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Updated: 4 hours 39 min ago

YouTubes kostenlose Armee der geistigen Verarmung

Sun, 07/15/2018 - 09:08

Ich muss schon sagen, so manche Saftsäcke gehen mir langsam ziemlich auf die Nerven. Im Moment solche, die Online-Plattformen als „kostenlose Werbung“ für den Künstler zwangsweise verticken wollen. Das Schlimme: Sie meines es ja gut, wahrscheinlich, in Wirklichkeit sind sie auch nur schlimme Exploitationsverlängerer. Jawohl. Sieht denn niemand, dass YouTube längst nicht mehr zentral eine Kreativitätsmaschine ist, so wenig wie Ebay Dachbodenverkauf?

Aber nee. Die Kreativitätsindustrie nähert sich in Haltung, Gebaren und Gehirnwäsche der guten alten Rüstungsindustrie an. Bald marschieren sie im Namen von Google und YouTube als kostenlose Armee der geistigen Verarmung.

PS: Ich mag mich täuschen, aber die genannten Personenkreise nehmen an Zahl immer mehr ab. Aber ihre Aggressivität steigert sich zuweilen.

Immer noch so, geschrieben 2001, am 15. Juli für die Kritische Masse

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2006 – Als ich einmal fast AOL deinstallierte

Thu, 07/12/2018 - 10:00

Sorry. Kann Probleme geben. Ich habe mal wieder eine neue, unnötige Spamstrategie für nucleus im Einsatz-Versuch. Bisher hat ja alles prima geklappt, es kam fast kein Müll mehr durch. Warum soll das so bleiben? Spamfight ist doch eine schöne Sache, vor allem, wenn man davon nix versteht, so wie ich.

Es ist mir so auch mehrfach gelungen, meine eigenen Kommentare auszusperren. So sitzt man wieder mal völlig unsinnigerweise am Rechner und installiert und deinstalliert.

Gestern beispielsweise wäre es mir fast gelungen AOL komplett zu deinstallieren:

Ich kann mir das Gezeter im Netz dann vorstellen. Bei Heise laufen die Foren heiß. „Wer hat AOL deinstalliert?“ – „Mit Linux wäre das nicht passiert …“ etc. pp.

Nachts dann Anrufe von besorgten AOL-Kunden. „Herr Hufner, ich komme nicht mehr an meine Mails. Irgendwer scheint AOL deinstalliert zu haben; ich habe da Sie im Verdacht, weil schon früher notorisch gegen AOL gestänkert haben?“ — „Nönö, ich doch nicht. Wie kommen Sie denn darauf?“ — Das passt wieder mal zu Ihnen, Ihr besserwisserisches binäres Denken. Warten Sie ab, ich bekomms sowieso heraus, gute Nacht.“ — “Vielen Dank für das nette Gespräch.“

Zuerst in der Kritischen Masse 15. Juli 2006

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Verklaufen™

Wed, 07/11/2018 - 19:00

Nach einem Durchtippfehler fiel mir auf, dass mir ein — wie ich finde — schöner Neologismus geglückt ist. Das neue Wort trifft sehr gut eine Verhaltensweise der Musikwirtschaft (aber wohl auch andere Wirtschaftsressorts). Also hier:

Verklaufen

Anwendung: Jemand will einem etwas, was einem selbst gehört verklaufen. Im Besitz von etwas sein, was man nicht besitzen kann, aber jemand anderem, vorzugsweise allen, gehört. Verklauf ist das zentrale Geschäftsfeld der sogenannten Creative Industries. Anwendung: Apple verklauft Downloads. Parteien verklaufen politisches Engagement.

Beitrag aus der Kritischen Masse vom 15. Juli 2005.

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Hochschule für Musik und Theater München: Präsident Redmann im Argumentationschaos

Sun, 07/08/2018 - 12:35

Die Hochschule für Musik und Theater München kommt nicht zur Ruhe – und sie kommt nicht einmal zu einer geordneten Unruhe. Für BR-KLASSIK hat Bernhard Neuhoff kürzlich den wiedergewählten Präsidenten, Bernd Redmann, für ein Interview gewinnen können. Wir erinnern uns: Es handelt sich um die Hochschule, in der während der alten Amtszeit des Präsidenten Redmann einige höchst ungute Verhaltensweisen seines Vorgängers und wohl auch eines Kompositionsprofessors das Licht der Gerichte erblickten. Während dieser Amtszeit hat deshalb die Hochschule eine Umfrage zu sexuellen Übergriffen am Haus gestartet, die, sagen wir es mal höflich, mit einigen Problemen zu kämpfen hat. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse dieser Umfrage sind nicht wirklich bekannt.

Bernd Redmann äußert sich zu dieser Thematik im Gespräch mit Bernhard Neuhoff. Leider im Ergebnis ergebnislos, dafür in der Sache einigermaßen widersprüchlich. Neuhoff fragt zum Beispiel: „Ein Spiegel-Artikel hat Zahlen genannt, die auf dieser Umfrage beruhen. Sie haben sich dazu bisher noch nicht geäußert. Warum halten Sie diese offenbar sehr brisanten Dinge bislang unter Verschluss?“

Antwort: „Dazu möchte ich zunächst sagen, dass diese Umfrage, wenn man so möchte, ein Vorreiter-Projekt ist. Meines Wissens sind wir die erste einzelne Hochschule in Deutschland, die so eine Umfrage überhaupt gemacht hat.“

Und etwas später heißt es dann lapidar:

„Ich will allerdings sagen: bei den wenigen vergleichbaren Umfragen, die es gegeben hat, sind auch vergleichbare Ergebnisse herausgekommen.“

Was will uns das sagen? Alle Umfrage zum Thema ergeben vergleichbare Ergebnisse. Ergebnisse, die a) niemand wirklich kennt, weil sie nicht veröffentlicht sind (wie will man Ergebnisse vergleichen, wenn die Daten der Ergebnisse unbekannt sind); b) dass es mit der Vorreiterschaft nicht so weit her ist und dass c) dazu gleich.

Denn dieses „Vorreiterprojekt“ war nicht gut gemacht, das gesteht sogar Bernd Redmann ein:

„Die Umfrage war von Ihrer Fragestellung her nicht differenziert genug. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: wir haben nicht klar differenziert, ob diese Vorkommnisse im Hochschulbereich stattgefunden haben oder im privaten Bereich. Ebenso bei der Zeitachse: waren die Vorkommnisse aktuell oder liegen sie Jahre zurück?“

Man möchte weinend ergänzen, sexuelle Übergriffe etc. sind nämlich ein Zeitphänomen. Das ist stümperhaft, aber immerhin vergleichbar mit den Ergebnissen offenbar vergleichbar „stümperhafter“ Umfragen? Doch das Problem sieht Redmann an einer anderen Stelle: „Was wir nicht gut gemacht haben: wir haben uns vorher nicht überlegt, wie wir die Ergebnisse kommunizieren.“ Genau. Das eben auch, sozusagen on top! Warum eigentlich, denn die „Umfrage war anonymisiert, das heißt, da kamen letztendlich statistische Ergebnisse heraus.“ Auch das erstaunt den Sozialwissenschaftler in mir. Denn, was man damit sagen will, liegt im tiefsten Dunkel. Kurios wirkt da die Ergänzung Redmanns: „Wir hatten eine kritische Nachfrage vom Landesdatenschutzbeauftragten und mussten auch noch mal nacharbeiten. Und er hat uns auch darauf aufmerksam gemacht, dass das sehr sensible Daten sind, die wir nicht einfach nach außen tragen können.“ Es kamen nur statistische Ergebnisse heraus, die aber sensibel waren, obwohl die Umfrage anonymisiert war? Eine eigenartige Logik. Ja klar: „Man muss solche Ergebnisse interpretieren können und dazu braucht man einen ziemlich differenzierten Hintergrund, das weiß man aus den Sozialwissenschaften.“ Nicht gesagt hat er: Den haben wir nicht. Den hatten wir nicht. Es ist unser Fehler.

