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Updated: 3 hours 22 min ago

Das Leben ändern, nicht die Kunst

Thu, 01/10/2019 - 09:13

Seit einiger Zeit wird immer wieder behauptet, dass die Menschen und die Künste nicht zusammen fänden. Man macht da gewiss Unterschiede zwischen den Künsten. Bildende Kunst und Dichtung gelten als nur bedingt problematisch. Bei Musik gibt es ein Riesendurcheinander. Musikvermittlung wird eingesetzt. Denn irgendwie müssen doch Musik und Menschen einander finden. Ist es wirklich so und ist es wirklich so schlimm? Edgar Wind und Adorno haben da ganz eigene Erfahrungen beschrieben.

Bei Edgar Wind01)Edgar Wind: Kunst und Anarchie, Frankfurt/M. 1994. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8516_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8516_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] }); und bei Adorno02)Theodor W. Adorno: Ästhetik (1958/59), Frankfurt/M. 2009. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8516_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8516_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] }); habe ich einige andere Einsichten gewonnen.

In dem Kapitel über ästhetische Partizipation stellt Wind fest, dass Kunst und Leben sich auseinanderentwickelt hätten. Die Kunst sei in einer „Randstellung“ zu finden. Und die Künstler hätten alles daran gesetzt, dies auch zu wollen:

„… die Größe eines Künstlers offenbarte sich in seiner Macht, die Wahrnehmungsgewohnheiten zu zerstören und der Sensibilität neue Bereiche zu erschließen.“03)Edgar Wind, a.a.O., S. 25. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8516_03").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8516_03", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Das alles sei einer Art Welt des Experimentierens zu danken, worin sich die Künste immer mehr der Wissenschaft angeschlossen hätten.04)„… obwohl die Künstler heute viel weniger von Naturwissenschaft verstehen als im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, scheint ihre Phantasie vom Wunsch geplagt [sic!], wissenschaftliche Verfahren nachzuahmen.“ Edgar Wind, a.a.O. S.26. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8516_04").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8516_04", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Und nach der Analyse des Zustands stellt er fest:

„Es wär töricht zu glauben, dieser Tatbestand ließe sich einfach dadurch ändern, daß man ihn sich anders wünscht.“05)Wind: ebenda. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8516_05").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8516_05", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Ich denke, niemand wird heute so töricht sein, eben dies zu wollen. Obwohl man manchmal den Eindruck gewinnen könnte. Denn die Künstler haben diesen Weg nicht „aus Willkür“ (S. 27) eingeschlagen sondern seinen „zur gleichen Zeit von einer zentrifugalen Kraft erfaßt worden“ (S. 27), auch eine „glückliche Verschwörung aller Sonderlinge“ (S. 27) scheide aus.  Der „Impuls reicht tiefer als individuelle Launen.“ (S. 27)

Und dann kommt der denkwürdige Satz:

„Wenn die Kunst wieder eine Rolle im Zentrum unseres Lebens spielen soll, so wird sich zunächst einmal unser Leben ändern müssen, ein Vorgang, der von Künstlern und Kritikern allein nicht abhängt.“06)Wind: ebenda. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8516_06").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8516_06", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Eine Alternative, die einem in der gegenwärtigen Zeit ja überhaupt nicht mehr einfällt. Weil man weit weg davon ist, aufs Ganze zu gehen. Alle Formen von Management heute sind daher in gewisser Weise darauf angelegt, das Leben zu lassen wie es ist, und zwischen Leben und Ding (Kunst) eine Anpassung vorzunehmen. Was nicht passend ist, wird passend gemacht.

Das Orchester. Foto: Hufner

Das ist jedoch hilflos, denn man verkennt damit das, was Kunst auch zur Kunst macht, und ich würde sagen, vor allem zur Kunst macht. Die Unsicherheit. Das nicht Gefestigte, die Vielschichtigkeit. Wind, wenn ich es richtig verstanden habe, nennt es Schwebezustand. Dieser ist leider keiner der Behaglichkeit verspricht.

