokratie. Nein, sondern in einer Diktatur.“ Ich will fast bei allem zustimmen, warte aber ab. Er habe mit der Merkel höchstpersönlich gesprochen und die habe da auch keine Antwort drauf gewusst, meint er. Er habe früher mal beim Finanzamt Spandau gearbeitet, sagt er. Da sei so ein Türke gekommen, mit zwei Handys in der Hosentasche, ungelogen einer fetten goldenen Kette und der stieg natürlich aus einem Mercedes aus. Aber konnte kein Wort deutsch. Den habe man empfangen und hoffiert, seine Anträge ausgefüllt und am Ende bekam der eine Karte, mit der konnte er sich Geld ziehen. Das soll unsereiner mal machen.

In dem Moment klingelt eines von meinen zwei Mofiltelefonen. Herr Müller ruft an und fragt, wo ich denn sei, wir wären um 16:40 verabredet, meinte er am Telefon. Ja, das sei mir bekannt, sage ich und frage ihn, wo er denn sei. Na, Dingsdenburger Str. 45, in Raum 312, meint er. Das ist toll, ich bin beim Pförtner, der meinte, sie seien noch gar nicht eingelaufen. Ich komme sofort hoch, sage ich und frage den Hausmeister, wo Raum 312 sei. „Dort in den Fahrstuhl, dritter Stock, Sie werden es nicht verfehlen.“ Und ich gebe ihm keine Chance, noch mehr dazu zu sagen.

Das Haus verlasse ich nach kurzem, ignorant-arrogant stechendem Blick in Richtung Hausmeister-Loge gegen 17:45.

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„Ein Trauerspiel in der komischen Oper“: ARD-Kommentar von Evi Seibert – nicht komisch

Mon, 09/24/2018 - 11:48

„Ein Trauerspiel in der komischen Oper“ überschreibt Evi Seibert in einem ARD-Kommentar ihren Artikel. Das macht neugierig. Denn, fragt man sich, was ist denn schon wieder in der Komischen Oper los. Es ist ja doch klar, wenigstens das, dass es nicht um eine Analyse eines „Trauerspiels“ geht, so wie man es vielleicht von Walter Benjamin kennt. Sondern um die „Komische Oper“ in Berlin. Nur macht die keine negativen Schlagzeilen, soweit ich das aktuell verfolgen konnte. Interessant! Man liest da gleich vorneweg:

„Die Beförderung Maaßens war eine Entscheidung, bei der es nur Verlierer gibt – und steht symptomatisch für die Verfassung der Großen Koalition. Eine funktionierende Regierung sieht anders aus.“

Also Pustekuchen. Augenblicklich ist klar: Es geht gar nicht um die Komische Oper, sondern wieder um das Thema Nr. 1 seit drei Wochen: Seehofer und Maaßen. Schade. Falsche Fährte gewesen. Kann man also abhaken. Könnte man, denn der Schlusssatz des Kommentars ist kurios, kann man eben nicht:

„Wir haben vor einem Jahr gewählt – und nicht ein Jahresabo für die komische Oper erworben.“

Ja, wie nun? Echt nicht. Ja, leider. Ich denke, besser wäre es nämlich schon gewesen: für Maaßen, für Seehofer, für Merkel, für alle – und auch die Komische Oper. Obwohl die, im Gegensatz zum Innenministerium gut ausgelastet und belastbar ist.

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Wahlprüfsteine der Kritischen Masse: Die FDP [2005]

Sun, 09/09/2018 - 13:41

Keine Experimente: FDP

Die „Kritische Masse“ hat gestern bereits ihre Stimme abgegeben. Insofern ist für die Kritische Masse der Wahlkampf gelaufen, sie ist nicht mehr umzustimmen. Gestern hat die Kritische Masse übrigens auch einen neuen Personalausweis beantragt. Die Mitarbeiter im einwohnermeldeamt hier in Regensburg sind übrigens sehr freundlich und hilfsbreit. Ein paar Retuschen am Foddo waren nämlich nötig. So. Also die FDP — FDP eine Abkürzung. Parteien mit Abkürzungen sind prinzipiell nicht wählbar. Denn die abgekürzten Worte spiegeln dann wohl die gekürzten Inhalte wieder oder auch wider. In der Schweiz ist das beispielsweise die „Freisinnig-Demokratische Partei“. Die veröffentlicht dort zum Beispiel Vernehmlassungen. Eigentlich ein wunderschönes Wort, das die Deutschen so wohl nicht mehr kennen. Aber ich schweife ab.

Frau Soundso

Bembelkandidat hat neulich hier die FDP mit Käse in Zusammenhang gebracht. Etwas, worüber sich trefflich streiten ließe und was erst noch der Deutung harrte. Ist nämlich der Mond nicht auch aus Käse.

Die FDP neigt zu Doppelnamen: Leutheuser-Schnarrenberger, Wester-Welle, Mölle-Mann, Däubler-Gmelin, Hamm-Brücher, Arm-Reich. Das zeigt ein dyadischen Denken an, vermutlich, also eben rein parteienphysiognomisch gesehen. Politisch spielte die deutsche FDP nie eine Rolle in der BRD, sie machte nur Mehrheiten und schloss sich gerne einer Mehrheit an. Das nennt man dann wohl Opportunismus.