Man startet also eine Umfrage, erhebt sensible Daten (das war vorher wohl nicht bekannt), die man nicht bearbeiten kann, weil man dazu nicht in der Lage ist. Und weil das so ist, bleiben die Daten geheim. Mindestens würde man jetzt erwarten, dass sämtliche Daten auf der Stelle vernichtet werden, man sich bei den Teilnehmerinnen dafür entschuldigt und nach außen kommuniziert: Wir haben es verbockt. Das redet man aber offensichtlich klein, weil es ja vergleichbare Studien gäbe, die vergleichbare Ergebnisse erzeugt hätten, die aber, weil man sie nicht interpretieren kann, letztlich auch nichts aussagen. Ein echtes Null-Ergebnis. Und für die Studierenden: Kann man dieser Hochschule noch irgend etwas anvertrauen? Ich sage: Besser nicht.

Problem damit beseitigt. Es ist eben genau dieser Präsident der Hochschule, der dann letzte Woche, trotz all dieser Versäumnisse wiedergewählt worden ist. [irony an] Andere Hochschulen haben sicher vergleichbare Präsidentinnen oder Rektorinnen. [/irony off]

In diesem Argumentationschaos also bewegt sich der Präsident, der zugleich nicht müde wird, Kritik aus dem Inneren der Hochschule als ins „Demagogische“ gehend zu bezeichnen. So sieht eine souveräne Hochschulleitung wirklich nicht aus. Zumal wenn man zugleich den Autoren der Kritik im Kontext eines anderen Zusammenhangs beschuldigt wird: „Da wird der Bereich zwischen Wahrheit und Unwahrheit wirklich ausgelotet.“ Beim besten Willen, wie bezeichnet man denn den Bereich zwischen Wahrheit und Unwahrheit? Welche Differenzierung gibt es denn dazwischen zu finden. Genauso wie das nachgeschobene, dass der Autor laut einer Richterin „sich immer am Rande einer Falschaussage“ bewege. Auch das muss man wohl eher anders herum lesen, denn solange der Autor keine Falschaussage macht, sagt er zumindest wohl auch nichts „Falsches“. Also ist es eben mindestens „noch“ richtig was der Autor sage.

Wunderlicher Präsident, dieser! Aber es spielt auch keine Rolle in diesem Zusammenhang, was eine Richterin in einem anderen Zusammenhang sagt. Was immer die Richterin wohl gemeint haben könnte, wunderlich ja auch das, ein Straftatbestand wäre das schlicht und einfach ebenfalls nicht: Ich verurteile Sie, wegen „AmRandeDerFalschaussage“.

Nach außen hat Präsident Redmann keine Probleme auszuteilen, nach innen sind seine Aussagen konfus bis sinnlos. Aber wiedergewählt ist wiedergewählt. Das einzige Ergebnis, das man daraus ziehen kann, dürfte sein, man weiß, mit wem man die nächsten Jahre an der Münchener Hochschule rechnen kann. Die Lernkurve zeigt jedenfalls deutlich nach unten.

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Max Weber: „Leidenschaft — Verantwortungsgefühl — Augenmaß“

Fri, 06/01/2018 - 13:39

Ein Ratschlag:

„Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft — Verantwortungsgefühl — Augenmaß. (…) Einen ganz trivialen, allzu menschlichen Feind hat daher der Politiker täglich und stündlich zu überwinden: die ganz gemeine Eitelkeit, die Todfeindin aller sachlichen Hingabe und aller Distanz, in diesem Fall: der Distanz, sich selbst gegenüber. (…) Der bloße „Machtpolitiker“, wie ihn ein auch bei uns eifrig betriebener Kult zu verklären sucht, mag stark wirken, aber er wirkt in der Tat ins Leere und Sinnlose.“01)Max Weber: Politik als Beruf [1919], Berlin 1987, S. 51 ff. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8778_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8778_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Ich weiß ja auch nicht. Aber irgendwas ist aktuell ziemlich anders.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Max Weber: Politik als Beruf [1919], Berlin 1987, S. 51 ff. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Toleranz

Fri, 06/01/2018 - 13:01

die.

Ich war vielleicht nicht immer gegen Toleranz, aber schon seit vielen Jahren. Denn Toleranz ist ein Zeichen für Respektlosigkeit. Man toleriert sich zu Tode. Dagegen war ich immer für Diskussion mit Argumenten. „Toleranz ist tot“ – der Begriff ist leer.

Es kommt drauf an, was man zu sagen hat, nicht auf das, hinter welchen Werten man sich verschanzt, um dann tolerant in der eigenen Burg zu wüten. Einvernehmliche Soziophobie.

  • Aus der Enzyklopädie der Kritischen Masse (2015)

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Geistiges Eigentum als Rohstoff der Zukunft [Fragment 1999]

Tue, 05/22/2018 - 13:08

Weiter in der Aufarbeitung der Vergangenheit. Ebenfalls 1999 entstand dieses Fragment zum Thema „Geistiges Eigentum als Rohstoff der Zukunft“. Das war auch damals ein Schlagwort. Hier wurde in einem Fragment der Versuch unternommen, die Begriff in Relation zu setzen.

Die Bedeutung des Eigentumsbegriffs hat sich in der letzten zeit nachhaltig verändert. Denn im Prinzip ist das, was man gemeinhin unter Eigentum im Sinne des Grundgesetzes versteht nicht vermehrbar. Das Eigentum an Grund und Boden, das Eigentum an materiellen Ressourcen ist prinzipiell beschränkt. Hier geht es eigentlich nur um Umverteilung des Bestehenden. Nur die Verwertung des materiellen Eigentums lässt sich verändern. Ob ein Haus als Immobilie so viel oder so viel wert ist, hängt von den Relationen ab, die sich topographisch, demographisch und in vielen anderen Dimensionen bestimmen. Und natürlich spielen politische und gesellschaftliche Bewertungen und Bewegungen dabei eine besondere Rolle.

Was sich eigentlich durch die Jahrtausende hindurch verändert ist die Verwertung des Eigentums und die durch technische Innovationen bedingte Veränderung der Gestalt von Eigentum. Uran war vor der Entdeckung der Kernspaltung eine gewissermaßen normale natürliche Ressource der Erde. Erst durch die technische und erfinderische Erschließung durch wissenschaftliche Arbeit wurde daraus ein neuer Wert. Anderes Beispiel: Der Sand an der Küste der Nordsee war lange Zeit eigentlich wertlos. Erst durch die touristische Erschließung der Region hat er eine neue wertschöpfende Bedeutung. Daß Dinge zu Ressourcen werden und dass sie andererseits an Wert-Bedeutung verlieren, ist keine Eigenschaft der materiellen Rohstoffe, sondern Produkt der geistigen Auseinandersetzung mit den Rohstoffen.

Damit dieser Prozess in Gang kommen kann, dazu bedarf es der Entwicklung und des Aufbaus einer Gruppe, die sich um die Umwertung und Neubewertung, der Erforschung und Erschließung der materiellen Ressourcen annimmt. Diese Funktion hat die Wissenschaft. Auf diese Weise kam die Neuzeit in Gang, die Entstehung des Universitätslebens im 14. Jahrhundert gab den wichtigsten Anstoß hierzu. Wer damals in Wissenschaft investierte, der sicherte sich zugleich die Herrschaft über die Ressourcen und ihr neue Verwendbarkeit.

