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Irgendwo in der Welt der Nachrichten folgendes aufgeschnappt. Da sagt ein deutscher Gesundheitsminister (Name vergessen) offenbar:

„Wenn wir reden und handeln in einer Haltung, die breite, sich bürgerlich fühlende Schichten zuletzt oft schmerzlich vermisst haben, dann können wir die AfD überflüssig machen.“

Jens Daskannstedirspahn habe das in einem Grußwort vor einem Treffen von sogenannten Werte-Unionisten der CDU gesagt. Das ist großartig. Der Mann hat die Lösung zur Verüberflüssigung der AfD gefunden. Damit geht er als erster durchs Ziel. Klar, leider ist das Ziel genau einen Meter hinter einer Klippe, wie dumm nur. Es ist also nicht weniger nötig, als den Wahn und den Wahsinn, die komplette Irrationalität sich zu eigen zu machen, um das Wahlvolk der AfD einzusammeln. Aber nicht, um es einzuhegen. Nein, um es zum Markenkern werden zu lassen. Stimmt doch, oder? Das sollen also „breite, sich bürgerlich fühlende Schichten“ sein. Nennen wir sie beim Namen, die Listen werden ja geführt wie unter Erklärung2018 zu finden (ich verlinke es mal nicht, selbst ist die sich bürgerlich fühlende Schicht).

Das ist eine Bratwurst. Foto: Hufner

Das ist leider die sich durchaus ausbreitende Weltsicht, bei der es nicht um richtige oder falsche Erwägungen geht, sondern um das Einfangen von Erwägungen überhaupt. Man muss die Chauvinistinnen da abholen, wo sie sind und sich deren Anschauungen zu eigen machen. Die „breiten, sich 2-und-2-sind-5 zusammenreimenden und die fühlenden Schichten“ brauchen eine neue Heimat. Und dafür letztlich gibt es das Heimatmuseum von Horstenichtskapiert Seehofer.

Im übrigen macht man mit all dem die AfD nicht überflüssig, sondern verdoppelt sie nur. Umsorgt von Ressentimentminister Wernichtshorstderhatschon Seehofer. Ressentiments brauchen eine Heimat, sie brauchen Pflege, scheint das Motto dieser Werteunionisten zu sein.

Überflüssig

Überflüssig hatte da in den Kreisen Wort- und Wertekonjunktur. Mit Einsicht in die eigene Situation hat das in dem Zusammenhang Manuel Hagelichsnistgesagt festgestellt: „Wenn wir keine Antwort darauf haben, was liberal und konservativ heißt, machen wir uns überflüssig.“ Genau so ist es aber. So oder so! Und charmant bekloppt unterstrich er das mit den Worten: „Der Doppelpass ist wie Petersilie auf dem Schnitzel: Beides ist überflüssig.“ Was allerdings nicht stimmt, außer in die eigene Richtung gesprochen. Wenn die so weiter machen, dürfte ihnen auch auffallen, dass die „CDU ist wie Denken fürs Gehirn: Beides ist überflüssig.“

Überflüssig hier allerdings aus guten Gründen jedes weitere Wort.

Nachtrag: Warum Jens S. Gesundheitsminister ist – er „will“ sich um, Zitat, „gesunden Patriotismus“ kümmern. Wie der wohl aussehen wird, kann man an seinen aktuellen Verlautbarungen erkennen. Und das sieht leider sehr ungesund aus. An diesem Minister soll wahrscheinlich auch das Volksempfinden gesunden. Da bin ich lieber krank.

Der Beitrag Apropos: Jens Daskannstedirspahn und die Überflüssigkeitsgesellschaft erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Nach 2013 hat der ECHO Pop auch dieses Jahr wieder ein Problem. Ging es vor fünf Jahren um die Gruppe Frei.Wild, die nominiert war, was teilweise unter den Mitnominierten zu Übellaune führte, ist es in diesem Jahr Farid Bang und Kollegah. Es ist klar, dass in der Popmusik nicht immer alles nach heiler Schlagerwelt klingt und tönt – und textet. Es geht da auch schon mal „zur Sache“. Und eben auch darüber hinaus. Präzise wurden Künstler nominiert, bei denen aktuell die Textzeile „Mein Körper definierter als vom Auschwitzinsassen“ auftaucht.

Eigens für diese Zwecke hat sich der Bundesverband Musikindustrie [BVMI], die den ECHO betreibt, einen Beirat geschaffen, der unabhängig von Weisungen sich in Problemfällen dazu äußern soll, ob die nominierten Künstler auch weiterhin nominiert werden sollen. Die Entscheidung des Beirats ist für die ECHO-Jury bindet.

„Für die Prüfung solcher Zweifelsfälle hat der Vorstand des Bundesverbandes Musikindustrie vor einigen Jahren den ECHO-Beirat ins Leben gerufen, der vom Vorstand eingeschaltet werden kann. Als ein von der Branche unabhängiges Gremium beurteilt der ECHO-Beirat – unter Abwägung der künstlerischen Freiheit – die Vereinbarkeit eines Werkes mit grundlegenden gesellschaftlichen Normen und entscheidet, ob ein Künstler mit dem zur Diskussion stehenden Produkt von der Nominierung ausgeschlossen werden soll.“ [Quelle]

Die Idee ist prima. Denn sie entlastet das ECHO-Gremium davon, sich selbst zu positionieren. Egal, was der Beirat entscheidet, man hat dann jemanden, der die Entscheidung trägt und zu ihr stehen muss.

Der Beirat hat entschieden, sein Sprecher, Wolfgang Börnsen, erklärt:

„Bei der Nominierung der Künstler ‚Kollegah & Farid Bang‘ mit dem Album ‚Jung Brutal Gutaussehend 3‘ für den ECHO handelt es sich um einen absoluten Grenzfall zwischen Meinungs- und Kunstfreiheit und anderen elementaren Grundrechten. Wir stellen fest, dass dieses Album nicht auf dem Index der Bundesprüfstelle steht, schließen aber nicht aus, dass es noch eine behördliche Befassung geben sollte. Die Wortwahl einiger Texte, wie bei dem Titel ‚0815‘ auf der Beilage-EP ‚§ 185‘, ist provozierend, respektlos und voller Gewalt. Sie als Stilmittel des Battle-Raps zu verharmlosen, lehnen wir ab und möchten an dieser Stelle unsere deutliche Missbilligung gegenüber der Sprache und den getroffenen Aussagen unterstreichen.“ [Quelle]

Mit anderen Worten: Was da in den Texten der Autoren transportiert wird, missbilligt der Beirat. Er hält es sogar für möglich, dass die Texte so gestaltet sind, dass man sich „behördlich“ damit befassen wird. (Wäre es so, käme dieses Werk auf den Index, hätte es den Ausschluss vom ECHO zur Folge – so steht es in den Regularien.) Da dies aber bisher nicht aber der Fall ist, will man sich selbst nicht positionieren durch eine Ablehnung:

„Nach intensiver und teilweise kontroverser Diskussion sind wir dennoch mehrheitlich zu dem Ergebnis gekommen, dass ein formaler Ausschluss nicht der richtige Weg ist.“ [Quelle]

Dann eben nicht. Dann sollte man einen inhaltlichen Ausschluss vielleicht wählen. Dafür führt der Beiratssprecher auch genügend Gründe an:

„Wir nehmen wahr, dass nicht nur in der Musik, sondern auch in anderen Bereichen der Kultur, wie in Film, Theater und Malerei, eklatante Tabubrüche zunehmend zu den Merkmalen der Kunstfreiheit gehören. Auch sehen wir, dass Hass und Gewalt im gesamten medialen Umfeld zunehmen. Wir halten diese aktuelle Entwicklung in unserer Gesellschaft für bedenklich und falsch und beobachten mit großer Sorge die Aufwärtsspirale, die sich auch in der verbalen Missachtung von Gesetzen ausdrückt.“ [Quelle]

Hörthört. Die genannte Textstelle wird als Tabubruch wahrgenommen. Und als solche ist sie eben Ausdruck allgemeiner Tendenzen der Kulturentwicklung. Das ist zwar doof. Aber mit dem Begriff des „Tabubruchs“ auch irgendwie nobilitiert. Man muss ja die Tabus brechen, um weiter zu kommen, um etwas aufzudecken, was kulturell sonst behütet wird. Der Tabubruch adelt das Unterfangen. Die Logik der Argumentation erlaubt es dem Werk, als Kunstprodukt durchzugehen.