„Aber es lebt sich unbehaglich in einem Schwebezustand, und darum sind wir versucht, ihn gegen einige beschränkte, aber greifbare Gewißheiten auszutauschen.“07)Wind, a.a.O. s. 31. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8516_07").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8516_07", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Und hier setzt Adorno fort, wenn er diese Behaglichkeiten als Kennzeichen der Zeit diagnostiziert. In seinen Ästhetik-Vorlesungen von 1958/59 meint er zu erkennen, dass sowohl die Gebildeten wie die Ungebildeten „aussterben“ und „daß alle irgendwie Bescheid wissen“[ref]Adorno: a.a.O. S. 313.[/ref ]

„Irgendwie“ eben. Und deshalb ist auch zu allem sehr schnell ein Urteil gefällt. Die Schranke gegenüber einer gehobenen Kunst ist längst gefallen. Man findet gut oder schlecht. Und man kann vielleicht überredet werden, etwas gut oder schlecht zu finden. Aber der zentrale Raum, in dem Kunst stattfindet, nicht dem der Wort und Urteile, sondern demjenigen der Erfahrung, wird nicht mehr der Platz eingeräumt, der nötig wäre.

„Vermittlung“ hätte also zuerst da anzufangen, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass man Kunst überhaupt noch erfahren kann. Sie muss dies nicht an Kunst selbst tun, das kommt später. Aber die Ermöglichung von Sensibilität steht vor ihrer Verwendung. Das geht nicht auf in einem Begriff von kultureller Bildung, diese ergäbe sich aus den Bedingungen erst.

Nicht die Kunst muss sich ändern, nicht die Krücke zur Kunst, sondern das Leben.

Und das änderte wohl alles.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Edgar Wind: Kunst und Anarchie, Frankfurt/M. 1994. 02. ↑ Theodor W. Adorno: Ästhetik (1958/59), Frankfurt/M. 2009. 03. ↑ Edgar Wind, a.a.O., S. 25. 04. ↑ „… obwohl die Künstler heute viel weniger von Naturwissenschaft verstehen als im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, scheint ihre Phantasie vom Wunsch geplagt [sic!], wissenschaftliche Verfahren nachzuahmen.“ Edgar Wind, a.a.O. S.26. 05. ↑ Wind: ebenda. 06. ↑ Wind: ebenda. 07. ↑ Wind, a.a.O. s. 31. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Die 60er Jahre: Edgar Wind

Wed, 01/09/2019 - 11:11

Manche Einsichten sind sehr simpel. 1963 schreibt Edgar Wind:

„Machen wir uns nichts vor: Kunst ist unbequem, ganz besonders für den Künstler selbst.“01)Edgar Wind: Kunst und Anarchie, Frankfurt/M. 1994, S. 9. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_6166_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_6166_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Schöne Grüße aus den 60er Jahren …

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Edgar Wind: Kunst und Anarchie, Frankfurt/M. 1994, S. 9. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Twitterkönigin Karl Lauterbach oder: Die SPD auf dem Weg zu Thilo Sarrazin

Thu, 01/03/2019 - 18:47

Die SPD ist auf dem absteigenden Ast. Vorläufig. Denn natürlich kennt niemand die Zukunft. Dass die SPD aber vieles dafür tut, dass sie dann auch noch an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt, das erstaunt die eine oder andere dann doch. Vielleicht. Außer in der SPD selbst.

Denn die SPD probiert sich mal wieder scheinbar als Arbeiterinnenpartei. So stellt sie sich aktuell vehement auf gegen Gedanken zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Das kann man machen, warum auch nicht, denn die FDP tut dies ja auch. Gleichwohl ist die Argumentation, die beispielsweise der Hinterbänkler Karl Lauterbach zur Unterstützung seiner Parteivorsitzenden Andrea Nahles auffährt, absurd. Auf Twitter lässt er verlauten:

Lauterbach auf Twitter. Screenshot.

„Wenn die Grünen bedingungsloses Grundeinkommen fordern heißt dies dass ein schlecht qualifizierter Arbeiter dem studierten freiwillig bescheidenen lebenden Romanschriftsteller das Leben finanzieren müsste. Denn dieser wäre bedürftig. Das kann nicht gerecht sein. Wolkiger Unsinn“01)https://twitter.com/Karl_Lauterbach/status/1079512575522553856 jQuery("#footnote_plugin_tooltip_7115_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_7115_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Wir sind natürlich nicht informiert über das meteorologische Fachwissen dieses SPD-Mitglieds, aber nach diesem „Text“ wissen wir:

  1. Der Mann arge Probleme mit der deutschen Grammatik hat
  2. Die SPD die GRÜNEN als aktuellen Gegner in der Gunst um ihre Wählerinnen auserkoren hat
  3. Dass es nicht gerecht sein kann, wenn Bedürftige finanziell gefördert werden.