Damit ist man freilich an einen Bereich geknüpft, der der alten Ökonomie verpflichtet ist. Technologieforschung sichert das materielle Eigentum und die Möglichkeit seiner Verwertung. Momentan spielt diese alte Ökonomie weiterhin ihre Rolle, gerade zum Beispiel in der Energiedebatte. Neben diese Ökonomie setzt sich aber eine andere, die ihre Ressourcen in den Menschen selbst findet.

Die Entstehung des allgemeinen Konsumenten fällt in die Zeit der Entstehung des Bürgertums. Es ist die konsequente Folge des Verwertens materiellen Eigentums. Die globale Entwicklung und Anpassung der Geldwirtschaft spielt dabei eine große Rolle. Als Abstraktionsmittel macht Geld Waren fungibel. Es ist also im Sinne einer kapitalistischen Gesellschaft und Politik, einen Konsumenten zu haben, der Waren produziert und zugleich sich auch aneignen kann. Ein Kapitalismus, der nur ausbeuterisch wäre, würde sich selbst in den Untergang treiben. Auf der schwierigen Ausbalancierung von Angebot und Nachfrage beruht daher wesentlich die kapitalistische Gesellschaftsform. Dass diese Balance nur schwierig zu finden ist, zeigen die Probleme des kapitalistischen Wirtschaftens, wie wir sie täglich und seit Jahren spüren. Und wie so häufig sieht man diese Probleme im eigenen Auge selten, wohl aber bei den konkurrierenden Entwürfen – wie in den USA oder in England.

Das mag eine etwas einfache und simplifizierende Sicht der Dinge sein. Wichtig ist für die Verwertung von Eigentum in jedem Fall das Vorhandensein eines Konsumenten. Und da spielt sich in der letzten Zeit doch einiges ab. Man kann das 20. Jahrhundert – neben den großen politischen Fehlentwicklungen – dadurch gekennzeichnet sehen, dass es zu einer medialen Revolution gekommen ist, die sich neben die der Geschwindigkeitstechnologien (Eisenbahn, Flugzeug, Rakete) gestellt hat. Und ich will mich nicht dazu äußern, inwieweit diese Revolutionen (oder beschleunigten Entwicklungsprozesse) selbst zu den politischen Katastrophen dieses Jahrhunderts beigetragen haben.

Mit der Medialisierung durch Radio und Fernsehen, jetzt auch des Internets, gewinnen immaterielle Dienstleistungen an Bedeutung. Es ist sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet in Zeit der ersten öffentlichen Rundfunkanstalten die erste Verwertungsgesellschaft für Werke der Musik entsteht.

Unter den Begriff des geistigen Eigentums fallen strenggenommen nur „Werke“, die substantiell Schöpfungen sind. Schon die Wortwahl des Urhebergesetzes ist bedeutsam: § 7. Urheber. Urheber ist der Schöpfer eines Werkes.“ Die Bezeichung als „Schöpfer“ erinnert an ein beinahe oder vollkommen gottgleiches Wesen im biblischen Sinne. Das heißt eben auch, dass der „Schöpfer“ aus dem „Nichts“ etwas erschafft. Das unterscheidet ihn beispielsweise vom Erfinder. War die Schutzfrist für den Schöpfer der Welt auf jene sieben Tage der Erschaffung der Welt beschränkt, so multipliziert man diese Frist auf komplexe Art und Weise auf 70 Jahre. Auch das hat eine gewisse religiöse Legitimation. Während die materiellen Ressourcen zwar beschränkt sind, aber eben „da“ sind, wird hier etwas hinzugefügt, was vorher nicht da war. Nach diesen siebzig Jahren fällt es den materiellen Ressourcen anheim, die ja prinzipiell auch niemandem gehören. Nur die Verwertung dieses Materials gilt dann als Wirtschaftsgut. Wenn man vom geistigen Eigentum als dem Rohstoff der Zukunft spricht, dann muss man sich dieses Umstands immer bewusst bleiben.

Bei der Erschließung geistigen Eigentums im Sinne des Urheberrechts steht man nun vor einen paradoxen Situation. Es ist nämlich nichts wert. Geistiges Eigentum hat keinen Preis. Erst in dem Moment, da es in die Verwertungskette überführt wird, lässt sich damit wirtschaften. Die individuelle Leistung selbst ist zwar geschützt, aber nichts wert. Um die Preisschilder aufzukleben haben sich freilich Organisationen gefunden wie im musikalischen Bereich die GEMA oder die GVL. Geistiges Eigentum muss man verwerten und verwerten lassen. Mittlerweile haben sich da ganze Berufszweige entwickelt oder konsolidiert. Manager und Juristen sind es eigentlich, die den Rohstoff „geistiges Eigentum“ zu Werten veredeln. Es sind dies die wahren Makler geistigen Eigentums. Es entsteht gleichzeitig eine Großindustrie für geistiges Eigentum. Das die Agenten dieser Industrie nur Interesse an der Wertschöpfung aus geistigem Eigentum haben, ist eine Folge des kapitalistischen Wirtschaftens. Ihnen geht es nicht um die Schöpfung von Werten im humanistischen Sinne.

1984 schon hat Oskar Negt unter dem Eindruck der Verkabelung Deutschlands darauf hingewiesen.

„Schon jetzt warten riesige Programme der Kultur- und Bewußtseinsindustrie darauf, die vergrößerten Freizeitbedürfnisse zu kapitalisieren.“

Es sei langfristig riskant, sagt Negt, sie den

„konservativen Freibeutern der Kultur- und Bewußtseinsindustrie, kapitalistischen Produktionsöffentlichkeiten wie Bertelsmann und Springer, den dem demnächst kommenden privaten Fernsehen und dem privaten Rundfunk, den Medienkonzernen der Videoindustrie und allen jenen Unternehmungen, die begierig darauf sind, die Freizeit zu verwerten, Bewußtsein zu kontrollieren und Interessen davon abzuhalten, sich in Emanzipationsbewegungen zu organisieren.“ (Oskar Negt in „Lebendige Arbeit, enteignete Zeit“, Frankfurt 1984, S. 150)

Momentan spielt geistiges Eigentum in den Medien eine bedeutende Rolle: Allerdings in der Form der Unterhaltungsindustrie. Im Bereich der Rock- und Popmusik wird dabei wohl am meisten Rohstoff produziert, dessen Halbwertszeit mittlerweile bei etwas einem halben Jahr liegt, Musicalproduktionen kommen da auf etwas längere Halbwertszeiten. Dies ist in der Tat ein wirtschaftlich bedeutsamer Rohstoff.

Dadurch dass das geistige Eigentum als Rohstoff zu fassen ist, wird es zu einer Ausbeutungsquelle ersten Ranges. Und dieser Rohstoff hat den Vorteil, dass er prinzipiell regenerierbar ist. Doch dazu muss es nicht kommen. Wenn erst einmal die Bewußtseinsindustrie das geistige Kapital in unseren Köpfen schlichtweg trockengelegt hat, dann wird da auch nichts nachwachsen.

Daher werden auch die Ausbeuter und Verwerter über kurz oder lang nicht an einem Prinzip des kapitalistischen Wirtschaftens vorbeikommen: demjenigen nämlich. die Rohstoffe zu regenerieren und die Absatzmärkte zu erhalten. Man kommt wohl nicht umhin, den Begriff des geistigen Eigentums etwas weiter zu fassen. Nämlich auf den des Bildungskapitals und damit verknüpft mit dem des kulturellen Kapitals.