Wolfgang Börnsen. Beiratssprecher. Foto: Hufner

Aber ansonsten legt man die Hände in den Schoß und sagt sich: Nicht unser Problem. Das muss die Gesellschaft lösen. Jetzt ernsthaft. Dafür braucht es nur eine Institution (welche?), „die eine Plattform zur Auseinandersetzung mit diesem Thema schafft.“ Wir sind nur der Beirat, wir werden das nicht entscheiden. Das sollen andere. Nachher heißt es noch, wir würden Zensur ausüben. Es geht ja doch nur um den Satz: „Mein Körper definierter als vom Auschwitzinsassen.“ In der Branche ist das ein üblicher Verstoß, bloß ein rappender Bodycheck. Doof zwar und wir finden das gar nicht schön, aber normal in dieser Szene. Darf man sich das so vorstellen? Ja, nein. Sie missbilligen das und akzeptieren das auch nicht als Stilmittel des Battle-Rap. Aber, was soll’s. Nominiert ist nominiert. Ob das tolerabel ist, sollen andere entscheiden. In unserer Geschäfts- und Verfahrensordnung ist das Thema nicht vorgesehen.

„Deshalb appellieren wir an die politisch wie gesellschaftlich Verantwortlichen in unserem Land, eine ernsthafte Debatte über die Bedeutung und den Deutungsrahmen der Kunst- und Meinungsfreiheit zu führen. Es gilt, über alle Medienformen hinweg eine Institution zu bestimmen, die eine Plattform zur Auseinandersetzung mit diesem Thema schafft.“ [Quelle]

Denn: „Die Problematik, die an diesem Fall deutlich wird, reicht weit über den Musikpreis ECHO hinaus. Es ist eine Debatte, die die gesamte Gesellschaft betrifft.“ [Quelle]

Natürlich betrifft sie die Gesellschaft. Aber konkret geht es jetzt nur um die Zeile: „Mein Körper definierter als vom Auschwitzinsassen.“ Kann man unter Tabubruch abhaken? Wenn dann die Schlussformel sagt: „Wir sind bereit, uns aktiv an dieser Auseinandersetzung zu beteiligen“ [Quelle], so ist das glatt gelogen. Das ist der Beirat, wie er in seiner Stellungnahme bezeugt, eben nicht.

Wenn man dann in die Liste der Mitglieder des Beirats schaut, wird einem unwohl. Da sind Vertreter vom Deutschen Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der evangelischen und katholischen Kirche dabei, gegen diese Stimmen könnte der Beirat nicht diese Entscheidung fällen. Sie müssen die Sache wohl mitgetragen haben. Wie sie konkret abgestimmt haben, kann man nicht wissen, denn die Abstimmung ist geheim (warum eigentlich?). Durch ihre Teilnahme an der Besetzung des Beirats legitimieren sie das Gremium sowieso und es ist damit auch unerheblich. Sie meinen das wahrscheinlich tatsächlich ernst.

Twitterin Kunstfeler hat das eigentlich glasklar erkannt:

Wir halten fest: für den @ECHO_Musikpreis zählt (wenig überraschend) der Grundsatz Kommerz > Moral.
Und diejenigen, die diese geistig nicht besonders herausfordende Sendung schauen, können die Art der Sprache ganz sicher nicht als Kunst einordnen.

— kunstfeler (@kunstfeler) April 6, 2018

Ansonsten herrscht eben Gelassenheit. So sieht es Farid Bang.

Der BVMI sieht es gelassen, denn der hatte es nicht entschieden.

Der Beirat sieht es nicht ganz so gelassen, schiebt das Problem aber vor sich her. Was die beiden Kirchen und die Kulturverbandsvertreterinnen hier kundtun, das ist Vogelstrauß-Taktik nach dem Muster: Ist eben kompliziert: Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit sind irgendwie wichtig. Tabubrüche gehören zum Spiel. Satire und Kunst dürfen alles. Beirat ohne Stachel. Die Ruhrbarone sind da weniger zimperlich als ich:

„Die beiden [Kollegah und Farid Bang] verdienen gut mit der Vermarktung antisemitischer Inhalte und der entsprechenden Posen. Das ist nicht dumm, weil es genug antisemitisches Dreckspack gibt, das die Musik der beiden kauft, aber natürlich widerwärtig. Doch genauso widerwärtig wie Kollegah  & Farid Bang sind ihre willigen Helfer. Die Schreibtischtäter vom Bundesverbandes Musikindustrie e.V. und seinem Beirat …“ [Quelle]

Daher mal konkret an Olaf Zimmermann, den Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates: Ist es okay, wenn auch im Namen ihrer Institution Ihr Präsident diese Entscheidung mitträgt? Und an den Generalsekretär des Deutschen Musikrates: Ist es okay, wenn auch im Namen ihrer Institution ihr Präsident diese Entscheidung mitträgt? – Oh, Sie sind ja zugleich Präsident des Deutschen Kulturrates. Damit hat sich die Antwort wohl erledigt.

Nein, mit dieser Beiratstoleranz sind Sie Teil des Systems, das sie beklagen. Ist schon ein bisschen heuchlerisch, oder? Oder mehr??

Endlich könnte man mal ein bisschen Farbe bekennen – und lässt es dann. Gratulation, Deutscher Kulturrat; Gratulation, Deutscher Musikrat. Harmloser geht es nicht.

Für Ihre Unterlagen – Mitglieder des ECHO-Beirats:

  • Wolfgang Börnsen (ehem. MdB)
  • Klaus-Martin Bresgott (Rat der Evangelischen Kirche Deutschland)
  • Christian Höppner (Deutscher Kulturrat)
  • Martin-Maria Krüger (Deutscher Musikrat)
  • Uta Losem (Katholisches Büro)
  • Kurt Mehnert (Folkwang-Universität)
  • Ole Oltmann (Musikpädagoge)

Der Beitrag Rat-, hilf- und trostloser Musikindustrie-Beirat – ECHO Pop erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Der Musikpreis der Musikindustrie, der Echo, der hat jetzt sogar eine eigene Seite mit Fragen und Antworten. Man ist bemüht um Aufklärung. Viele Frage werden in den sozialen Netzwerken ja auch immer wieder gestellt und da kann man bequemerweise nun auf strukturierte Antworten verweisen. Die Antworten sind durchaus heiter im Tonfall. Man muss die sozialen Mediennutzer da abholen wo sie sind. Nämlich bei ihrer tippfritzeligen sturmerprobten Nervosität. Die Idee ist gut. Die Durchführung ist eigenartig.

So lautet die Antwort auf die Frage bzw. These: Letztendlich geht es doch nur um reinen Kommerz. [Das ist so abgründig wie alltäglich formuliert „doch“ „nur“ „reiner Kommerz“ – als gäbe es doch auch mindestens der unreinen Kommerz.]

Ja genau und das im positivsten aller Sinne! Unsere Gewinner und Nominierten sprechen die breite Masse an – die deutsche Mehrheit, um genau zu sein. Das bringt sie an die Spitze der Charts und damit in unsere Shortlist. Manch einer nennt es Kommerz, wir nennen es Erfolg. Und wir finden, Musiker sollen für ihren Erfolg belohnt werden, alles andere wäre brotlos und von Luft & Liebe allein wird niemand satt.