Dieses Dyaden-Denken spiegelt sich in den Wahlplakaten. „Dies so, jenes anders“ und vergaloppiert sich in Selbstwidersprüche. Steuern runter, Arbeit rauf, Kontrast. Mehr FDP, mehr Arbeit, Mimesis. Mal so mal so. Umso komischer, dass gerade die Partei, die in Dyaden denkt sich als dritte Kraft mal empfahl. Man lernt immer dazu.

Dritte Kraft

Das ist nicht gut. Und bisweilen peinlich. Nein, ärgerlich. Die FDP setzt sich für Spaß ein und für Fallschirmspringen und für die 18%-Klausel. Das heißt, nur jeder mit 18%-Blut darf wählen.

Ansonsten führt sie den Unterlitel: Die Liberalen, das heißt, man liest gerne Bücher. Das finde ich annehmbar, reicht aber nicht zu einer Wahlempfehlung, da könnte ja jeder kommen; und schließlich kommt es darauf an, welche Bücher. Eine Partei der Buchhalter.

Also, von meinem Vater sagte man sich, dass er mal in den 50er Jahren mit der Partei sympathisiert habe. Damals stand sie noch unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

Das ganz Blöde ist nur, es gab mal Leute, die ganz patent waren in der FDP wie der Baum, die Hamm-Brücher, Mischnick oder Koschnick — die bringe ich immer durcheinander. Die Hamm-Brücher ist vor ein paar Jahren dann doch endgültig ausgestiegen im Zuge der Möllemann-Zitate (also als Möllemann sich selbst zitierte). Das war ein guter Entschluss von der Hildegard Hamm-Brücher. Spätestens jetzt ist sie defacto wirklich nicht mehr wählbar.

Und natürlich: Klar, irgendwie haben die in Worten noch ein Restanstand in Sachen Bürgerrechte, stehen also gegen Schily- und Beckstein-Politik. Zumindenst im Buche, defacto findet auch ein G. Wester-Welle nichts daran, den Opfern von Big-Brother einen Besuch abzustatten.

Religiös steht die FDP nicht dem Katholizismus nahe, eher schon dem Goldenen Kalb und der Promotion, siehe oben die Dame. Es gibt unwahrscheinlich viele Doctores bei der FDP; ich sagte ja, die sind belesen.

Mein Fazit: Unwählbar, die FDP steht aber noch über dem Falz im Wahlzettel und das dürfte ein paar Stimmen bringen, naja, vielleicht so ein paar hundert etwa.

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Wahlprüfsteine der Kritischen Masse: Bündnis90/Grüne [2005]

Sun, 09/09/2018 - 13:24

Keine Abkürzung, dafür zu lang. Ja was denn nun: Bündnis 90 oder Grüne. Überhaupt Bündnis 90. Was soll denn das bitte sein. Strahler 70 kenne ich noch, war eine Zahnpasta. 2001 — Versand von Platten und anderem Gedöns. Grüne, Menschen in Grün, wie: Polizei?

Ich weiß nicht, Schily, ja der war „grün“. Ist jetzt Polizeiminister in der Regierung, hatta gut gemacht. Petra Kelly, General Bastian, Jutta von Ditfurth. Allesvorbei. Erinnere noch wie der spätere Bundesminister Rupert Scholz den Grünen ihren Parteistatus aberkennen wollte, weil sie partout nicht mit Koalitionswunsch antrat sondern explizit als Oppositionspartei. Das wird sie wohl wieder werden. Opposition ist gut, gerade für die Grünen. Kann man sich aber nicht mehr vorstellen — mit was sollen die denn Opposition machen; ist eine Vertrauensfrage.

Aus der alten Riege noch da der Herr Ströbele. Ach, klar. Erinnert sich noch jemand an das Rotationsprinzip in den 80er Jahren. War eine nette Idee, aber sinnlos, täte der Partei aber auch gut. Mal die alten Schranzen durchrotieren lassen, Trittin wird Künast, Künast wird Schily, Schily wird Fischer, Fischer wird Trittin.

Immerhin kommen die Grünen nicht auf die Idee, den sabbernden Krempel mit der Arbeit auf ihre Plakate zu kleben. Die haben ja auch Arbeit, vor allem vor sich. Ihr Spitzenkandidat heißt angeblich Joschka und zu dem soll man „Ja“ sagen. Warum, das sagt er nicht. Weil er Rheuma hat und einen guten Sessel braucht? Weil er sonst nichts zu tun hat?

Mittlerweile also angekommen in der Parteienlandschaft stehen sie aktuell davor, entweder da weiter zu machen, wo sie sowieso waren: Abnicken und Einpennen und Salutieren oder eben sich was neues einfallen zu lassen. Bloß wer soll sich da was einfallen lassen, mir fällt da niemand ein.

Die Grünen haben ihr Politikfeld verloren — okay, Windräder, Fahrradfahren und auf-Menschenrechte-vorallemwoanders-hinweisen. Gerne.