Für diese Bereiche gibt es eigentlich kein Geld- oder wie man ja moderner rechnet: kein Aktienäquivalent. Die Misere rührt von Betrachtungsweise des Wirtschaftens her. Überall, wo man versucht, Rohstoffe oder geistige Leistungen in Geldäquivalenten zu messen, ist es unvermeidbar, dass sich die Auseinandersetzung auch in diesen Dimensionen bewegt. Schon der Gedanke, eine Lehrerplanstelle gegen eine militärische Rakete aufzurechnen, zeugt von dieser kapitalorientieren Ignoranz.

Jetzt wird geistiges Eigentum wirtschaftlich erschlossen, weil dessen immaterielle Substanz ja seinerseits der Stoff einer medialen Übermittlung darstellt. Während im Raumschiff Enterprise Materie „gebeamt“ werden kann, kann man dies gegenwärtig nur mit geistigen Eigentum, die sich physischer Materie (Strom, elektromagnetische Wellen etc.) zur Übertragung bedient. Das Radio ist gewissermassen der Beamer geistigen Eigentums. (Und nur nebenbei, wenn man denn schon versucht in die Zukunft zu schauen: Auf dem Raumschiff Enterprise spielt ein Begriff von „geistigem Eigentum“ überhaupt keine Rolle – zumal in einer Zeit in der man in Lichtjahren rechnet).

  • Bibliographische Angaben: Fragment aus dem Jahr 1999 aus der alten „Kritischen Masse“.

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Vertraulichkeits-Pipapo

Thu, 05/17/2018 - 18:23

Da kämpft man mit den Regelungen der Datenschutzgrundverordnung (DSVGO), die wahrscheinlich eben einerseits doch nur ein neues Bürokratiemonster ist, das vor allem dazu geeignet sein wird, denjenigen das Leben schwer zu machen, die etwas am Herzen haben, um es mitzuteilen, während diejenigen, denen man ihre Arbeit schwer machen will, es leicht nehmen können, weil sie die Kapazitäten dafür haben, die neuen Regelungen rechtskonform umzusetzen oder gar nicht ins Visier geraten, weil sie im Auftrag des Staates selbst arbeiten, sich eine Stulle mit Butter schmieren können. Nur weniges ist gewonnen damit, aber viel verloren.

Internetreiniger. Foto: Hufner

Gleichwohl gehen mir Disclaimer von Emails zusehends auf die Nerven, die folgenden Inhalt haben wie hier – bei einem großen Musikverlag.

„Diese E-Mail ist vertraulich und ausschließlich fuer den oben stehenden Empfänger bestimmt. Falls Sie die E-Mail irrtümlich erhalten haben, bitten wir um telefonische Benachrichtigung. Außerdem bitten wir um sofortige Löschung. Es ist nicht gestattet, die E-Mail ganz oder teilweise zu kopieren, an andere zu senden oder anderweitig offenzulegen oder zu verwenden. Der Inhalt und evtl. Anlagen können Computerviren enthalten, die Ihr IT-System beschädigen können. Wir haben zur Verminderung der Risiken Maßnahmen getroffen, können aber die Virusfreiheit nicht garantieren. Das Öffnen der Anlagen erfolgt daher auf eigene Gefahr. Wir empfehlen Ihnen, eine Prüfung auf Viren selbst vorzunehmen. Bitte bedenken Sie bei dem Versand von E-Mails, dass die Informationen fremden Dritten zugänglich sein können.“

Eigentlich dürfte ich das wohl auch nicht zitieren. Aber, lecko, gehört der Disclaimer überhaupt zum inhaltlichen Inhalt einer Mail? Also da wird man über eine Neuerscheinung einer CD informiert. Anhängend eine PDF und ein JPG. Beides könnte sogar mein IT-System schädigen. Danke für den Hinweis, das ist zu lieb. Auch oben: Falls ich die Mail nicht erhalten haben dürfte, weil irrtümlich an mich gesandt, bittet man um telefonische Benachrichtigung und um sofortige Löschung. Wenn ich sofort lösche, wie soll ich da noch die Telefonnummer herausbekommen. Sollte ich die Mail irrtümlich erhalten haben, wäre vielleicht eine Entschuldigung der bessere Weg, statt damit zu drohen, dass diese Werbe-Info-Mail „vertraulich sei“.

Lesen die, die so etwas versenden nie das, was sie das versenden? Oder wollen sie es nicht verstehen, was sie da für einen Blödsinn in die Welt setzen. Das ärgert mich! Das ärgert mich sehr. Nur noch Bekloppte.

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Rechtspopulisten ohne Wiederkehr

Tue, 05/15/2018 - 21:24

Intellektuelle, die in den Rechtspopulismus rutschen oder einwandern (wie Sarrazin, Boder, Matussek und Co) – ich weiß, es tut weh, sie Intellektuelle zu nennen – kommen da nie wieder heraus. Eine Exit-Strategie ist da unmöglich. Man wird sie nie wieder als ernsthafte Gesprächspartner akzeptieren können. Letztlich sind sie alle dann auf sich selbst angewiesen. Das schweißt sie über ihren Eigengeruch hinaus zusammen.

In dieser Einbahnstraßen-Sackgasse stecken sie dann fest und kreisen am Wendehammer herum, fluchend, wütend. Denn, sie nehmen sich selbst ja auch nicht ernst. Dabei werden sie müder und müder. Und wie Hunden oder Kindern macht sie die Müdigkeit reizbar, denn ihr Auftrag erlaubt ihnen ja auch keinen Schlaf.

Der Wendehammer wird dabei immer dichter mit ihren Gedanken gefüllt, so dass sich auf die Dauer nicht mehr viel bewegt. Einen kleinen Ausgang gibt es wohl. Da huschen die einen oder anderen dann durch. Das ist dort, wo es dann ganz dunkel wird. Wo die Begriffe immer enger werden, damit man etwas mehr Platz beim Nachdenken findet. Sie verblöden dabei also immer mehr.

Ungefährlich sind sie deshalb lange nicht. In ihren dunklen Denkkerkern sind sie unberechenbar. Man sollte ihnen nicht zu nahe treten, es sei denn, man versteht es, ihre Körperhaltung und Mimik richtig zu deuten. Aber selbst das ist höchstens noch von verhaltensbiologischem Interesse. Gegenseitige Kommunikation dürfte unmöglich werden. Streben diese Gestalten auch gar nicht mehr an.

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Mit Hochdruck verzögern – Hochschule für Musik und Theater München

Mon, 05/14/2018 - 16:26

Die Hochschule für Musik und Theater München hat heute Stellung bezogen zu den aktuellen Berichten in den Medien in der Angelegenheit Mauser und von Bose. Ohne in der Sache selbst Stellung zu beziehen. Das ist okay. Aber es geht hier auch um etwas ganz anderes.

»Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Compliance-Kultur der HMTM weiter zu verbessern. Daher werden wir die entsprechenden Strukturen und Prozesse der HMTM von einem unabhängigen Dritten auditieren lassen und gebotene Veränderungen konsequent umsetzen. Die entsprechende Persönlichkeit bzw. Institution für ein externes Compliance-Audit wird in Kürze mit einer Überprüfung der hochschulinternen Abläufe und Regelungen zu den Themen sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch betraut«, so der HMTM-Präsident weiter.

Vor mittlerweile zwei Jahren hatte man im Zuge der Sachaufklärung eine interne Umfrage gestartet, die bislang aber nicht an die Öffentlichkeit gelangt ist. Aus den Ergebnissen wurde im Spiegel-Artikel zitiert (hier nach Watson.de).