Das ist ein mentaler Brückenbau der „Sinne“ sondergleichen. Kommerz ist Kommerz, weil Kommerz Kommerz ist. Wer erfolgreich ist, hat eine breite Masse zur Grundlage (nämlich die deutsche Mehrheit) – dazu gleich! – und Erfolg muss natürlich belohnt werden (gemeint ist aber: sollte nicht bestraft werden). Denn wer erfolglos ist, ist auch wahrscheinlich brotlos und muss von Luft & Liebe sattwerden. Ja, so etwa – könnte auch von Jens Spahn sein.

Speziell die „deutsche Mehrheit“ sollte aber schon mal genauer unter die Lupe genommen werden. Wo ist sie, die deutsche Mehrheit eigentlich? Ist das die, die als Masse immer breit ist? Gemeint dürfte sein: die höchste Zahl von Käufern von „Musik“ in Deutschland (ob physisch oder latent unphysisch-digital). Natürlich werden dabei auch die mitgezählt, die nicht „deutsch“ in ihren „Dokumenten“ stehen haben. Aber man muss die Sache ja nicht unnötig kompliziert machen. Ich verstehe das. Mit etwas Reduktion will man etwas sagen, was jedes natürlich dem Lesestrom folgende Individuum implizit auch versteht.

Um das „Deutsche“ muss man sich keine Sorgen machen. Eher um die Mehrheit. Denn das impliziert eine Mehrheit. Es gibt Mehrheiten mit mehr oder mit weniger Mehrheiten. Auf jeden Fall sind mehr immer mehr als wenigere. Aber Vorsicht: Im Sprachgebrauch kennt man das von Abstimmungen oder Wahlen her. Der Antrag fand keine Mehrheit. Da geht es um absolute oder relative Mehrheiten.

„Die Gewinner und Nominierten sprechen die deutschen Mehrheiten an.“

So ließe sich das mal einkürzen. Das ist jetzt: Nicht wirklich was Neues. Man wird davon ausgehen können, dass die meisten Künstler gerne eigentlich fast jeden ansprechen wollen – und nur selten auch mal wen explizit nicht ansprechen. So wird das leider nix. Da ist ein Fehler. Mit „Ansprechen“ wird hier sicher ein „fühlen sich angesprochen“gemeint sein. Fühlen sich angesprochen äußert sich wie: Dass man die Musik kauft, um sie anzuhören, auf physischem Tonträger oder am Streamingdienst virulent-latent ihr sein Ohr leiht. Ein Mehrheit bedeutet in diesem Zusammenhang aber nicht, dass es mehr wären, die diesen Kaufschritt tätigen im Gegensatz zu denen, die die Sachen nicht gekauft haben. Aber!:! Auszuschließen ist das nicht.

Erfolg ist relativ. Foto: Hufner

Die deutschen Mehrheiten sind gewöhnlich ebenso [deutsche] Minderheiten. Und die erfolgreichen Künstler sind eben finanziell erfolgreich, relativ zu anderen Künstler, die das nicht sind. Und das ist eben Kommerz. Aber eben doch nicht zwingend im „positivsten Sinne“. Sondern im Sinn der Konstruktion einer Musikindustrie. Das ist nicht toll, das ist nicht schlimm. Das ist meistens völlig egal.

Nicht ganz: Aber Kritik am „Kommerz“ ist immer auch etwas billig. Kommerz kommt ja wo her und ist keine Erfindung der bösen kapitalistischen Industrie! Deshalb noch ein Wort zu Sonntag von TWA in Sachen Kommerz und so.

Und als Wort zum Sonntag:

„Indem sie [die Kulturkritik, MH] jedoch bei der Verfilzung von Kultur mit dem Kommerz stehenbleibt, hat sie an der Flachheit teil. Sie verfährt nach dem Schema der reaktionären Sozialkritiker, die das schaffende gegen das raffende Kapital ausspielen. Während aber in der Tat alle Kultur am Schuldzusammenhang der Gesellschaft teilhat, fristet sie ihr Dasein doch nur, wie, der ›Dialektik der Aufklärung‹ zufolge, der Kommerz, von dem in der Produktionssphäre bereits verübten Unrecht.“
[Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Kulturkritik und Gesellschaft. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 7402 (vgl. GS 10.1, S. 19)]

Und wie man sich das vielleicht vorzustellen hat, sagt Adorno an anderer Stelle zu Mahlers Musik:

„Nicht trotz des Kitschs, zu dem sie sich neigt, ist Mahlers Musik groß, sondern indem ihre Konstruktion dem Kitsch die Zunge löst, die Sehnsucht entbindet, welche der Kommerz bloß ausbeutet, dem der Kitsch dient.“
[Band 13: Die musikalischen Monographien: II Ton. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 10640 (vgl. GS 13, S. 189)]

Der Beitrag Kein ECHO aus der Echokammer der Musikindustrie. Oder: Über die deutsche Mehrheit erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Die AfD ist mit ihrem Antrag, Deniz Yücel von der Bundesregierung rügen zu lassen, da er angeblich ein Deutschlandhasser sei, gescheitert. Nun probieren sie es eben mit Hölderlin. Der ist auch zu rügen. Beweis:

Hyperion an Bellarmin

So kam ich unter die Deutschen. Ich foderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Oedipus zum Tore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten –

Wie anders ging es mir!

Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.

Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?

Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –

Die Tugenden der Alten sei’n nur glänzende Fehler, sagt‘ einmal, ich weiß nicht, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da noch lebt‘ ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was sie taten, nichts getan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen.

Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und kümmert sich nicht viel ums Wetter!

Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –

Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all ihr Klugen? der Erde Quellen und der Morgentau erfrischen euern Hain; könnt ihr auch das? ach! töten könnt ihr, aber nicht lebendig machen, wenn es die Liebe nicht tut, die nicht von euch ist, die ihr nicht erfunden. Ihr sorgt und sinnt, dem Schicksal zu entlaufen und begreift es nicht, wenn eure Kinderkunst nichts hilft; indessen wandelt harmlos droben das Gestirn. Ihr entwürdiget, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort, in unendlicher Jugend, und ihren Herbst und ihren Frühling könnt ihr nicht vertreiben, ihren Aether, den verderbt ihr nicht.

O göttlich muß sie sein, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht altert und trotz euch schön das Schöne bleibt! –

Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Türe saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht? Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu tun hat.

Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.

Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr Machwerk, das sie sich gestoppelt. O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimat aller Menschen ist bei solchem Volk und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so beleidigt wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der grobe Mut, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Segen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.

Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! –

Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in deinem Namen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitten.

Das führt zur Frage: Darf man in Deutschland zur Liebe zu seinem Land verpflichtet werden. Ist dann nicht jede Kritik an diesem Land „zersetzend“? Man muss den Text von Yücel nicht einmal als Satire auffassen. Mich deucht vielmehr, die AfD will sich auf dem Umweg über den Antrag zu Yücel einen Freibrief dafür ausstellen lassen, eben jedwede Kritik als akzeptabel zu titulieren. Was sie dabei aber vergisst und wo sie eben ihren Kategorienfehler unternimmt, bei Yücel und Hölderlin (pars pro toto) handelt es sich nicht um Äußerungen, die man als Politiker in einem Parlament tätigt, sondern um literarische Quellen, mithin eben um Meinungen, es geht um Meinungsfreiheit innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Diskurse. Anders bei den Poggenburgs, Storchs, Petrys, Gaulands, Curios, Jongens etc. pp.  und dem manifest rassistischen textens von politischer Agitation.