Unterstützung für die Pflanzen. Foto: Hufner

Rückblick: 1990 kamen die Grünen in Westdeutschland nur auf 4,8%, was nicht gerade viel war. Bündnis90 im Osten immerhin auf 6,2%, das machte zusammen 3,8 Prozent — obwohl, kann das stimmen? Im Bundestag saßen folglich nur die aus dem Bündnis90. Eine schlimme Schlappe für die West-Grünen damals. Wie auch immer, seither ging es vor allem im Osten mit dem Bündnis90 und den Grünen stetig berab. Dabei hat der Osten viel mehr Natur als der Westen. Da gibt es ganz viele tolle Seen zum Beispiel, plattenweise sozusagen. Der Wald ist noch herrlich chaotisch. Die Straßen sind inzwischen ausgebessert und die Wegweiser auf den Straßen auch einigermaßen verständlich. Aber dafür können die Grünen nun nüscht. Schade ist es um das Bündnis 90. Es zeigt, wie vergesslich man ist. Denken wir da beispielsweise an Wolfgang Ullmann, ein Querkopf, schrullig und klug, fast ein wenig weise und der letztes Jahr verstarb.

Oder Matthias Platzeck. Bündnis 90 hat sozusagen sogar einen Ministerpräsidenten. Nur ist der jetzt bei der SPD, weil er den Zusammenschluss von Bündnis 90 und Grünen nicht mitvollziehen wollte. Platzeck sagte in seiner Zeit als DDR-Minister beispielsweise:

„DDR-Min. Platzeck betonte die Notwendigkeit, die Selbstbestimmung der DDR zu erhalten. Es sei nicht Schuld der DDR-Bürger, daß es zu der jetzigen Lage gekommen sei; deshalb könnten sie mit Recht Hilfe erwarten. Das Vorgehen der Bundesregierung und die massive Einmischung der westdeutschen Parteien in den Wahlkampf der DDR erwecke dort aber den Eindruck der Fremdbestimmung; die Menschen hätten das Gefühl, sich nicht wiederzufinden. Der Kampf des Oktobers dürfe aber nicht umsonst gewesen sein.“

Alles aus und vorbei. Wiedervereinigung spielt jetzt bei den Grünen keine Rolle mehr. Achso, höre ich da sagen, wir sind doch längst wiedervereinigt. Naklar, nur der Osten wohl nicht, oder?

Grüne: ich sag ja zu gesundem Essen. Plakat 2005.

Die Sache ist natürlich zu ernst, als dass man sich damit auseinandersetzen müsse. Ansonsten sind die Grünen mittlerweile ein Verordnungs- und Korinthenkacker-Partei geworden. Von Eigeninitiative hält man nicht viel. Für alles muss es eine Verordnung geben, das Stapeln von Blechbüchsen, über den Inhalt von Schokolade, demnächst muss das wohl auch auf jedem säugbaren Busen vermerkt werden (siehe oben). Verbraucherschutz für Babies etc.pp. Nur die Grünen selbst haben Probleme damit, ihre Inhaltsstoffe anzugeben. Vielleicht ist da auch gar nicht mehr so viel dahinter.

Mein Fazit: Tendenziell noch wählbar, aber überflüssig. Die Partei sollte sich wieder darauf besinnen, dass es selbst zu den alten Bunt-Stick-Parteitagen mehr Substanz gab als jetzt. Für mein Gefühl sagen die mittlerweile zu viel „Ja“.

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Klimawandel!

Mon, 08/20/2018 - 15:10

Apropos Klimawandel: Dass es den gibt, erhellt sich allein schon aus der Tatsache, wie sehr die Menschen immer weiter verdummen. (Da schließe ich mich ausdrücklich gar nicht mal bei aus.) Interessant ist, wie die These vom totalen Verblendungszusammenhang dadurch wieder neues Gewicht bekommt. Ein Spaziergang durch das Netz belegt die Situation sehr gut. Da gibt es jetzt tatsächlich so etwas wie zuckerfreie Schulen, da will man Kinder, weil sie nicht mehr sinnentnehmend Lesen können mit zwei Jahren zwangsweise in Kindergärten stecken (anstatt deren Eltern!). Das geht so quer durch die Landschaft zumindest in der Gegend, die ich noch einigermaßen überblicken kann (also Deutschland).

Erkrankte Personen sollen sich künftig selbst behandeln. Nein, das müssen sie schon. Gerade im Bereich psychischer Erkrankungen muss sich der Betroffene selbst um alle Formalitäten kümmern. Klingt plausibel, ist logisch.

Lichterkette. Foto: Hufner

Überhaupt: Wie soll sich denn sonst erklären lassen, dass der Kraft von Argumenten viel einfacher und durchschlagender mit der Kraft von Empörung und Erregung begegnet werden kann. Georg Simmel:

„Es ist von einer noch gar nicht genug beachteten Bedeutung für die soziale Kultur, dass sich mit der verfeinernden Zivilisation offenbar die allgemeine Wahrnehmungsschärfe aller Sinne sinkt, dagegen ihre Lust- und Unlustbetonung steigt.“01)Georg Simmel: Soziologie, Frankfurt/M. 1992, S. 734. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_5818_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_5818_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Und er ergänzt:

„daß die nach dieser Seite hin gesteigerte Sensibilität im Ganzen sehr viel mehr Leiden und Repulsionen als Freuden und Attraktionen mit sich bringt.“02)Georg Simmel: a.a.O. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_5818_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_5818_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Das trifft eben auch auf das Denken zu. Es wird immer mehr gedacht und immer mehr Menschen beteiligen sich am Denken, gleichzeitig sinkt die Schärfe der Gedanken teilweise bis ins Bodenlose. Sofern man überhaupt noch von der Äußerungen von Gedanken reden kann und nicht vom bloß interessegetriebenen Geschwalle.