  • Sollen 115 Studenten während ihrer Zeit an der Münchner Musikhochschule „anzügliche Bemerkungen“ gehört haben.
  • Sollen 56 Studenten „anzügliche Gesten“ wahrgenommen haben.
  • Sollen 34 Studenten gemeldet haben, „angegrapscht oder absichtlich berührt“ worden zu sein.
  • Sollen 9 Studenten berichtet haben, dass ihnen Genitalien gezeigt worden seien.
  • Sollen 8 Studenten ausgesagt haben, dass sie zu sexuellen Handlungen gezwungen worden seien.
  • Sollen 7 Studenten Nachteile angedroht bekommen haben.
  • Soll eine Vergewaltigung stattgefunden haben.

Der Präsident der Hochschule, Bernd Redmann sagt, dass die Hochschule seit Frühjahr 2016 „intensiv daran gearbeitet [hat], ihre Organisationsstruktur und -kultur weiterzuentwickeln“. Nachdem also diese Untersuchung seit geraumer Zeit existiert, scheint die Auswertung doch bis heute nicht passiert zu sein. Oder ist nur von wenigen geführt worden. Nachfragen dazu werden ja geblockt. Redmann hat noch 2016 in einem Gespräch mit der nmz bekannt gemacht:

„Es wurde auch die Ermutigung an eventuelle Opfer von Übergriffen ausgesprochen, sich vertraulich bei den Ansprechpartnern und -partnerinnen der Hochschule zu melden. Es gab in den letzten Wochen jedoch keine weiteren Gesprächswünsche.“ [Die nmz im Gespräch mit Präsident Bernd Redmann über Regelungslücken und Richtlinien]

Spätestens hier sollte es doch klingeln. Der Hochschulleitung wird kein Vertrauen entgegengebracht, wenn man diese Äußerung im Zusammenhang mit den geheimen Ergebnissen der Umfrage sieht. Die Hochschule wie ein Dampfkochtopf. In der Hoffnung, dass die Angelegenheit verkocht und nach Außen der Schein gewahrt bleibt.

Ich hatte damals schon gefragt: Kann man dieser Hochschule noch vertrauen? Vertrauen einem ganzen Netzwerk, das diese Institution bis in den Hochschulbeirat durchzieht?

Offenbar nicht! Und so verwundert der Umgang der Hochschulleitung heute so sehr wie früher. Nun also möchte man sich von einem unabhängigen Dritten „auditieren“ lassen. Das ist das Verständnis von Hochdruck, wie man es HMTM wohl zuordnen wird müssen. Man rühmt sich der Transparenz der Vorgänge, weiß aber zugleich nicht einmal, wer diese Entscheidung getroffen hat oder wie sich die Studierendenschaft dazu stellt. Es ist immer noch dieses Gefühl des Von-oben-herab-entscheidens. Man hat nicht das Gefühl, dass die ganze Hochschule mitbetroffen worden ist.

Welcher Wind da weht ist klar schon an der Gegenüberstellung des ersten und des letzten Satzes der Pressemitteilung.

Hochschule sorgt für umfassende Transparenz ./. Aus Gründen des Persönlichkeitsrechts und Datenschutzes kann sich die HMTM auch weiterhin zu laufenden Gerichtsverfahren nicht äußern.

Letzteres verlangt niemand. Es könnte freilich sein, dass jede Äußerung mit den Gerichtsverfahren zu hätte. Das freilich wäre die schlimmste anzunehmende Möglichkeit.

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Schönwetterforschung und Utopievernichtung

Mon, 05/14/2018 - 00:09

Im Kern muss man konstatieren, dass die Zukunfts- und Trendforscher die größten Reaktionäre im Forschungssektor zusammen mit den Demoskopen sind: Gesellschaftlich anerkannte Utopievernichter.

So drückt die Zukunft einen immer weiter rückwärts, auch in Richtung Passivität und Gestaltungsunfähigkeit.

  • Erschien zuerst Mai 2008 in der Kritischen Masse

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Immanuel Kant und die Metaphysik der Sitten (Umgang mit Armut)

Tue, 05/08/2018 - 12:10

Heute eher alles sittenlos.

So werden wir gegen einen Armen wohltätig zu sein uns für verpflichtet erkennen; aber, weil diese Gunst doch auch Abhängigkeit seines Wohls von meiner Großmut enthält, die doch den anderen erniedrigt, so ist es Pflicht, dem Empfänger durch ein Betragen, welches diese Wohltätigkeit entweder als bloße Schuldigkeit oder geringen Liebesdienst vorstellt, die Demütigung zu ersparen und ihm seine Achtung für sich selbst zu erhalten. [Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten. DB Sonderband: Kant: Werke, S. 4073 (vgl. Kant-W Bd. 8, S. 584)]

Die Menschheit lernt wenig dazu, weil sie nicht zuhört oder zuhören will.

Zuerst erschienen in der Kritischen Masse am 13. Mai 2005

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Auf dem Rückweg nach Weimar?

Tue, 05/08/2018 - 11:32

Aus gegebenem Anlass dreht sich einiges bei mir um das Jahr 1933. Da fiel mir heute wieder Franz Neumanns „Behemoth – Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944“ in die Hände. Dieses über 600 Seiten umfassende Werk stammt aus dem Jahr 1942 (überarbeitet 1944). Ein Schwerpunkt behandelt natürlich auch die Zeit davor. Neumann setzt sich mit dem Verständnis von Demokratie in der Zeit der Weimarer Republik auseinander. Er lässt Carl Schmitt zu Wort kommen:

Parlamentarismus ist nicht identisch mit Demokratie, sondern lediglich eine ihrer historischen Formen. Die Hauptprinzipien des Parlamentarismus sind öffentliche Diskussion, Teilung der Gewalten und Allgemeinheit des Gesetzes. Die öffentliche Debatte verlangt, daß die Instanzen politischer Macht sich der Diskussion als eines Mittels der Wahrheitsfindung aussetzen. Die öffentliche Debatte ermöglicht der Bürgerschaft die Überwachung und Kontrolle ihrer Vertreter. Aber, sagt Schmitt, die Praxis stimmt nicht mehr mit der Theorie überein. Die parlamentarische Debatte ist heute nichts weiter als ein Mittel, die zuvor außerhalb gefällten Entscheidungen zu registrieren. Jeder Abgeordnete ist durch starre Parteidisziplin gebunden. Er würde nicht wagen, sich von einem Gegner umstimmen zu lassen. Die parlamentarische Debatte ist ein Betrug. Die Reden werden nur für das Protokoll gehalten. Da die wichtigen Entscheidungen in geheim tagenden Ausschüssen oder in informellen Verhandlungen zwischen den herrschenden Gruppen fallen, ist die Öffentlichkeit der Debatte selbst leerer Schein. [S. 70 f.]

Für Schmitt sollte, so Neumann, daher die Demokratie abgelöst werden durch jemanden, der es selbst in die Hand nimmt. Neumann schreibt:

Das logische Resultat dieses vorsätzlichen Manövers war der Ruf nach einem starken Staat, der in dem Wahlspruch gipfelte: »Alle Macht dem Präsidenten.« Der Präsident, so wurde unterstellt, ist eine wahrhaft demokratische Insitution: Er ist vom Volke gewählt. [S. 72]

Das war in Zeiten der Weimarer Republik. Gleichwohl passiert es, mir passierte es, dass ich in Schmitts Kritik vieles wiederfand, was sich auch immer stärker in der gegenwärtigen Situation ausdrückt. Neumann machte dafür ein fehlendes verinnerlichtes Verstehen der Demokratie für diese Entwicklung verantwortlich.