Und überhaupt: Gibt es nicht genug Grund auch dafür, manche deutsche politische Tätigkeit zu hassen und zu verachten (in Geschichte und Gegenwart)? Deutschland zu lieben fällt da doch einigermaßen schwer. Es ist wirklich alles andere als angesagt. Es zu lieben, solange in seinem Parlament Menschen (vorwiegend Männer) sitzen, die quasi jede Minute ihren Hass gegen dieses Land als Liebe zu diesem auszugeben versuchen, fällt schwer. Es ist annähernd unmöglich. Da hat dann Cem Özdimir schon recht, wenn er sagt: „Dieses Deutschland ist stärker, als es Ihr Hass jemals sein wird.“ Ja, man muss Deutschland gegen seine vermeintlichen Liebhaber verteidigen. Das hat Yücel in seinem Text getan, auch wenn es die Parlamentarier der AfD nicht verstanden haben, das hat eben auch Fridrich Hölderlin getan und es ist auch Bestandteil der Kinderhymne von Brecht.

„… Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin. …“ [Bert Brecht, Kinderhymne]

Eine Entsorgungsmentalität und eine Exklusionspolitik gehört da einfach nicht zu Deutschland für die die AfD auftritt und sich selbst damit nur meinen könnte.

Das ist die Verzwergung Deutschlands und die Abschaffung der Humanität für die die AfD eintritt. Nicht in meinem Namen. Und deswegen werde ich auch nicht müde werden, Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben, weil dies nötig ist und nicht allein solchen Ignoranten wie denen von der AfD zu überlassen ist. Wobei mir sich schon der Magen umdreht, diesen Leuten überhaupt so etwas wie Kritikfähigkeit zu attestieren. Dazu fehlen denen die grundlegenden Mittel und Techniken und überhaupt die Gegenstände oder Inhalte. Mehr als lauwarme Luft, die sich in sprachlicher Leere (allein in Beleidigungen, Herabsetzungen etc.) äußert, ist da nicht zu erwarten.

Der Beitrag AfD contra Hölderlin erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Die AfD schafft sich ab, das ist ihr Ziel, das sie aber nicht konsequent verfolgt. In ihren Texten zum Thema Kultur und Medien gibt sie es ja zu:

„Dauerhafte existierende Parallelgesellschaften führen sehr oft zu innenpolitischen Konflikten und können letztlich sogar den Zerfall eines Staates bewirken.“ [Quelle AfD]

Warum also protegiert sich die AfD mit ihrer Agenda als Parallelgesellschaft, die doch nach AfD-Auffassung diese zerstörerische Wirkung hat? Man kann es nicht anders verstehen als ein Angriff auf ihr eigenes politisches Treiben. Mit gleichem Verve sucht sie zur Zeit ja auch die Nähe zu Pegida und Co.

„Sie [die Multi-Kultur, AfD (aber eben auch die AfD selbst] löst die Gemeinschaft auf und befördert die Entstehung von Parallelgesellschaften.“ [Quelle AfD]

Und sie macht politische Organisationen wie die AfD möglich. Klarer kann man nicht ausdrücken, was das politische und gesellschaftliche Ziel dieser Partei ist. Sie will eine Einheitskultur, eine autoritäre Gleichschaltungskultur, sie will ihre eigene Parallelgesellschaft durchsetzen als alleinige Form von gesellschaftlicher Kultur. Das hat mit dem Grundgesetz in der Tat wenig zu tun, das eben zahlreiche Freiheitsrechte garantiert und nicht das Dogma der Einheitsdenke. Konsequent wäre es nach der ideologischen Bestimmung der AfD zumindest, sich aufzulösen – oder aber den Umsturz durchzusetzen. Ersteres wäre immerhin legitim, letzteres eine Sache für den Verfassungsschutz.

Inkonsequent ist es daher seitens der AfD, sich auf den Standpunkt zu stellen, mal folge der Idee einer Leitkultur.

„Diese fußt auf den Werten des Christentums, der Antike, des Humanismus und der Aufklärung. Sie umfasst neben der deutschen Sprache [übrigens ja eine Errungenschaft der Antike :), MH] auch unsere Bräuche und Traditionen, Geistes- und Kulturgeschichte.“ [Quelle AfD]

Ein Gemisch verschiedener kultureller Ansprüche und Werte wird da aufgezählt – so als ob man diese Werte fixieren könnte, dabei handelt es sich auch dabei schon um Gemische mit starken und schwachen Inhalten, ist eine willkürliche Setzung. Was denn anderes wäre dies als „Multi-Kulti“ [AfD], was sie selbst als „Nicht-Kultur“ schlussendlich bezeichnen. Deutschland war immer schon aus sich heraus ein vielfältig durch seine Geschichte geprägtes politisches Gebilde oder eine Konstruktion; die Grenzen fließend, die Verbünde wechselnd. Die letzte politische Initiative, die den Versuch unternahm, Deutschlands Kultur auf ein Leitbild zu fixieren hat die Welt und auch Deutschland selbst an den Abgrund geführt und größtmögliche Schuld auf sich geladen.

Wie engstirnig und gefährlich also die Einheitskultur der AfD aussähe, man mag es sich nicht ausmalen, sieht es aber längst deutlich an entsprechenden Staatsgebilden auf der aktuellen Landkarte.

Zur Erinnerung hier ein Text von Braudel, der zeigt, was der kulturelle Austausch in der Geschichte schon bewirkt hat.

„Denn lange schon ist das Mittelmeer Schnittpunkt verschiedener Welten. Seit Jahrtausenden strömt hier alles zusammen, wirbelt die Geschichte durcheinander und bereichert sie: Menschen, Lasttiere, Wagen, Waren, Schiffe, Ideen, Religionen, Lebenspraktiken. Und Pflanzen. Man glaubt, es seien Mittelmeergewächse. Aber abgesehen vom Ölbaum, vom Wein und vom Getreide — autochthonen, jedenfalls schon früh hier heimischen Pflanzen — stammen die meisten aus fernen Gegenden. Käme Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, der im 5. Jahrhundert vor Christus gelebt hat, heute als einer der ungezählten Touristen hierher zurück, er würde eine Verblüffung nach der anderen erleben. Ich stelle ihn mir vor, schreibt Lucien Febvre, »wie er seine Reise ums östliche Mittelmeer nochmals unternimmt. Wie würde er sich wundern! Diese schimmernden Früchte in den kleinen dunkelgrünen Bäumen, Orangen, Zitronen, Mandarinen, er könnte sich nicht erinnern, sie zu seinen Lebzeiten gesehen zu haben. Wahrhaftig, sie stammen aus dem Fernen Osten, die Araber haben sie eingeführt. Und diese ganz absonderlichen, stacheligen Pflanzen, blütenbestandene Pflanzenschäfte eigentlich, die merkwürdige Namen tragen, Kaktus, Agave, Aloe, und der Feigenbaum — auch sie hat er nie zuvor zu Gesicht bekommen. Wahrhaftig, sie stammen aus Amerika. Und die großen Bäume mit hellem Blattwerk haben zwar einen griechischen Namen: Eukalyptus, aber noch nie ist ihm ein solches Gewächs begegnet. Du liebe Zeit, sie stammen aus Australien. Auch die Zypressen sind ihm unbekannt, ihre Heimat ist Persien. Das ist freilich erst das Augenscheinlichste. Welche Überraschungen erwarten ihn, wenn er auch nur eine Kleinigkeit ißt — ob Tomaten, die aus Peru, oder Auberginen, die aus Indien stammen, so wie der Nelkenpfeffer aus Guayana und der Mais aus Mexiko, und der Reis ist ein Geschenk der Araber, ganz zu schweigen von den Bohnen und der Kartoffel, auch dem Pfirsich, der ursprünglich aus chinesischem Gebirge über den Iran zu uns kam, und schließlich dem Tabak«. Dennoch ist das alles zum Kennzeichen der Landschaft des Mittelmeers geworden: »Die Riviera ohne Orangenbäume, die Toskana ohne Zypressen, eine Marktauslage ohne Paprika … wäre das für uns heute nicht völlig unbegreiflich?« (Lucien Febvre, Annales, XII, 29)

Und wenn man ein Verzeichnis der mediterranen Bevölkerungen erstellte, der Menschen, die an den Gestaden des Mittelmeers geboren wurden oder Nachkommen derer sind, die einst hier zur See fuhren oder die terrassenartigen Haine und Felder bebauten, sowie der Neuankömmlinge, die allmählich in diesen Raum eindrangen, gewönne man nicht den gleichen Eindruck, den die Vielfalt seiner Pflanzen und Früchte in uns hervorruft?“

Braudel, Duby, Aymard: Die Welt des Mittelmeeres – Zur Geschichte und Geographie kultureller Lebensformen, Frankfurt 1987, S. 8 f.