Ja, in der Tat, es gibt immer mehr Menschen, die Lesen können, aber immer weniger, die verstehen, was da geschrieben steht. Was Juan Allende-Blin einmal in einem Hörspiel ganz am Ende sagte: „Wer hören will, der hört auch aus der Ferne. Wer nicht hören will, der hört auch aus der Nähe nicht“ lässt sich anstandslos auf das Denken übertragen.

Die Netzkultur mit ihren #Hashtags-Zyklonen fördert diese Art des geistigen Klimawandels, ist Ergebnis und Ursache zugleich. Empörung wird so, als eigentlich wichtiges Kommunikationsmittel, zu reinen Bequemlichkeit und Klickroutine. Die Denkkampagnen sind mediengerecht produziert. „Schlag“-Worte werden zur verbalen Gewalt. Der Mob der Sesselfurzerinnen sozusagen macht seinem inneren Kesselüberdruck Luft. Die Zyklen werden immer kürzer, das Aufsehen muss entsprechend größer werden. Damit geht die Vereinfachung einher.

So einfach ist das. Und differenzierter zugleich.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Georg Simmel: Soziologie, Frankfurt/M. 1992, S. 734. 02. ↑ Georg Simmel: a.a.O. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Werbemittelschock [2005] – Merkel kommt, später dann die AfD

Tue, 08/07/2018 - 13:00

Merkel CSU

Man mag sich in Bayern ja wundern, dass die CSU mit einem Plakat hausieren geht, welches den Wechsel wünscht. Denn das wäre auch mal eine Aktion für Bayern selbst. Hier zu wählen, ist beinahe wie ein Faustkampf mit der Luft, die einen umgibt. Dennoch, ein Blick auf die CSU-Seiten schockt selbst den Zugereisten etwas.

Wer bitte soll den das sein, was dieses Plakat verheißt. Frau Merkel haben ja einige heute auf dem Kieker gehabt, weil die anscheinend gestern irgendwie im Fernsehen präsent gewesen sein soll. Handelt es sich dabei um das, was man da sieht. Mars-Wahlen vielleicht. Machen Rauten eigentlich schlank oder dick? Oder gar nichts. Frau Merkel scheint jedenfalls auf dem besten Wege der Gerundung. Fussball ist ja auch ein Thema. Und die Bayern aus München sind Meister, ein Fussballmeister aus Deutschland.

Bikini CSU

Und vor allem, passt das in dieses Teil, welches unter Sommerkrempel und Bademoden vertickt wird. Nischt gegen die Rauten von Blau und Weiß (der Bayer legt wert auf „Weiß und Blau“). Das ganze ist ja geredezu von skulpturaler Finesse. Das geht noch, das Merkel mal beiseite, aber wenn man sich die 20-Euro Badeshort vorstellt, an den Pobacken klebend von FJS, Stoiber und Söder, Huber und Gruber, Sepp und Depp? Ich weiß nicht. Da ist schnell die Geschmacksmauer durchbrochen.

Badehose CSU

Aber eigentlich wollte ich zu diesem Affentheater mein Maul halten. Ein erster Schritt ist die Vermeidung von Veranstaltungen mit sogenannten Politikern und Politikerinnen und mit Moderatoren und Moderatorinnen und Moderatörchen im Fernsehen. Also wirklich, ein Dvorak-Klaviertrio taugt mehr.

Erschienen in der Kritischen Masse im August 2005.

Nachtrag 2018: Interessant, wie sich offenbar die AfD mit ihrem Parteilogo und die geschwungenen Pfeil auf grafische Elemente der CSU-Plakate aus dem Jahr 2005 bezieht. Für die einen ein Zufall, für die anderen durchaus nicht.

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Shitstorm und 1935 [Karl Mannheim]

Fri, 08/03/2018 - 11:16

Irgendwie sind Shitstorms manchmal auch nicht weniger als die Schlägertruppen des 21. Jahrhunderts (des Internetzeitalters).

Crime Scene. Foto: Hufner

Karl Mannheim hat in Mensch und Gesellschaft01)Darmstadt 1958. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_4410_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_4410_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] }); zu erklären versucht, warum Dikaturen totalitär werden müssen.

„Der Widerstand, den moderne Diktaturen zu überwinden haben, ist infolge der vorausgegangenen durchgehenden Aktivierung der Gesellschaft so groß, daß man in die kleinsten Zellen und Verbände (bis in die Stammtischgesellschaften) eindringen muß, um die Macht zu erringen und zu behalten.“[S. 130]

Darum braucht man heute (Mannheims Text stammt von 1935) auch einen riesigen Propagandaapparat. Außerdem müsse man bestimmte „Volksgruppen zu Kontrollinstanzen der übrigen machen“ (S. 131). Vieles davon trifft heute in ähnlicher Weise zu. Nur der Begriff der kontrollierenden „Volksgruppen“ ist etwas fluider geworden. Und er ist von der Gegenseite längst so adaptiert, dass man nicht recht wissen kann, wer hier die Diktatur stellen will. Eine ebenso fluide übrigens. Das macht sie gerade im Netz sehr beweglich und manchmal (sehr) anonym.02)Man mag einnwenden: Entweder anonym oder nicht anonym – es gibt, scheint mir, aber Zwischenstufen wie eine nichtauthentische, anonymne Anonymität; eine mitunter fatale Beziehung. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_4410_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_4410_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Zuerst erschienen in der Kritischen Masse am 9. August 2012.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Darmstadt 1958. 02. ↑ Man mag einnwenden: Entweder anonym oder nicht anonym – es gibt, scheint mir, aber Zwischenstufen wie eine nichtauthentische, anonymne Anonymität; eine mitunter fatale Beziehung. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Sätze, die ich nicht mehr lesen mag

Thu, 08/02/2018 - 11:55

In ungezwungener Atmosphäre erleben die Besucher unterschiedliche Hörsituationen. Freie Bewegung beim Wandelkonzert, Liegemöglichkeiten in der Klanginsel und Konzerte in der Musikscheune schaffen besondere Momente.