In Wirklichkeit verschleierte die Weimarer Verfassung gar nichts. … Verfassungstheorie und -praxis enthüllten die Schwäche der demokratischen Kräfte und die Stärke ihrer Gegner. Ganz ebenso offenbarten sie, daß die Weimarer Verfassung ihre Existenz weit mehr der Duldung ihrer Feinde als der Stärke ihrer Anhänger verdankte. [S. 73]

Analogien

Und da kann man schon eine neuerliche Analogie zur aktuellen Situation sehen. Das zeigt sich einerseits sicher auch in der nachlassenden Bereitschaft an Wahlen teilzunehmen, weil man dem Prinzip der aktuellen Demokratie nicht mehr traut. In der Tat kann der Zustand des Parlamentarismus heute als ziemlich heruntergekommen angesehen werden. Viele, zahlreiche Entscheidungen auf der politischen Ebene rufen nur noch Kopfschütteln hervor; nie weiß man mehr, ist dort oben der Bundeskanzler oder der Autokanzler. Die Regierten finden sich nicht wieder in der Regierung. Und eine der wesentlichen Entscheidungen der Bürgerschaft besteht nun einmal in Wahlen. Doch was, wenn es die Opposition nicht mehr gibt, wenn man sie nur noch als graduell empfindet? Was, wenn immer mehr Menschen so empfinden, wie es Carl Schmitt beschreibt?

Was vor allem, wenn politische Entscheidungen immer häufiger über die Köpfe der Beteiligten hinweg gefällt werden (siehe Hartz IV). Man ist sich dabei ja sogar einigermaßen klar darüber geworden, dass hier die Öffentlichkeit nicht in gewünschtem Maße eingebunden worden. Aber wie hat man darauf reagiert? Durch Überredungsparolen. Die Debatte wurde nicht nachgeholt sondern nur propagiert durch ganzseitige Anzeigen in Zeitungen etc.

Was also, wenn sich die Demokratie und der demokratische Parlamentarismus aus sich heraus zu einer totalitären Herrschaft verwandelt? Man gibt ein Programm auf, das wesentlich besser gestellt war als seinerzeit die Weimarer Demokratie. Man verbockt die gewesenen Chancen. Und welche Bedeutung hat dann noch ein so idiotisches Scharmüzel um den „Kapitalismus“, wie es die lärmenden Parteisoldaten ins Spiel bringen. Die Frage ist doch vielmehr zu stellen nach dem realen Zustand von Demokratie in der gegenwärtigen Gesellschaft.

Exkurs: Antikapitalistisch war auch das Programm der NSDAP — aber nur zum Scheine. Denn der nationalsozialistische Antikapitalismus habe stets, wie Neumann schreibt, „das »schaffende« Kapital, das Industriekapital, von seinen Anklagen ausgenommen und sich allein auf das »raffende« Kapital, das Bankkapital gerichtet.“

Der Kampf gegen das Bankkapital ist kein Antikapitalismus; er ist im Gegenteil kapitalistisch und tatsächlich oft faschistischer Kapitalismus, nicht nur in Deutschland, sondern auch in fast jedem anderen Land. Jene, die nicht müde werden, die Herrschaft des Finanzkapitals (worunter sie stets das Bankkapital verstehen) anzugreifen, spielen damit den mächtigsten und aggressivsten Gruppen der modernen Gesellschaft, den industriellen Monopolisten, in die Hände. Wann immer ein Schrei der Entrüstung gegen die Herrschaft des Bankkapitals einer Volksbewegung eingeimpft wird, ist es das sicherste Zeichen dafür, daß der Faschismus unterwegs ist. [S. 379].

Aber Neuman bleibt auch hier nicht stehen. Er versucht anhand der Analyse der Aufsichtsräte der Deutschen Bank und der Dresdner Bank die „Kongruenz von Industrie- und Bankkapital“ nachzuweisen, denn:

Der Finanzkapitalismus ist nicht tot; er ist Wirklichkeit, und eine sehr mächtige dazu. [S. 379]

  • Erschien zuerst in der Kritischen Masse am 11. Mai 2005.

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Wittgenstein und Kierkegaard

Tue, 05/01/2018 - 12:00

99 Jahre Erkenntnisdifferenz.

Wittgenstein (1942):

„Ein Mensch ist in einem Zimmer gefangen, wenn die Tür unversperrt ist, sich nach innen öffnet; er aber nicht auf die Idee kommt, sie zu ziehen, statt gegen sie zu drücken.“01)Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit, Werkausgabe Band 8, Frankfurt am Main 1992, S. 509. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_6244_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_6244_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Kierkegaard (1843):

„Ach, die Tür des Glücks geht nicht nach innen, so dass man auf dieselbe losstürmen und sie aufdrücken könnte. Sie geht nach außen; man kann also nichts dabei machen.“02)Sören Kierkegaard, Entweder – oder, München 1975, S. 32. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_6244_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_6244_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Der eine will aus dem Zimmer heraus, der andere hinein; der eine ist gefangen darin, dem anderen steht es für Glück.

  • Zuerst 2015/05/03 in der Kritischen Masse

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit, Werkausgabe Band 8, Frankfurt am Main 1992, S. 509. 02. ↑ Sören Kierkegaard, Entweder – oder, München 1975, S. 32. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Eichung von Musik bringt den Staat in Ordnung [nach Curt Sachs]

Sat, 04/28/2018 - 19:12

Chinesische Kaiser begannen ihre Herrschaft mit dem Befehl, der Minister habe die Musik wieder in Einklang mit dem Weltall zu bringen. Heute würden wir es trocken nennen: die Stimmgabel neu zu eichen. Was sollte mit dieser Neuabstimmung erreicht werden? Die alten Weisen des Reiches der Mitte sprechen es deutlich aus: Staat und Musik sind, wie der Mathematiker sagen würde, funktionell verknüpft. Ist die Musik in Unordnung, muß es auch der Staat sein.“01)Curt Sachs, Vergleichende Musikwissenschaft in ihren Grundzügen, Leipzig 1930, S. 66 jQuery("#footnote_plugin_tooltip_2953_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_2953_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Nachtrag 2018: Curt Sachs sah es so. Erstaunlich dabei, dass man von der Musik annahm, sie könne den Staat in Ordnung bringen. Ich weiß nicht, wie korrekt Curt Sachs hier wirklich geforscht hat. Aber die Grundidee ist natürlich verblüffend.

Hier arabisch-persische Leitern, die Curt Sachs aufgelistet hat. Unten die Dur-Tonleiter der Europäischen Kultur.

Arabisch-persische Tonsysteme nach Curt Sachs

Dies zeigt einerseits, dass es sich bei der okzidentalen Tonleiterentwicklung um eine Art McDonaldisierung (ich klaue den Begriff mal bei Ritzer) der Musik gehandelt haben muss. Aber eben nur auf eine bestimmte Art. Morgen früh werde ich auch zeigen, was man damit machen kann. Und es erinnert aber auch an die Worte eines Musiklehrers in der Schule, der uns damals einen Synthesizer vorführte, dass es eine Schande sei, an ihn eine Tastatur anzuschließen. Er hatte damit sehr recht — aber das weiß ich auch erst seit ein paar Jahren.

Nachtrag 2018: Aus dem Blickfeld der arabisch-persischen Tonsystem heraus, müssen unsere europäischen aktuellen, jenseits der experimentellen kleineren Versuche, natürlich wie eine ungeheure Verarmung erscheinen. Wollte man das mal mit einem Begriff wie Leitkultur (als Leittonsystem) vereinen, wären solche Leitkulturen natürlich vor allem eines eben: Zeichen einer Verarmung.