Nun wissen wir, dass sich das Programm der AfD noch nie durch besondere Konsistenz ausgezeichnet hat. Und wir wissen auch, dass die AfD keines ihrer Ziele konsequent bis zum Ende denkt. Deswegen ist es natürlich illusorisch zu glauben, dass die AfD auflösen wird. Sie wird sich als Parallelgesellschaft und -kultur versuchen zu installieren. Das ist ihr immerhin gelungen. Das ist ihre Leistung. Dankbar sein braucht ihr dafür allerdings nicht. Aber wie soll man eine Partei politisch ernst nehmen, sie sich selbst nicht ernst nimmt. Es geht nicht. Es sei denn man gehört dieser Partei selbst an und lebt in dieser Wahnvorstellung. Und das hat nicht einmal mit Resten dessen zu tun, was sie selbst als Leitkultur proklamiert: Aufklärung! [Was Vernunft ist, bestimmt der AfD-Staat.] Humanismus! [Wer Mensch ist, bestimmt der AfD-Trupp.] Antike! [Was Logik ist, bestimmt die AfD]. Etc. pp.

Der Beitrag Die AfD will sich selbst abschaffen – aber nicht einmal das gelingt ihr erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

„Selbst die Studenten, die sich gegen ein Gomringer-Gedicht an der Wand ihrer Hochschule empören, weil es angeblich sexistisch ist, sind in dieser Hinsicht Kinder von Adorno, auch wenn sie den Namen nie gehört haben sollten.“ [Quelle: Die Welt. Tilmann Krause: Der Meisterdenker der 68er taugte einfach nichts]

In welcher Hinsicht? „Die Beurteilung eines Kunstwerkes nach moralpolitischen Kriterien.“ Der so argumentiert will damit die Untauglichkeit des Meisterdenkens eines Theodor W. Adorno darstellen. Und hat damit vollkommen ins Weiße getroffen. Man kann nun einfach einmal 1. Adorno nicht über seine philosophische Entwicklung en bloc analysieren und man kann 2. nicht moralpolitische Kriterien als Beurteilungsmethode Adornos entdecken. Das setzte voraus, er habe diese eigenartige Beurteilungsmethode als Grundlage gesehen. Bei jemandem jedoch, der aus den Werken herausliest, was sich in ihnen darstellt, weil sie so oder so gemacht sind und von da zurückgeht, ob sie darin „stimmig“ sind oder nicht, ist die „Analyse“ Krause kraus bis absurd. (Ehrlich gesagt, versagt vor so viel Unterstellung auch der Rest einer Korrektur („Kinder von Adorno, auch wenn sie den Namen nie gehört haben sollten“) – also wie Krause Kind von Björn der Brezel ist, auch wenn er den Namen noch nie gehört haben sollte? Jedenfalls ist Krause mindestens kein Kind von Traurigkeit sondern von ignoranter Dummheit.

Das könnten zwei kleine Zitate aus Adornos letzter Schrift, der Ästhetischen Theorie, unmittelbar klar machen.

„Nichts ist begriffen, dessen Wahrheit oder Unwahrheit nicht begriffen wäre, und das ist das kritische Geschäft.“ [Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 4037 (vgl. GS 7, S. 194)]

„Der geistige Gehalt schwebt nicht jenseits der Faktur, sondern die Kunstwerke transzendieren ihr Tatsächliches durch ihre Faktur, durch die Konsequenz ihrer Durchbildung.“ [Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 4040 (vgl. GS 7, S. 195)]

Es ist eben nicht da ein oberster Kunstpolizist, als den ihn Krause installieren möchte, um ihn darauf festzunageln und gleichzeitig zu demontieren. Darum aber geht es Krause, der ihn natürlich nur dann überhaupt angreifen kann, wenn er Adorno zuvorderst als „Meisterdenker“ qualifiziert und disqualifiziert.

Nur so kann er überhaupt die Gomringer-Sache einführen. Dass es Krause nicht um die Sache selbst geht, zeigen auch die beiden Fotounterzeilen, die den Blick der Leserinnen in die Irre führen sollen: „Oh, Gott! Lese ich da etwa gerade was Schönes? Schreckensstarr blickt der Kultursoziologe Theodor W. Adorno von der Lektüre hoch“ und „Elegant geht anders: Theodor W. Adorno in seinem Frankfurter Professorenzimmer“.

Eigentlich wäre der Text von Krause nicht der Rede wert, wenn er nicht zugleich in einem Gesamtzusammenhang der meinungspolitischen Ideen der WELT-Redaktion stünde. So hatte als Gastautor Marco Buschmann neulich schon seinen Gedankenlosigkeitsmüll über die 1968er ausgeschüttet.

Die Methode des Tilmann Krause ist so bestechend in ihrer Handhabung wie dürftig im Ergebnis. Wer da nichts taugt? Das weiß der Autor am besten, aber die Wahrheit hält er – denkt er wenigstens – geheim.

Joseph Werner: Diana von der Jagd ausruhend. 1663, Guache, 11,7 × 16,7 cm.

 

Der Beitrag Aus dem Leben eines Taugenichts: Theodor W. Adorno nach Tilmann Krause [Die WELT] erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Das Internet vergisst nichts, es behält auch nichts für sich. Es löscht sich, es publiziert sich. Es entschuldigt sich, es provoziert sich. Es ist wirklich alles andere als valide oder solide oder sonstwas. Informationen werden gefälscht, sie werden gedreht, sie sind unvollständig. Aber dafür gibt es immer viel Anlass, sich trotzdem zu positionieren. Denn keine Position muss gehalten werden. Sie zu ändern ist das eine und ein gewöhnlicher transformatorischer Vorgang des Lebens und des Lernens. Aber das Auslöschen der Vergangenheit ist ein Prozess der Verfälschung. Die „Fakenews“ sind gar nicht mal die aktuellen, sondern die kenntnisreduzierten und die eine Vorgeschichte umsteuernden.

Für die informationelle Unbedeutsamkeit von Facebook beispielsweise spricht, dass Facebook gar nicht exisitiert. So wie dieser Text hier temporärer Buchstabensalat ist. Facebook war gestern. Bei YouTube ist es auch so.

Prager Fenstersturz.

Der Witz ist allerdings, dass diese „stille Post“ gerne sehr laut wird. Aber ein bisschen wie in einer Übezelle. Die ist schallisoliert in einer Reihe weiterer Übezellen. Und so sind die Übezellen aneinandergereiht, in jeder geht es dann schon mal sehr laut zu. Man überbietet sich. Doch es dringt nichts nach außen. Durch Fenster gewinnt man einen Einblick und fragt sich dann: Was machen die denn da mit ihren offenen Mündern und roten Köpfen? Haben sie Luftnot? Warum legen die Menschen nur ihre Stirnen so in Falten. Und warum schaut sich dabei niemand an?

Man weiß es nicht. Aber das Grundrumpeln an sich wirkt beruhigend. Wie ein Kaminklang. Deshalb ist alle Aufregung auch ein bisschen entspannend. So in der Summe gesehen. Weil es so leer bleibt, so temporär, so, als wäre es in seinem Entstehen schon gelöscht.

Was vielleicht bleibt: Die Restfreundlichkeit, die man sich auch gewährt, von der man weiß, dass sie sowohl temporär ist wie von Dauer.