Insbesondere Punkt drei lässt einen ziemlich irritiert zurück. Denn in dieser Gesellschaft gibt es natürlich viele Bedürftige, die sowohl von „schlecht qualifizierten Arbeiterinnen“ als auch von „studierten freiwillig bescheidenen lebenden Romanschriftsteller“innen finanziert werden. Kinder, Alte, Politikerinnen, Studierende, Soldatinnen, Professorinnen … Diese sind dummerweise ja alle gar nicht so sehr „Arbeitende“ wie sie sich Lauterbach wünscht.

Dass er dabei gerade jetzt aber als Gegner die Romanschriftstellerinnen ausgemacht hat, ist nicht ohne Witz. Denn kulturell tätige Menschen sind ja eben überflüssig für das Gemeinwohl. Wer in dieser Richtung tätig ist, darf dies wohl als ehrenamtliche Tätigkeit ausüben oder sollte wenigstens Bestseller verfassen.

Es heißt ja, dass die SPD alles auf die Spielkarte „Gerechtigkeit“ setze, hier zeigt sie abermals, dass sie mit dieser Karte nicht ziehen kann, sie, im Gegenteil, verlorengibt. Denn Kranführer Lauterbach bezieht sich auf einen Satz, den Andrea Nahles gesagt haben soll: „Die SPD steht für eine Recht auf Arbeit – und nicht für bezahltes Nichtstun.“ Parallele gefunden: Die Romanschriftstellerin von Karl steht für die Tätigkeit des „bezahlten Nichtstuns“. Denn es gibt eben kein Recht auf das Schreiben von Romanen, weil dies ja keine Arbeit ist.

Solange aber die SPD unter Arbeit nur „Lohnarbeit“ versteht, versteht sie sich eben als Sklavenhändlerin, der Pflegetätigkeiten, kulturelle Beiträge, ja einfache Menschenliebe als überflüssige bis lästige Tätigkeiten erscheinen müssen. In dieser SPD-Welt des Gerechtigkeitsverständnis verliert der Gedanke der Solidarität seinen Halt. Das macht die SPD endgültig zu einer kalten Partei, die ihren Platz an der Seite der FDP zu suchen scheint.

Wenn man nicht schon sowieso aus der SPD ausgetreten wäre, wäre es jetzt ein guter Zeitpunkt dies zu tun. Schon aus Treue zu ihrem Motto, dass die SPD nicht für bezahltes Nichtstun einstehe.

PS: Was hat das mit Thilo Sarrazin (SPD) zu tun. Nun, er bietet sich langsam aber sicher als Kanzlerinkandidatin für die nächste Wahl an. Statt ihn aus der Partei zu werfen, sollten sie krönen. Leid tut es mir für die ganzen SPDlerinnen, die auf kommunale Ebene oder in vielen ehrenhaften Engagements, auch im Bereich der Kultur, durch derlei Einlassungen düpiert werden.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ https://twitter.com/Karl_Lauterbach/status/1079512575522553856 function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Künstler und Politik: Gergiev

Tue, 12/18/2018 - 11:47

„Ich kenne dieses Gesetz nicht und ich verstehe es auch nicht“, sagte der Dirigent Gergiev, dem demnächst die Münchner Philharmoniker als Chefdirigent leiten soll und ergänzt. „Ich bin ein vielbeschäftigter Künstler.“

Das entschuldigt natürlich alles. Ich bin ein vielbeschäftigter Hausmann und kann mich ja auch nicht um allen Kram kümmern, schon gar nicht um Sachen, von denen ich keine Ahnung habe. Man muss sich da schon fragen, wie kann jemand, der so taub ist, ein Orchester von Weltrang leiten. Und noch eines und noch eines.

Man muss ihm zugute halten, dass man diese teilweise absurden Gesetze, die da von ebenso tauben Politikern erlassen werden, manchmal wirklich nicht nachvollziehen kann. Aber es geht hier nicht um das Anzünden von Streichhölzern in geschlossenen Räumen, sondern um tief in das menschliche Zusammenleben einschneidende Gesetze.