Zuerst in der Kritischen Masse (2005) erschienen.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Curt Sachs, Vergleichende Musikwissenschaft in ihren Grundzügen, Leipzig 1930, S. 66 function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Früher war es nicht anders: Komponistinnen-Sponsoring im 19. Jahrhundert

Wed, 04/25/2018 - 17:13

Ich sage mal nicht, wo ich das gefunden habe. Ein Pollenflug war schuld daran, dass ich es überhaupt fand. Okay, steht in der Bildunterzeile.

screenshot-www.landestheater-coburg.de-2018-04-25-16-44-32

Was wäre uns für eine fantastische Oper entgangen, hätte nicht die Brose Unternehmensgruppe die Oper von Dvorak unterstützt. Aber es ist doch wirklich ein Jammer, mit welchen Methoden plötzlich Dinge verbunden werden. Dabei wüsste man gerne mehr, wie denn die großzügige Unterstützung ausgesehen haben mag.

Erinnern wir uns doch ganz einfach auch daran, beziehungsweise vergessen wir nie, dass man als Steuerzahler zu den großzügigsten Unterstützern solcher Institutionen gehört, auch wenn es fast nirgendwo erwähnt wird.

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Apropos: Jens Daskannstedirspahn und die Überflüssigkeitsgesellschaft

Sun, 04/08/2018 - 13:12

Irgendwo in der Welt der Nachrichten folgendes aufgeschnappt. Da sagt ein deutscher Gesundheitsminister (Name vergessen) offenbar:

„Wenn wir reden und handeln in einer Haltung, die breite, sich bürgerlich fühlende Schichten zuletzt oft schmerzlich vermisst haben, dann können wir die AfD überflüssig machen.“

Jens Daskannstedirspahn habe das in einem Grußwort vor einem Treffen von sogenannten Werte-Unionisten der CDU gesagt. Das ist großartig. Der Mann hat die Lösung zur Verüberflüssigung der AfD gefunden. Damit geht er als erster durchs Ziel. Klar, leider ist das Ziel genau einen Meter hinter einer Klippe, wie dumm nur. Es ist also nicht weniger nötig, als den Wahn und den Wahsinn, die komplette Irrationalität sich zu eigen zu machen, um das Wahlvolk der AfD einzusammeln. Aber nicht, um es einzuhegen. Nein, um es zum Markenkern werden zu lassen. Stimmt doch, oder? Das sollen also „breite, sich bürgerlich fühlende Schichten“ sein. Nennen wir sie beim Namen, die Listen werden ja geführt wie unter Erklärung2018 zu finden (ich verlinke es mal nicht, selbst ist die sich bürgerlich fühlende Schicht).

Das ist eine Bratwurst. Foto: Hufner

Das ist leider die sich durchaus ausbreitende Weltsicht, bei der es nicht um richtige oder falsche Erwägungen geht, sondern um das Einfangen von Erwägungen überhaupt. Man muss die Chauvinistinnen da abholen, wo sie sind und sich deren Anschauungen zu eigen machen. Die „breiten, sich 2-und-2-sind-5 zusammenreimenden und die fühlenden Schichten“ brauchen eine neue Heimat. Und dafür letztlich gibt es das Heimatmuseum von Horstenichtskapiert Seehofer.

Im übrigen macht man mit all dem die AfD nicht überflüssig, sondern verdoppelt sie nur. Umsorgt von Ressentimentminister Wernichtshorstderhatschon Seehofer. Ressentiments brauchen eine Heimat, sie brauchen Pflege, scheint das Motto dieser Werteunionisten zu sein.

Überflüssig

Überflüssig hatte da in den Kreisen Wort- und Wertekonjunktur. Mit Einsicht in die eigene Situation hat das in dem Zusammenhang Manuel Hagelichsnistgesagt festgestellt: „Wenn wir keine Antwort darauf haben, was liberal und konservativ heißt, machen wir uns überflüssig.“ Genau so ist es aber. So oder so! Und charmant bekloppt unterstrich er das mit den Worten: „Der Doppelpass ist wie Petersilie auf dem Schnitzel: Beides ist überflüssig.“ Was allerdings nicht stimmt, außer in die eigene Richtung gesprochen. Wenn die so weiter machen, dürfte ihnen auch auffallen, dass die „CDU ist wie Denken fürs Gehirn: Beides ist überflüssig.“

Überflüssig hier allerdings aus guten Gründen jedes weitere Wort.

Nachtrag: Warum Jens S. Gesundheitsminister ist – er „will“ sich um, Zitat, „gesunden Patriotismus“ kümmern. Wie der wohl aussehen wird, kann man an seinen aktuellen Verlautbarungen erkennen. Und das sieht leider sehr ungesund aus. An diesem Minister soll wahrscheinlich auch das Volksempfinden gesunden. Da bin ich lieber krank.

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Rat-, hilf- und trostloser Musikindustrie-Beirat – ECHO Pop

Fri, 04/06/2018 - 18:35

Nach 2013 hat der ECHO Pop auch dieses Jahr wieder ein Problem. Ging es vor fünf Jahren um die Gruppe Frei.Wild, die nominiert war, was teilweise unter den Mitnominierten zu Übellaune führte, ist es in diesem Jahr Farid Bang und Kollegah. Es ist klar, dass in der Popmusik nicht immer alles nach heiler Schlagerwelt klingt und tönt – und textet. Es geht da auch schon mal „zur Sache“. Und eben auch darüber hinaus. Präzise wurden Künstler nominiert, bei denen aktuell die Textzeile „Mein Körper definierter als vom Auschwitzinsassen“ auftaucht.

Eigens für diese Zwecke hat sich der Bundesverband Musikindustrie [BVMI], die den ECHO betreibt, einen Beirat geschaffen, der unabhängig von Weisungen sich in Problemfällen dazu äußern soll, ob die nominierten Künstler auch weiterhin nominiert werden sollen. Die Entscheidung des Beirats ist für die ECHO-Jury bindet.

„Für die Prüfung solcher Zweifelsfälle hat der Vorstand des Bundesverbandes Musikindustrie vor einigen Jahren den ECHO-Beirat ins Leben gerufen, der vom Vorstand eingeschaltet werden kann. Als ein von der Branche unabhängiges Gremium beurteilt der ECHO-Beirat – unter Abwägung der künstlerischen Freiheit – die Vereinbarkeit eines Werkes mit grundlegenden gesellschaftlichen Normen und entscheidet, ob ein Künstler mit dem zur Diskussion stehenden Produkt von der Nominierung ausgeschlossen werden soll.“ [Quelle]

Die Idee ist prima. Denn sie entlastet das ECHO-Gremium davon, sich selbst zu positionieren. Egal, was der Beirat entscheidet, man hat dann jemanden, der die Entscheidung trägt und zu ihr stehen muss.

Der Beirat hat entschieden, sein Sprecher, Wolfgang Börnsen, erklärt:

„Bei der Nominierung der Künstler ‚Kollegah & Farid Bang‘ mit dem Album ‚Jung Brutal Gutaussehend 3‘ für den ECHO handelt es sich um einen absoluten Grenzfall zwischen Meinungs- und Kunstfreiheit und anderen elementaren Grundrechten. Wir stellen fest, dass dieses Album nicht auf dem Index der Bundesprüfstelle steht, schließen aber nicht aus, dass es noch eine behördliche Befassung geben sollte. Die Wortwahl einiger Texte, wie bei dem Titel ‚0815‘ auf der Beilage-EP ‚§ 185‘, ist provozierend, respektlos und voller Gewalt. Sie als Stilmittel des Battle-Raps zu verharmlosen, lehnen wir ab und möchten an dieser Stelle unsere deutliche Missbilligung gegenüber der Sprache und den getroffenen Aussagen unterstreichen.“ [Quelle]