Wie aus einem Urlaubsprospekt eines Reiseveranstalters. Fehlt nur das „einfach mal die Ohren Beine baumeln lassen“.

„einfach mal die Ohren Beine baumeln lassen“.

 

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Frühe Amerika-Kritik bei Tocqueville

Sun, 07/29/2018 - 14:38

Alexis de Tocqueville hat mit seinen Schriften „Über die Demokratie in Amerika“ eine erste große Schrift der Neuzeit mit soziologischem und politikwissenschaftlichem Anspruch geschaffen. So wie Engels 1845 den englischen Slums nachspürte und die sie umgebenden gesellschaftlichen Ketten bezeichnete ohne zugleich „die“ Theorie daraus zu entwickeln, hat Alexis de Tocqueville die 1830/40 mit der amerikanischen Gesellschaft gemacht. Von Kennern der Materie wird dieser Text als geradezu prophetisch gelobt. Aber die Stärke liegt in der Beschreibungsgenauigkeit, die eigene Wertungen weitgehend ausspart. Amerika liegt bei Tocqueville wie unter einem Mikroskop mit größtmöglicher Tiefenschärfe. An einer Stelle kommt er zu einer für mich ebenso erstaunlichen wie naheliegenden These: „geistige Freiheit ist in Amerika unbekannt“ schreibt er im Kapitel über den „Einfluss der Mehrheit auf das Denken“. Das leitet er wie folgt her.

„Die unumschränktesten Herrscher in Europa können heutzutage nicht verhindern, daß gewisse Gedanken, die ihrer Autorität abträglich sind, in ihren Staaten heimlich umlaufen und bis nahe an den Thron dringen. In Amerika ist das anders: solange die Mehrheit noch zweifelt, wird diskutiert, aber sobald sie sich unwiderruflich erklärt hat, verstummt alles, und Freunde wie Feinde scheinen sich dann gemeinschaftlich vor den Wagen der Mehrheit zu spannen. (…)

Ich kenne kein Land, in dem im allgemeinen weniger geistige Unabhängigkeit und wirkliche Diskussionsfreiheit herrscht als in Amerika. (…)
In Amerika zieht die Mehrheit einen drohenden Kreis um das Denken. Innerhalb dieser Grenzen ist der Schriftsteller frei; aber wehe, wenn er sie zu überschreiten wagt! (…)

Die Macht, die in den Vereinigten Staaten herrscht, duldet das [Widerspruch, selbst vor Hofe] nicht. Der leichteste Vorwurf berührt sich unangenehm, die geringste verletzende Wahrheit bringt sie auf; man muß alles loben, von ihrer Ausdrucksweise bis hin zu ihren echten Tugenden. Kein noch so berühmter Schriftsteller kann sich dieser Verpflichtung, seine Mitbürger zu beweihräuchern, entziehen. Die Mehrheit lebt daher in andauernder Selbstbewunderung; nur durch Ausländer oder durch die eigene Erfahrung kommen den Amerikanern gewisse Wahrheiten zu Ohren. (…)

Die Inquisition hat niemals verhindern können, daß in Spanien Bücher umliefen, die der Religion der Mehrzahl widersprachen. Die Herrschaft der Mehrheit in Amerika kann es besser: sie hat sogar den Gedanken getilgt, sie zu veröffentlichen. Man trifft in Amerika Ungläubige, aber der Unglaube findet dort sozusagen keinen Mund.“01)Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, Stuttgart 1985, S. 150-153. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_3158_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_3158_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Zuerst erschienen in der Kritischen Masse im Juli 2004.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, Stuttgart 1985, S. 150-153. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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1845 – Engels in England

Sun, 07/29/2018 - 14:20

“Bei Gelegenheit einer Totenschau, die Herr Carter, Coroner für Surrey, über die Leiche der 45jährigen Ann Galway am 14. November 1843 abhielt, erzählen die Journale folgendes von der Wohnung der Verstorbenen: Sie hatte in Nr. 3, White Lion Court, Bermondsey Street, London, mit ihrem Mann und ihrem 19jährigen Sohne in einem kleinen Zimmer gewohnt, worin sich weder Bettstelle oder Bettzeug noch sonstige Möbel befanden. Sie lag tot neben ihrem Sohn auf einem Haufen Federn, die über ihren fast nackten Körper gestreut waren, denn es war weder Decke noch Bettuch vorhanden. Die Federn klebten so fest an ihr über den ganzen Körper, daß der Arzt die Leiche nicht untersuchen konnte, bevor sie gereinigt war, und dann fand er sie ganz abgemagert und über und über von Ungeziefer zerbissen. Ein Teil des Fußbodens im Zimmer war aufgerissen, und das Loch wurde von der Familie als Abtritt benutzt.”  01)Quelle: Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England – Die grossen Staedte jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9578_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9578_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

„Daher kommt es denn auch, daß der soziale Krieg, der Krieg Aller gegen Alle, hier offen erklärt ist. Wie Freund Stirner sehen die Leute einander nur für brauchbare Subjekte an; jeder beutet den andern aus, und es kommt dabei heraus, daß der Stärkere den Schwächeren unter die Füße tritt und daß die wenigen Starken, das heißt die Kapitalisten, alles an sich reißen, während den vielen Schwachen, den Armen, kaum das nackte Leben bleibt.