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Die Armut der Argumente bei der WELT und „jeder irre Nazihaufen“

Wed, 12/12/2018 - 11:19

Was zum Teufel ist bei der WELT nur los. Erst vergaloppiert sich der Chefredakteur Ulf Poschardt, dann korrigiert ihn sein Kommentator Alan Posener, schließlich werden bei der WELT-Kolumnistin Birgit Kelle irre Nazihaufen fast schon zu Verteidigerinnen der Grundrechte, im Gegensatz zu Aktionskünstlern. Bitte? Bitte!

Tweet von Birgit Kelle. Screenshot01)https://twitter.com/Birgit_Kelle/status/1071720540824616960 jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8463_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8463_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Kelles Sorgen möchte ich wirklich nicht haben. Gewiss, mag sein, dass sie ihre Sorgen mit dem Zentrum für Politische Schönheit so hoch (oder tief) hängt, dass da immer noch genug Sorge vor „Nazihaufen“ bleibe. Aber so wird man es eher nicht lesen, so dürfte es kaum gemeint sein. Zumal der Vorwurf, das die(se) Künstler darüber entscheiden würden, wer in diesem Land noch Grundrechte genießen dürfe, etwas weit hergeholt (um ehrlich zu sein: Von jenseits der Vorstellungskraft) und vollkommen in der Sache irrig ist. Und damit natürlich auch der Rest ihres Eintrags. Vielleicht ist es einfach die Tatsache, dass Birgit Kelle keine Erfahrungen mit irren Nazihaufen bisher hatte (dann wäre der Vergleich nicht nur dämlich, sondern selbst irre, vielleicht sogar durchgeknallt.) Oder aber: Sie hat sogar welche (aus intimer Kenntnis?).

Aber das nur zur Einführung, das ist eine Äußerung von Birgit Kelle auf Twitter, nicht auf den Plattformen der WELT.

Wenn in einer Tageszeitung verschiedene Meinungen sich verbreiten, so ist das eigentlich eine feine Sache. Rechtsextreme, krudwilde und humane Positionen können nebeneinander stehen. So ein Blatt wie die WELT verträgt es – und es ist auch deren Markenkern. Dass dabei interne Kritik auch ihre Grenzen hat, wurde Alan Posener schon einmal im Jahr 2007 deutlich. In einem Blogeintrag hat sich Posener mit BILD-Chef Kai Dieckmann beschäftigt, der dann nach kurzer Zeit gelöscht wurde, wie das BILDBlog berichtete.

„Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.

Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.“02)BildBlog vom 9.5.2017 jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8463_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8463_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Neben krummen Texten, wie denjenigen von Ulf Poschardt, gibt es Alan Posener oder Thomas Schmid, die durchaus bereit sind, eine Ecke weiterzudenken.

Das klappt aber auch nicht immer, wie das Gezänk zwischen Posener und mir vorgestern und gestern auf Twitter gezeigt hat. Es hat immerhin mehr als 24 Stunden und gefühlte 40 Tweets gedauert, bis Posener tatsächlich auf den von mir kritisierten Satz:

„Die Intellektuellen und Künstler sind entweder umfassend subventionierte Kostgänger des Staates und singen in bequemen Elfenbeintürmen das linksidealistische Lied – oder sie fantasieren sich als Kunst-Jakobiner in die Allmacht des Staates.“03)Ulf Poschardt: Die kulturelle Katastrophe des Scheiterns von Friedrich Merz. WELT-Online. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8463_03").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8463_03", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

eingegangen ist. Sicher hat er anderes und Wichtigeres zu tun, als sich mit jemandem wie mir zu beschäftigen, dessen Kritik-Niveau ihm einfach zu niedrig und zu „seicht“ ist. Höflicher und mit geradezu unnachahmlicher Nachsicht geht er mit dem intellektuellen Schwergewicht Ulf Poschardt um. Kurzum sein letztes Wort:

screenshot-twitter.com-2018.12.11-22-00-1304)https://twitter.com/APosener/status/1072532108525166592 jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8463_04").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8463_04", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Mit anderen Worten, es ist absurd, Ulf Poschardts Texte so zu lesen, wie sie dastehen, denn gemeint habe er etwas anderes. Diese Argumentation geht natürlich gegen Ulf Poschardt, weil der nicht schreiben kann, was er meint. Die Argumentationslinie funktioniert wir in manchen politisch-provokativen Äußerungen einiger Politikerinnen, prominenterweise insbesondere der AfD, die sich auch schnell missverstanden fühlen und was anderes gemeint haben, als was sie sagen. Zwar könnte Ulf P. seinem WELT-Autoren folgen und entsprechende Änderungen an seinem Text vornehmen, wenigstens im Netz, aber das tut er nicht – bis jetzt jedenfalls.