Zuerst erschienen auf Facebook 20.01.2018

Der Beitrag Trendwende Plastik erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Es ist schon alles zur Debatte um die Bemalung einer Hochschulwand in Berlin gesagt worden. Könnte man denken. Denn es gibt zahlreiche Kommentare, Polemiken, Diskussionen zur Verwendung eines Gedichts von Eugen Gomringer im öffentlichen Raum.

Leere Wände ins Blaue hinein. Foto: Hufner

Da geht es um die Interpretation von Texten, da geht es um Vorwürfe wie Zensur oder Kulturbarbarei, da geht es um die Hochschulautonomie etc. Vorweg: Darum geht es jetzt nicht. Der Austausch einer Wandbemalung gegen eine andere ist – jedenfalls gegenwärtig – sicher keine Zensur im engeren Sinn. Sich daran aufzuhängen ist ein bisschen verrückt.

Was interessant ist, ist ja der Vorgang, der a) zur Begründung führte, ein Gedicht als unangenehm für die Betrachterinnen zu sehen (auch darüber muss man nicht streiten, kann man aber) und b) der Prozess, der zur Änderung einer Wandgestaltung führte. Dieser wird nämlich als Prozess der demokratischen Selbstbestimmung aufgefasst. Und nur darum geht es hier in dem Text.

Demokratisches Verfahren mit allen Hochschulangehörigen
[Quelle: Alice Salomon Hochschule Berlin entscheidet sich für die Kunst auf ihrer Südfassade]

Nach der grundsätzlichen Entscheidung, die Fassade der Hochschule neu zu gestalten, wurden Wahlen veranstaltet, gekoppelt mit Vorschlägen für die neue Wandgestaltung. Laut Pressemeldung der Alice Salomon Hochschule haben an diesem Vorgang

„In einer zweiwöchigen Online-Abstimmung im November 2017 gaben insgesamt 1433 von rund 4100 Hochschulangehörigen ihre Stimmen für einen von 21 eingereichten Vorschlägen ab.“
[Quelle: Alice Salomon Hochschule Berlin entscheidet sich für die Kunst auf ihrer Südfassade]

Mit anderen Worten, es kam zu einer Abstimmung an der – je nach Sichtweise – gerade oder immerhin knapp 35 Prozent der Hochschulangehörigen teilgenommen haben. Viel ist es für diejenigen, die sonstige Wahlentscheidungen an Hochschulen kennen. Wenig ist es relativ zur Gesamtzahl. Da bedeutet es, dass es für 65 Prozent der Hochschulangehörigen einfach nicht aktivierend genug war, sich dazu eine Meinung zu bilden. (Krankheiten etc. mal ausgenommen.) Grundsätzlich ist das zwar schade aber nicht zu beanstanden. Wenn man von seiner Mitbestimmungsmöglichkeit keinen Gebrauch machen will, will man das eben nicht. Vielleicht aber auch war die Beteiligung nicht höher, weil man argwöhnte, dass es eben keine genuin demokratische Entscheidung sein würde. (Spekulation!)

Weiter heißt es:

„Über die beiden Vorschläge mit den meisten Stimmen und über einen – bewusst aus dem Diskussionsprozess heraus entwickelten – Vorschlag der Hochschulleitung wurde im Akademischen Senat ausführlich beraten.“
[Quelle: Alice Salomon Hochschule Berlin entscheidet sich für die Kunst auf ihrer Südfassade]

Hier wird dann neben der Abstimmung über Vorschläge noch über einen zusätzlichen nachgedacht, der aus einem „Diskussionsprozess“ heraus entstand. Der aber wohl nicht zur Wahl stand. Und damit ist zur gleichen Zeit der demokratische Prozess „ergänzt“ worden. Das ist zumindest eigenartig.

„Die meisten Stimmen im Wettbewerb erhielten ein Zitat der Gründerin Alice Salomon mit 215 Stimmen sowie ein Gedicht der Diplom-Pädagogin, Dichterin und Mitbegründerin der afro-deutschen Bewegung May Ayim, die bis 1996 Lehrbeauftragte und Studienberaterin der ASH Berlin war, mit 150 Stimmen.“
[Quelle: Alice Salomon Hochschule Berlin entscheidet sich für die Kunst auf ihrer Südfassade]

Der Vorschlag mit der höchsten Zustimmung war dann der mit dem Zitat der Gründerin Alice Salomons. 215 Stimmen! 215 Stimmen sind gemessen an der Anzahl der Teilnehmer der Wahl 15 Prozent. Oder an der Gesamtanzahl der Abstimmungsberechtigten 5,24 Prozent. Auch das kann, je nach Sichtweise, als eindeutig aufgefasst werden oder als niederschmetternd wenig. Nicht öffentlich bekannt geworden sind die Ergebnisse im Detail.

Wie auch immer man das sehen mag: Eine Entscheidung fiel in dieser Form für das Anbringen eines Zitats von Alice Salomon. Aber die tatsächliche Entscheidung der Hochschule wurde eine andere. Diese konnte durch einen Kniff erreicht werden. Es gab nämlich zwei – angeblich sich ähnelnde – Vorschläge, die die Idee der nebenher eingeführten Idee der Hochschulleitung Rechnung trug, nämlich wechselnd „die Fassade für wechselnde Arbeiten von Poetikpreisträger_innen vorzusehen.“

„Der Vorschlag der Hochschulleitung griff die Herausforderung auf, die Barbara Köhler während der im November 2017 von der ASH Berlin gemeinsam mit dem Haus für Poesie veranstalteten Podiumsdiskussion formulierte: die Freiheit der Kunst neben den Wettbewerb zu stellen und die Fassade für wechselnde Arbeiten von Poetikpreisträger_innen vorzusehen. Auch für den Wettbewerb waren zwei Ideen eingereicht worden, die – in unterschiedlichen Ausführungen – dafür standen, dass auf der Fassade in Zukunft weiterhin wechselnde Arbeiten von Poetikpreisträger_innen zu sehen sein können. Auf diese beiden Vorschläge kamen insgesamt 217 Stimmen.“
[Quelle: Alice Salomon Hochschule Berlin entscheidet sich für die Kunst auf ihrer Südfassade]

Flaschenhals-Demokratie

Die tatsächliche Entscheidung der Hochschule ist also eine Konstruktion. Entschieden haben auch nicht die Hochschulangehörigen, sondern am Ende der akademische Senat der Hochschule. Der ganze Wahlvorgang hatte damit nur Vorschlagscharakter, damit der akademische Senat über zwei / drei Alternativen entscheiden konnte. Wollte man es annähernd demokratisch regeln und die Regelverletzung der Kumulation von verschiedenen Vorschlägen zu einem immerhin hinnehmen, wäre der Fortgang eigentlich gewesen, über die zwei Alternativen erneut abstimmen zu lassen.

Auch repräsentiert der akademische Senat der Alice-Salomon-Hochschule keinesfalls die Verhältnisse der Hochschulangehörigen nach Proportion: Von 13 Mitgliedern sind nur zwei Studentinnenvertreterinnen. Die Profs, das hat sich wahrscheinlich noch nie geändert, stellen in jedem Fall die Mehrheit (also sieben).

Genommen wurde also ein konstruierter Vorschlag, der bei 5,3 Prozent der Hochschulangehörigen und 15,1 Prozent der Wählenden Zustimmung fand. Dabei ist in der Tat nicht einmal entschieden worden, was da nun zukünftig tatsächlich stehen wird – an dieser Fassade. Eine Wahl ins Blaue hinein. Geht so Demokratie? Geht so Transparenz (Wahlergebnisse, Senatsentscheidungen)? Offenbar: ja.