Und was von London gilt, das gilt auch von Manchester, Birmingham und Leeds, das gilt von allen großen Städten. Überall barbarische Gleichgültigkeit, egoistische Härte auf der einen und namenloses Elend auf der andern Seite, überall sozialer Krieg, das Haus jedes einzelnen im Belagerungszustand, überall gegenseitige Plünderung unter dem Schutz des Gesetzes, und das alles so unverschämt, so offenherzig, daß man vor den Konsequenzen unseres gesellschaftlichen Zustandes, wie sie hier unverhüllt auftreten, erschrickt und sich über nichts wundert als darüber, daß das ganze tolle Treiben überhaupt noch zusammenhält.“ 02)Aus: Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England – Die grossen Staedte – siehe hier. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9578_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9578_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Aus der Kritischen Masse des Jahres 2004 gefischt.

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01. ↑ Quelle: Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England – Die grossen Staedte 02. ↑ Aus: Friedrich Engels – Lage der arbeitenden Klasse in England – Die grossen Staedte – siehe hier. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Meinten Sie vielleicht Hitler? [2006]

Sun, 07/29/2018 - 12:52

Meinten Sie vielleicht Hitler?

Wie bitte? Ich suche nur Fotos zum Thema Hitze. Yahoos Zooomr-Technologie. Passend dazu die Meldung aus dem Bundestag:

Im Mai dieses Jahres wurden insgesamt 1.177 ausländerfeindliche und rechtsextremistische Straftaten gemeldet. Dies teilt die Regierung in der Antwort (16/2195) auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion (16/1950) mit.

Die Zahl der Gewalttaten wird mit 88 angegeben und die Anzahl der Propagandadelikte mit 853. Bei 201 Straftaten innerhalb der „politisch motivierten Kriminalität – rechts“ wurde darüber hinaus ein fremdenfeindlicher Hintergrund bei 43 Gewalttaten und bei 47 Propagandadelikten festgestellt.

Bei den Straftaten wurden 758 Tatverdächtige ermittelt und 90 Personen festgenommen. Gegen fünf wurde Haftbefehl erlassen. Dabei gab es im Rahmen der rechtsmotivierten Straftaten mit fremdenfeindlichem Hintergrund 183 Tatverdächtige und eine Festnahme in 33 Fällen. Gegen drei Personen wurde Haftbefehl erlassen.

Das nennt man doch mal Ausbeute. Nönö. Wir leben in einem friedvollen und höflichen Miteinander. Ist doch pillepalle. Knapp 1200 Straftaten auf etwa 30 Tage, das sind ja nichtmal 40 am Tag und das deutschlandweit. Da müssen sich ja 80 Millionen Bürger die 40 Vergehen teilen. Und nur eine Festnahme im Falle von Straftaten mit fremdenfeindlichem Hintergrund. Das ist doch nüscht.

Die Anzahl rechtsextremistischer Skinhead-Konzerte in Deutschland ist im vergangenen Jahr mit 193 Veranstaltungen gegenüber 137 im Jahr 2004 deutlich angestiegen. Dies erklärt die Bundesregierung in der Antwort (16/2282) auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion (16/2164).
Dabei ging die Zahl der Veranstaltungen mit mehr als 300 Besuchern von 14 auf 11 zurück und auch die durchschnittliche Besucherzahl lag mit 160 Personen leicht unter der Vorjahreszahl mit 165 Besuchern.

Insgesamt seien 51 Konzerte vor oder während der Aufführung durch die zuständigen Behörden verboten beziehungsweise aufgelöst worden. Die Mehrzahl der Skinhead-Konzerte finde wegen des Verfolgungsdrucks der Sicherheitsbehörden, nach wie vor überwiegend unter konspirativen Umständen statt, heißt es in der Antwort.

Angestiegen ist laut Antwort dagegen im Jahr 2005 die Zahl aktiver rechtsextremistischer Skinhead-Gruppen, die bei einschlägigen Konzerten auftreten oder Tonträger veröffentlicht haben. Sie wird mit 142 gegenüber 106 im Jahr 2004 angegeben.

Eine ansteigende Tendenz zeigt sich laut Regierung auch bei der Zahl aktiver extremistischer Liedermacher, die sich im vergangenen Jahr mit 26 gegenüber 15 im Jahr 2004 erhöht habe. Eine Steigerung zeige sich ebenfalls bei rechtsextremistischen Skinhead-Musikvertrieben. Deren Angebotsseiten im Internet haben sich danach im Jahr 2005 auf 75 gegenüber 60 im Jahr 2004 erhöht.

Aber Musik haben sie schon, diese wenigen. Diese Nichtse.

Zuerst erschienen in: Kritische Masse 2006, am 27. Juli 2006.