Mit anderen Worten: Was da in den Texten der Autoren transportiert wird, missbilligt der Beirat. Er hält es sogar für möglich, dass die Texte so gestaltet sind, dass man sich „behördlich“ damit befassen wird. (Wäre es so, käme dieses Werk auf den Index, hätte es den Ausschluss vom ECHO zur Folge – so steht es in den Regularien.) Da dies aber bisher nicht aber der Fall ist, will man sich selbst nicht positionieren durch eine Ablehnung:

„Nach intensiver und teilweise kontroverser Diskussion sind wir dennoch mehrheitlich zu dem Ergebnis gekommen, dass ein formaler Ausschluss nicht der richtige Weg ist.“ [Quelle]

Dann eben nicht. Dann sollte man einen inhaltlichen Ausschluss vielleicht wählen. Dafür führt der Beiratssprecher auch genügend Gründe an:

„Wir nehmen wahr, dass nicht nur in der Musik, sondern auch in anderen Bereichen der Kultur, wie in Film, Theater und Malerei, eklatante Tabubrüche zunehmend zu den Merkmalen der Kunstfreiheit gehören. Auch sehen wir, dass Hass und Gewalt im gesamten medialen Umfeld zunehmen. Wir halten diese aktuelle Entwicklung in unserer Gesellschaft für bedenklich und falsch und beobachten mit großer Sorge die Aufwärtsspirale, die sich auch in der verbalen Missachtung von Gesetzen ausdrückt.“ [Quelle]

Hörthört. Die genannte Textstelle wird als Tabubruch wahrgenommen. Und als solche ist sie eben Ausdruck allgemeiner Tendenzen der Kulturentwicklung. Das ist zwar doof. Aber mit dem Begriff des „Tabubruchs“ auch irgendwie nobilitiert. Man muss ja die Tabus brechen, um weiter zu kommen, um etwas aufzudecken, was kulturell sonst behütet wird. Der Tabubruch adelt das Unterfangen. Die Logik der Argumentation erlaubt es dem Werk, als Kunstprodukt durchzugehen.

Wolfgang Börnsen. Beiratssprecher. Foto: Hufner

Aber ansonsten legt man die Hände in den Schoß und sagt sich: Nicht unser Problem. Das muss die Gesellschaft lösen. Jetzt ernsthaft. Dafür braucht es nur eine Institution (welche?), „die eine Plattform zur Auseinandersetzung mit diesem Thema schafft.“ Wir sind nur der Beirat, wir werden das nicht entscheiden. Das sollen andere. Nachher heißt es noch, wir würden Zensur ausüben. Es geht ja doch nur um den Satz: „Mein Körper definierter als vom Auschwitzinsassen.“ In der Branche ist das ein üblicher Verstoß, bloß ein rappender Bodycheck. Doof zwar und wir finden das gar nicht schön, aber normal in dieser Szene. Darf man sich das so vorstellen? Ja, nein. Sie missbilligen das und akzeptieren das auch nicht als Stilmittel des Battle-Rap. Aber, was soll’s. Nominiert ist nominiert. Ob das tolerabel ist, sollen andere entscheiden. In unserer Geschäfts- und Verfahrensordnung ist das Thema nicht vorgesehen.

„Deshalb appellieren wir an die politisch wie gesellschaftlich Verantwortlichen in unserem Land, eine ernsthafte Debatte über die Bedeutung und den Deutungsrahmen der Kunst- und Meinungsfreiheit zu führen. Es gilt, über alle Medienformen hinweg eine Institution zu bestimmen, die eine Plattform zur Auseinandersetzung mit diesem Thema schafft.“ [Quelle]

Denn: „Die Problematik, die an diesem Fall deutlich wird, reicht weit über den Musikpreis ECHO hinaus. Es ist eine Debatte, die die gesamte Gesellschaft betrifft.“ [Quelle]

Natürlich betrifft sie die Gesellschaft. Aber konkret geht es jetzt nur um die Zeile: „Mein Körper definierter als vom Auschwitzinsassen.“ Kann man unter Tabubruch abhaken? Wenn dann die Schlussformel sagt: „Wir sind bereit, uns aktiv an dieser Auseinandersetzung zu beteiligen“ [Quelle], so ist das glatt gelogen. Das ist der Beirat, wie er in seiner Stellungnahme bezeugt, eben nicht.

Wenn man dann in die Liste der Mitglieder des Beirats schaut, wird einem unwohl. Da sind Vertreter vom Deutschen Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der evangelischen und katholischen Kirche dabei, gegen diese Stimmen könnte der Beirat nicht diese Entscheidung fällen. Sie müssen die Sache wohl mitgetragen haben. Wie sie konkret abgestimmt haben, kann man nicht wissen, denn die Abstimmung ist geheim (warum eigentlich?). Durch ihre Teilnahme an der Besetzung des Beirats legitimieren sie das Gremium sowieso und es ist damit auch unerheblich. Sie meinen das wahrscheinlich tatsächlich ernst.

Twitterin Kunstfeler hat das eigentlich glasklar erkannt:

Wir halten fest: für den @ECHO_Musikpreis zählt (wenig überraschend) der Grundsatz Kommerz > Moral.
Und diejenigen, die diese geistig nicht besonders herausfordende Sendung schauen, können die Art der Sprache ganz sicher nicht als Kunst einordnen.

— kunstfeler (@kunstfeler) April 6, 2018

Ansonsten herrscht eben Gelassenheit. So sieht es Farid Bang.

Der BVMI sieht es gelassen, denn der hatte es nicht entschieden.

Der Beirat sieht es nicht ganz so gelassen, schiebt das Problem aber vor sich her. Was die beiden Kirchen und die Kulturverbandsvertreterinnen hier kundtun, das ist Vogelstrauß-Taktik nach dem Muster: Ist eben kompliziert: Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit sind irgendwie wichtig. Tabubrüche gehören zum Spiel. Satire und Kunst dürfen alles. Beirat ohne Stachel. Die Ruhrbarone sind da weniger zimperlich als ich:

„Die beiden [Kollegah und Farid Bang] verdienen gut mit der Vermarktung antisemitischer Inhalte und der entsprechenden Posen. Das ist nicht dumm, weil es genug antisemitisches Dreckspack gibt, das die Musik der beiden kauft, aber natürlich widerwärtig. Doch genauso widerwärtig wie Kollegah  & Farid Bang sind ihre willigen Helfer. Die Schreibtischtäter vom Bundesverbandes Musikindustrie e.V. und seinem Beirat …“ [Quelle]

Daher mal konkret an Olaf Zimmermann, den Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates: Ist es okay, wenn auch im Namen ihrer Institution Ihr Präsident diese Entscheidung mitträgt? Und an den Generalsekretär des Deutschen Musikrates: Ist es okay, wenn auch im Namen ihrer Institution ihr Präsident diese Entscheidung mitträgt? – Oh, Sie sind ja zugleich Präsident des Deutschen Kulturrates. Damit hat sich die Antwort wohl erledigt.

Nein, mit dieser Beiratstoleranz sind Sie Teil des Systems, das sie beklagen. Ist schon ein bisschen heuchlerisch, oder? Oder mehr??

Endlich könnte man mal ein bisschen Farbe bekennen – und lässt es dann. Gratulation, Deutscher Kulturrat; Gratulation, Deutscher Musikrat. Harmloser geht es nicht.

Für Ihre Unterlagen – Mitglieder des ECHO-Beirats:

  • Wolfgang Börnsen (ehem. MdB)
  • Klaus-Martin Bresgott (Rat der Evangelischen Kirche Deutschland)
  • Christian Höppner (Deutscher Kulturrat)
  • Martin-Maria Krüger (Deutscher Musikrat)
  • Uta Losem (Katholisches Büro)
  • Kurt Mehnert (Folkwang-Universität)
  • Ole Oltmann (Musikpädagoge)

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