Die Angst vor der „Empörungsmaschine
(Stefan Niggemeier)

Wenn jetzt beispielsweise Stefan Niggemeier twittert:

„Zensur“? „Tugendterrorismus“? Eine Hochschule entscheidet sich, ein Kunstwerk am Bau durch andere zu ersetzen – und eine gewaltige Empörungsmaschine springt an: https://t.co/dcOJ68biJG

— Stefan Niggemeier (@niggi) January 30, 2018

Sprich: „Eine Hochschule entscheidet sich, ein Kunstwerk am Bau durch andere zu ersetzen – und eine gewaltige Empörungsmaschine springt an:“

so wirkt das etwas verquer. Mag sein, dass Niggemeier auch nur auf den Text in der Zeit verweisen will und das nicht als eigenen Kommentar auffasst. Aber die Frage, ob hier eine „Empörungsmaschine“ anspringt, oder ob sich hier eine wie auch immer erhitzte Diskussion entzündet, muss man schon stellen.

In den letzten Jahren gab es im großen weltpolitischen Rahmen einige Entscheidungen, die „demokratisch“ legitimiert worden sind; mehr oder minder klar – es hängt ja auch von Wahlsystemen ab. Die Wahl des aktuellen amerikanischen Präsidenten war so eine, die Brexit-Entscheidung in Großbritannien war auch so eine. Beide zudem knapp. Beide, so muss man auch sehen, nicht mit Mitteln nötiger Aufklärung derjenigen, die da gewählt haben. In jedem Fall stünde es einem auch in den Fällen Brexit oder Trump nicht zu, sich darüber zu beklagen ohne Bestandteil einer „Empörungsmaschine“ zu werden.

Man kann es auch so sagen: Es gibt auch eine bestimmte Form von demokratischer Diktatur. Ich denke mal, die Entscheidung der ASH als eine demokratisch legitimierte darzustellen, geht fehl. Egal, ob es sich um die Fassadengestaltung handelt oder andere von und in der Hochschule zu entscheidenden Aktivitäten.

Nur mal so eingeworfen.

Der Beitrag Kunst in den Grenzen der „Demokratie“ von 2018 erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Ach, wenn doch die Kritiker der sogenannten „68er“ nur nicht so hinterhältig wären. Da gab es gestern einen Text in der WELT, in der der parlamentarische  Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Bundestag, Marco Buschmann, als Autor herbeigeholt wird und einen „Essay“ abliefert mit der Überschrift: „Das Denken der 68er endlich überwinden.“ Na, Amen.

Das erstaunt auf der Stelle. Nicht nur, dass sich da die These transportiert, es gäbe da überhaupt „ein“ Denken der 68er, sondern dass man dieses zu überwinden habe. Ein Denken überwinden. Haben Sie heute schon einmal Ihr Denken überwunden? Fangen Sie damit sofort an. Denken ist zu überwinden, auch eines, das so gar nicht exisitiert. Gemeint ist wahrscheinlich, dass man Entwicklungen, die aus den Bewegungen, die im Umfeld der 68er Jahre sich öffentlich in Position gebracht haben, als ideologisch, als falsch oder als idiotisch erwiesen haben sollen, ad acta legen möge.

Diffamierung durch Sprache

Buschmann verfehlt sein Ziel sowieso, wenn auch die ersten Kommentare zu seinem „Text“ ihm zustimmend zuzwinkern. Das macht die Sache nur ärgerlicher, aber nicht besser und richtiger. Man muss gar nicht tief in die Argumente Buschmanns einsteigen, das Vermischen von Typen-Namen wie Derrida, Popper, Dahrendorf und Dutschke eingehender analysieren. Das alles ist geschichtlich gesehen absurd genug und von wenig Sachkenntnis getrübt. Nur ein Beispiel werde ich erwähnen, das aufzeigt, wie Buschmann durch Sprache zu diffamieren versteht. Er schreibt da unter anderem:

„Alles, was politisch unerwünscht war, wurde rechts genannt: Markt und Wettbewerb zum Beispiel. Ist das nicht besonders widersinnig? Denn politische Linke wie Rechte sind sich weltweit in nichts so nahe wie ihrer gemeinsamen Skepsis gegenüber Markt und Wettbewerb. AfD und Linke polemisieren gemeinsam gegen Freihandelsabkommen wie TTIP und Ceta.“ [Quelle: Die Welt]

Für den ersten Satz, der behauptet,  dass „man“ (also die 68er) Markt und Wettbewerb als rechts ablehne (wo nicht sowieso an sich) muss er Belege natürlich nicht anführen. Die würden nur ablenken. Buschmann hat die 68er eben einfach verstanden. Er versteigt sich dann aber so sehr, dass man das als „politisch unerwünscht“ deklarierte und also auch alles politisch Unerwünschte als „rechts“ benennt und in der denkbefreiten Schublade verstaut.  Denken der 68er überwinden kann hier nur heißen, dass man zur Erklärung zunächst einmal vor allem grob verallgemeinernd vorgehen müsse. Also zumindest in diesem Punkt genauso verallgemeinernd wie diejenigen, denen man glaubt, es ihnen vorwerfen zu können  (oder zu müssen). „Überwinden“ kann hier nur „Wiederholen“ bedeuten. Freilich mit dem Nachteil der argumentativen und faktischen Leere in der Sache.

Im nächsten Atemzug macht Buschmann die denkreduzierte Rechnung auf: Skepsis gegen Markt und Wettbewerb sei aber Rechten wie Linken eigen. Belegt wird das durch den Standpunkt zu TTIP und Ceta, den Freihandelsabkommen, gegen die „man“ von Seiten dern Linken wie die AfD nicht nur polemisiere, sondern eben „gemeinsam“ polemisiere. Gemeinsam, also eher zusammen als auseinander. Derartige Koalitionen wird man sicher in ganz verschiedenen Situationen finden. Einen gemeinsamen Gegner zu haben, heißt ja nicht, dass man die gleichen Vorstellungen teilt. Die Allianz der Allierten im Zweiten Weltkrieg aus Roosevelt/Truman-Churchill-Stalin machte sie natürlich nicht zu Verbündeten im Geiste.

Davon unabhängig ist es einigermaßen eigenartig wie der Sprung von 68 nach 2018 zur AfD geplant wird. Das aber ist in Wirklichkeit eher ein Stolpern vor Komplexität. Die Sache ist ein alter, gleichwohl dummer Hut. Auf dem Sperrsitz der nmz hatte ich dazu schon manches geschrieben. Auch wenn der Autor ein anderer war, wenn auch in der WELT, so hat doch Olaf Zimmermann damals wie heute Recht, wenn er den Spieß umdreht:

Rechten sollen heimliche Anführer der @TTIP_Demo sein. In welcher Parallelwelt leben Sie den @Alex_Neubacher : http://t.co/bQX2CgkeDm

— Olaf Zimmermann (@olaf_zimmermann) October 10, 2015

Buschmann will Denken überwinden

Ein parlamentarische Geschäftsführer der FDP will das Denken der 68er überwinden. Aber die Mindestvoraussetzung dafür, nämlich DENKEN, bekommt er nicht auf die Kette. Wie traurig für die Partei. Wenn die Partei genauso engstirnig agiert wie ihr parlamentarischer Geschäftsführer, dann kann man sie nicht mehr weiter ernst nehmen. Jemanden wie Ralf Dahrendorf jetzt zu akquirieren ist nahe an der Geschmacklosigkeit. Genauso wie die 68er-Zeit auf die BRD zu reduzieren ist absurd. Letztes Beispiel, fast unkommentiert.

„Die Gesamtschule bekam 1968 in West-Berlin ihr erstes Modellprojekt und war fortan das Experimentierfeld für leistungsintegrativen Unterricht – also die institutionalisierte Absage an die Unterscheidung verschiedener Leistungsniveaus.“ [Quelle: Die Welt]

Das steht da, völlig ohne Zusammenhang. Ohne Kommentar. War 68 schneller als sein Schatten? Begriffen von der Idee der Gesamtschule hat Buschmann allerdings gar nichts. Denn was er meint, aber sich schon so sicher ist, es nicht mehr sagen zu müssen: Eine solche Schule, die den Wettbewerb nach den Regeln seiner FDP nicht fördert, ihn vielleicht untergräbt – oder sagen wir es anders herum, überwindet, darf nicht sein.