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YouTubes kostenlose Armee der geistigen Verarmung

Sun, 07/15/2018 - 09:08

Ich muss schon sagen, so manche Saftsäcke gehen mir langsam ziemlich auf die Nerven. Im Moment solche, die Online-Plattformen als „kostenlose Werbung“ für den Künstler zwangsweise verticken wollen. Das Schlimme: Sie meines es ja gut, wahrscheinlich, in Wirklichkeit sind sie auch nur schlimme Exploitationsverlängerer. Jawohl. Sieht denn niemand, dass YouTube längst nicht mehr zentral eine Kreativitätsmaschine ist, so wenig wie Ebay Dachbodenverkauf?

Aber nee. Die Kreativitätsindustrie nähert sich in Haltung, Gebaren und Gehirnwäsche der guten alten Rüstungsindustrie an. Bald marschieren sie im Namen von Google und YouTube als kostenlose Armee der geistigen Verarmung.

PS: Ich mag mich täuschen, aber die genannten Personenkreise nehmen an Zahl immer mehr ab. Aber ihre Aggressivität steigert sich zuweilen.

Immer noch so, geschrieben 2001, am 15. Juli für die Kritische Masse

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2006 – Als ich einmal fast AOL deinstallierte

Thu, 07/12/2018 - 10:00

Sorry. Kann Probleme geben. Ich habe mal wieder eine neue, unnötige Spamstrategie für nucleus im Einsatz-Versuch. Bisher hat ja alles prima geklappt, es kam fast kein Müll mehr durch. Warum soll das so bleiben? Spamfight ist doch eine schöne Sache, vor allem, wenn man davon nix versteht, so wie ich.

Es ist mir so auch mehrfach gelungen, meine eigenen Kommentare auszusperren. So sitzt man wieder mal völlig unsinnigerweise am Rechner und installiert und deinstalliert.

Gestern beispielsweise wäre es mir fast gelungen AOL komplett zu deinstallieren:

Ich kann mir das Gezeter im Netz dann vorstellen. Bei Heise laufen die Foren heiß. „Wer hat AOL deinstalliert?“ – „Mit Linux wäre das nicht passiert …“ etc. pp.

Nachts dann Anrufe von besorgten AOL-Kunden. „Herr Hufner, ich komme nicht mehr an meine Mails. Irgendwer scheint AOL deinstalliert zu haben; ich habe da Sie im Verdacht, weil schon früher notorisch gegen AOL gestänkert haben?“ — „Nönö, ich doch nicht. Wie kommen Sie denn darauf?“ — Das passt wieder mal zu Ihnen, Ihr besserwisserisches binäres Denken. Warten Sie ab, ich bekomms sowieso heraus, gute Nacht.“ — “Vielen Dank für das nette Gespräch.“

Zuerst in der Kritischen Masse 15. Juli 2006

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Verklaufen™

Wed, 07/11/2018 - 19:00

Nach einem Durchtippfehler fiel mir auf, dass mir ein — wie ich finde — schöner Neologismus geglückt ist. Das neue Wort trifft sehr gut eine Verhaltensweise der Musikwirtschaft (aber wohl auch andere Wirtschaftsressorts). Also hier:

Verklaufen

Anwendung: Jemand will einem etwas, was einem selbst gehört verklaufen. Im Besitz von etwas sein, was man nicht besitzen kann, aber jemand anderem, vorzugsweise allen, gehört. Verklauf ist das zentrale Geschäftsfeld der sogenannten Creative Industries. Anwendung: Apple verklauft Downloads. Parteien verklaufen politisches Engagement.

Beitrag aus der Kritischen Masse vom 15. Juli 2005.

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Hochschule für Musik und Theater München: Präsident Redmann im Argumentationschaos

Sun, 07/08/2018 - 12:35

Die Hochschule für Musik und Theater München kommt nicht zur Ruhe – und sie kommt nicht einmal zu einer geordneten Unruhe. Für BR-KLASSIK hat Bernhard Neuhoff kürzlich den wiedergewählten Präsidenten, Bernd Redmann, für ein Interview gewinnen können. Wir erinnern uns: Es handelt sich um die Hochschule, in der während der alten Amtszeit des Präsidenten Redmann einige höchst ungute Verhaltensweisen seines Vorgängers und wohl auch eines Kompositionsprofessors das Licht der Gerichte erblickten. Während dieser Amtszeit hat deshalb die Hochschule eine Umfrage zu sexuellen Übergriffen am Haus gestartet, die, sagen wir es mal höflich, mit einigen Problemen zu kämpfen hat. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse dieser Umfrage sind nicht wirklich bekannt.

Bernd Redmann äußert sich zu dieser Thematik im Gespräch mit Bernhard Neuhoff. Leider im Ergebnis ergebnislos, dafür in der Sache einigermaßen widersprüchlich. Neuhoff fragt zum Beispiel: „Ein Spiegel-Artikel hat Zahlen genannt, die auf dieser Umfrage beruhen. Sie haben sich dazu bisher noch nicht geäußert. Warum halten Sie diese offenbar sehr brisanten Dinge bislang unter Verschluss?“

Antwort: „Dazu möchte ich zunächst sagen, dass diese Umfrage, wenn man so möchte, ein Vorreiter-Projekt ist. Meines Wissens sind wir die erste einzelne Hochschule in Deutschland, die so eine Umfrage überhaupt gemacht hat.“

Und etwas später heißt es dann lapidar:

„Ich will allerdings sagen: bei den wenigen vergleichbaren Umfragen, die es gegeben hat, sind auch vergleichbare Ergebnisse herausgekommen.“

Was will uns das sagen? Alle Umfrage zum Thema ergeben vergleichbare Ergebnisse. Ergebnisse, die a) niemand wirklich kennt, weil sie nicht veröffentlicht sind (wie will man Ergebnisse vergleichen, wenn die Daten der Ergebnisse unbekannt sind); b) dass es mit der Vorreiterschaft nicht so weit her ist und dass c) dazu gleich.

Denn dieses „Vorreiterprojekt“ war nicht gut gemacht, das gesteht sogar Bernd Redmann ein:

„Die Umfrage war von Ihrer Fragestellung her nicht differenziert genug. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: wir haben nicht klar differenziert, ob diese Vorkommnisse im Hochschulbereich stattgefunden haben oder im privaten Bereich. Ebenso bei der Zeitachse: waren die Vorkommnisse aktuell oder liegen sie Jahre zurück?“

Man möchte weinend ergänzen, sexuelle Übergriffe etc. sind nämlich ein Zeitphänomen. Das ist stümperhaft, aber immerhin vergleichbar mit den Ergebnissen offenbar vergleichbar „stümperhafter“ Umfragen? Doch das Problem sieht Redmann an einer anderen Stelle: „Was wir nicht gut gemacht haben: wir haben uns vorher nicht überlegt, wie wir die Ergebnisse kommunizieren.“ Genau. Das eben auch, sozusagen on top! Warum eigentlich, denn die „Umfrage war anonymisiert, das heißt, da kamen letztendlich statistische Ergebnisse heraus.“ Auch das erstaunt den Sozialwissenschaftler in mir. Denn, was man damit sagen will, liegt im tiefsten Dunkel. Kurios wirkt da die Ergänzung Redmanns: „Wir hatten eine kritische Nachfrage vom Landesdatenschutzbeauftragten und mussten auch noch mal nacharbeiten. Und er hat uns auch darauf aufmerksam gemacht, dass das sehr sensible Daten sind, die wir nicht einfach nach außen tragen können.“ Es kamen nur statistische Ergebnisse heraus, die aber sensibel waren, obwohl die Umfrage anonymisiert war? Eine eigenartige Logik. Ja klar: „Man muss solche Ergebnisse interpretieren können und dazu braucht man einen ziemlich differenzierten Hintergrund, das weiß man aus den Sozialwissenschaften.“ Nicht gesagt hat er: Den haben wir nicht. Den hatten wir nicht. Es ist unser Fehler.

Man startet also eine Umfrage, erhebt sensible Daten (das war vorher wohl nicht bekannt), die man nicht bearbeiten kann, weil man dazu nicht in der Lage ist. Und weil das so ist, bleiben die Daten geheim. Mindestens würde man jetzt erwarten, dass sämtliche Daten auf der Stelle vernichtet werden, man sich bei den Teilnehmerinnen dafür entschuldigt und nach außen kommuniziert: Wir haben es verbockt. Das redet man aber offensichtlich klein, weil es ja vergleichbare Studien gäbe, die vergleichbare Ergebnisse erzeugt hätten, die aber, weil man sie nicht interpretieren kann, letztlich auch nichts aussagen. Ein echtes Null-Ergebnis. Und für die Studierenden: Kann man dieser Hochschule noch irgend etwas anvertrauen? Ich sage: Besser nicht.

Problem damit beseitigt. Es ist eben genau dieser Präsident der Hochschule, der dann letzte Woche, trotz all dieser Versäumnisse wiedergewählt worden ist. [irony an] Andere Hochschulen haben sicher vergleichbare Präsidentinnen oder Rektorinnen. [/irony off]

In diesem Argumentationschaos also bewegt sich der Präsident, der zugleich nicht müde wird, Kritik aus dem Inneren der Hochschule als ins „Demagogische“ gehend zu bezeichnen. So sieht eine souveräne Hochschulleitung wirklich nicht aus. Zumal wenn man zugleich den Autoren der Kritik im Kontext eines anderen Zusammenhangs beschuldigt wird: „Da wird der Bereich zwischen Wahrheit und Unwahrheit wirklich ausgelotet.“ Beim besten Willen, wie bezeichnet man denn den Bereich zwischen Wahrheit und Unwahrheit? Welche Differenzierung gibt es denn dazwischen zu finden. Genauso wie das nachgeschobene, dass der Autor laut einer Richterin „sich immer am Rande einer Falschaussage“ bewege. Auch das muss man wohl eher anders herum lesen, denn solange der Autor keine Falschaussage macht, sagt er zumindest wohl auch nichts „Falsches“. Also ist es eben mindestens „noch“ richtig was der Autor sage.

Wunderlicher Präsident, dieser! Aber es spielt auch keine Rolle in diesem Zusammenhang, was eine Richterin in einem anderen Zusammenhang sagt. Was immer die Richterin wohl gemeint haben könnte, wunderlich ja auch das, ein Straftatbestand wäre das schlicht und einfach ebenfalls nicht: Ich verurteile Sie, wegen „AmRandeDerFalschaussage“.

Nach außen hat Präsident Redmann keine Probleme auszuteilen, nach innen sind seine Aussagen konfus bis sinnlos. Aber wiedergewählt ist wiedergewählt. Das einzige Ergebnis, das man daraus ziehen kann, dürfte sein, man weiß, mit wem man die nächsten Jahre an der Münchener Hochschule rechnen kann. Die Lernkurve zeigt jedenfalls deutlich nach unten.

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