Verfallsdatum abgelaufen

Sein Überwinden endet in der „konservativen Revolution“, die so, wie er, Buschmann, es proklamiert, doch eher in einer konservierenden endet. Da kann ich nur sagen: Verfallsdatum abgelaufen. Dahrendorf hätte daran keinen Spaß gehabt.

Der Beitrag Das Denken überwinden! Eine Anleitung von Marco Buschmann (FDP) erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Es wird immer klarer, dass man der Gruppe der Neoliberalen eine weitere Gruppe hinzufügen muss, die man als die Neodigitalen bezeichnen wird. Hierbei handelt es sich um Influencer aus der Welt der socialen Medien, die die technischen Entwicklungen des Internets beinahe kritiklos begleitet und all diejenigen, die auf Gefahren und Probleme hinweisen, als Spielverderber ansehen.

Sie springen auf jeden hypen Zug auf und fordern einen totalen Digitalisierungsschub. Das Nichtdigitale ist dagegen dem Untergang geweiht. (Irgendwie) Mitmachen ist eine unvermeidliche Konsequenz.

„Den Salat hat man jetzt: Alle sind längst in der digitalen Welt angekommen, die meisten davon unfreiwillig. Das Mitschneiden menschlicher Bewegung (in jeder Form; topologisch, emotional) durch die Abspeicherung und Abbildung in unzugänglichen Datenbanksystemen verdoppelt das eigene Leben. Und bald wird man nicht wissen, welches Leben dabei das tatsächllche ist, das jemand selbst führt.

Man selbst fühlt sich vielleicht ja noch einigermaßen mit sich selbst verbunden, glaubt sich selbst in der Hand zu haben; was aber ist mit den Daten, die da gesammelt werden, wie leicht sind sie manipulierbar, denn überschaubar sind sie überhaupt nicht mehr.

In der digitalen Welt ankommen heißt, sein Leben abzugeben.“

[Eine Erinnerung aus der Kritischen Masse von 2013 übrigens.]

Man kann es aber auch aus dem Blick der Neodigitalen sagen und muss dann feststellen: Auch die Menschenrechte sind einfach nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Helmuth Plessner über Dichten und Denken in der Zeit der „Utopie der Maschine“ (1924).

„So um 1860 ist die Masse da, uniform durch die Arbeit, uniform, weil übermüdet, im Genuß. Jenes Publikum, das nicht mehr mitkann, aber kollektiv den Anspruch erhebt, für voll genommen zu werden, zwingt den Dichtern und Denkern eine neuere, gröberer, eindringlichere und stimulierende Sprache ab. Bürgerliche Industriewelt steht gegen vereinsamte Musiker, Maler, Schriftsteller, gegen Bildungswelt; die unpersönliche Unternehmung, tausendfältig verfilzte Masse von Produzenten, Maklern, Abnehmern gegen die einzelnen Kopfwerker, Handwerker, Hüter der Bildung; will Erholung vom Tag, Unterhaltung, Aufrüttelung, das Außergewöhnliche im Leichten und Schweren. Sie bekommt, was sie will: die Illusionsoper mit den blonden Heldentenören und den glutvollen Altstimmen, mit der heroischen Lehre und der hinreißenden Sturmgewalt ihrer Handlung. Sie bekommen ihre Maler, die ihnen sogar die Natur interessant zu machen wissen, Dichter ihrer Probleme, ihrer typischen Skandale, die Philosophen ihrer Resignation und ihrer Selbstglorifizierung.

Zu nächst opponieren die Menschen des Geistes, dann fühlen sie das Verhängnis einer von ihren Maschinen, Erfindungen, Entdeckungen in Fesseln geschlagenen Welt, sie wittern das Ende.“01)Helmuth Plessner: Die Utopie der Maschine, in: ders.: Gesammelte Schriften X, Schriften zur Soziologie und Sozialphilosophie, Frankfurt/M., 2003, S. 33. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_3860_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_3860_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Natürlich kann heute ein jeder alles bekommen, was ihm seine Szene aufbereitet. In Zukunft wird das – dank der Segnungen des Digitalen – noch einfacher sein und dazu bedarf es dann nicht einmal mehr blonder Heldentenöre oder schmatzender Supertalente. Die Neoliberalen setzen alles auf die vollkommene Prothese, die für jeden eigens angefertigt ist und ihm sein Gefängnis und Verhängnis als Erlösung und Hilfsmittel offeriert.

Michel Serres hat 2008 von den Daten als einer fünften Macht gesprochen. Die Neodigitalen glauben noch, dass sie diese im Griff hätten, den sie mitgestalten können. Ein trauriger, vielleicht fataler Irrtum. Aber ausweglos. Vielleicht kann man versuchen, zu überwintern.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Helmuth Plessner: Die Utopie der Maschine, in: ders.: Gesammelte Schriften X, Schriften zur Soziologie und Sozialphilosophie, Frankfurt/M., 2003, S. 33. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

Der Beitrag Die Neodigitalen erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Vielleicht kapiert jetzt auch der Letzte (nach NetzDG), dass es sich bei den sozialen Netzen nicht um solche handelt, sondern um von Unternehmen bereitgestellte Infrastrukturen, die man ggf. auch zur sozialen Kommunikation nutzen kann (könnte [konnte]). Hätte können.

Anpassungen der Geschäftsmodelle

FACEBOOK: Die Aufregung ist etwas absurd. Hate Speech soll von den Institutionen verfolgt werden, die den Raum dafür anbieten. Das Geschäftsmodell wäre dann neu aufzusetzen. Vielleicht kommen dann auf 1000 Nutzer jeweils ein Sprachblockwart, auf 100 Sprachblockwarte ein Megablockwart, auf zehn Megablockwarte ein Superblockwart. Etc. Also insgesamt ca. 1 Million Kontrolleurinnen bei 1 Milliarde Nutzerinnen. Ob sich das dann noch rechnet?

TWITTER: Für Twitter gäbe es dann eine andere Lösung. Umgekehrt wird erst einmal alles geblockt. Und dann Stück für Stück freigegeben, was harmlos daherkommt. Die Regeln dafür darf man ruhig eng auslegen. Vielleicht käme dann Twitter auch mit weit weniger Zeichen aus. Statt 280 oder 140 eben nur 14?  Für die meisten Probleme dürfte das ausreichen.

Wer sich inhaltlich auseinandersetzen möchte, der kann das immer noch über selbstzuhostende CMS-Teile machen wie WordPress, Drupal oder andere …. oder das alte Newsgroup-System wieder zurücketablieren. Das hatte sich komischerweise fast immer selbst im Griff.

Das ist alles keine Zensur. Facebook und Twitter betreiben keinen Zensur. Sie wehren sich nur – was aus unternehmerischer Sicht sinnvoll ist – gegen Klagen und Bußgelder. Es ist ihr Ding, es ist deren Geschäft, man muss es nicht mögen, man muss es übrigens auch nicht benutzen. Ich kenne genügend Leute, die das eine oder andere oder alles zusammen niemals verwenden. Und Sie leben dennoch. Mir scheint es, sie leben weder schlechter noch besser dadurch.

Gibt es ein besseres Kriterium für die Relevanz solch eines Mediums?

Dazu könnte man jetzt noch einiges sagen. Was zum Beispiel Oskar Negt in seinem Achtunsechziger-Buch über die Sinne sagt, ließe sich da anführen. Muss ich noch einmal lesen an der Stelle. Denn er hat dabei eine Position, die a) für die Öffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten plädiert und b) nicht wie Spitzer gegen diese neuen Medien aus neuropsychologischer Sicht polemisiert, was ich ganz sympatisch finde.

Der Beitrag Armes sociales Netz – Nö erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

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