screenshot-www.welt.de-2018.12.12-10-25-21

Wie man etwas zu interpretieren habe, wird auch nicht als Leseanleitung mitgeliefert, was freilich hilfreich wäre, wie Posener zugibt, wenn er auf Literatur oder Universitätsseminare verweist. Und selbst abgeändert wäre der Satz nicht bedeutender klug, nur etwas weniger dumm. Oder sinnlos.

Bis jetzt jedenfalls wissen wir nicht, was Ulf Poschardt wirklich gemeint, sondern nur das, was er geschrieben hat. Mit dem was er geschrieben hat, hat er sich ja selbst aus dem Bereich der Intellektuellen gekickt. Und ich ergänze: Der Rest des Textes folgt diesen stereotypen Vorstellungen des Self-Made-Man. Genau gelesen (und damit wahrscheinlich falsch, weil etwas anderes gemeint sein könnte) wird sein Stück zu einer Sozialkomödie. Auf die Bühne gebracht, hätte Poschardt Story des Lebens von Merz sicher die Lacher auf seiner Seite, während die anderen ob des Textbuches den Kopf schütteln. Naja.

Es ist nicht meine Art, die Qualität der Texte von Ulf P. oder Alan Posener von oben herab zu beurteilen, ob sie Niveau haben oder keines oder ein mittleres.

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Es ist auch nicht meine Art, den beiden Autorinnen Hinweise zu einem besseren Lektüreverhalten zu geben. Wenn man einen aktuellen Text zum Zeitgeschehen in einer Tageszeitung allerdings nur mit Hilfe der Lektüre von Publikationen aus dem Hause Suhrkamp verstehen kann, dann ist vielleicht doch nicht die Leserin daran Schuld, sondern die Autorin. Vielleicht … vielleicht bin ich aber auch nur zu schlecht informiert.

Warum ich das aufschreibe? Nicht, um irgendwen zu ärgern. Dazu sind Posener und Poschardt viel zu souverän und ich ein zu unwichtiges Persönchen. Nein, sondern weil es mir wirklich vom Ansatz her gefallen hat, dass Alan Posener sich auf die langatmige Diskussion des Textes von Ulf Poschardt schließlich doch eingelassen hat. Statt wie Poschardt mit abkanzelnden Gifs zu antworten. Gähn!

Twitter sieht Posener nicht als perfektes Diskussionsmedium. Da stimme ich ihm zu. Das freilich ist als Erkenntnis mager.

Nachwort: Manchmal werde ich gefragt, warum ich denn Geld für ein Abonnement der WELT ausgebe. Dafür gibt es vier Gründe.

  • Erstens gab es eine wahnsinnig interessante Werbemaßnahme: Da gab es ein iPad-Mini zu einem Abo – der Wert von iPad und Abo deckten sich dabei weitgehend, man bekam das Gerät und dazu eben ein Abo.
  • Zweitens ist es gar nicht so einfach, so ein Abo dann irgendwann wieder zu kündigen. Ein komplexes Geflecht aus iTunes, Account etc. Habe es mal versucht, es funktionierte irgendwie nicht – also Dummheit, Faulheit etc.
  • Drittens ist die WELT nicht meine einzige Nachrichteninformationsquelle.
  • Viertens ist es aufschlussreich, mitzubekommen wie diese Meinungsmacher im wirtschaftsliberalen und teilweise rechtskonservativen Spektrum so ticken. Das ist manchmal schon an der Grenze zum Masochismus, gebe ich zu. Aber selbst in der WELT gibt es Reste von Vernunft, repräsentiert durch einzelne Autorinnen wie Zippert oder bisweilen Alan Posener. Die tägliche Präsentation von politisch verfolgten Journalisten gehört ebenso dazu.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ https://twitter.com/Birgit_Kelle/status/1071720540824616960 02. ↑ BildBlog vom 9.5.2017 03. ↑ Ulf Poschardt: Die kulturelle Katastrophe des Scheiterns von Friedrich Merz. WELT-Online. 04. ↑ https://twitter.com/APosener/status/1072532108525166592 05. ↑ https://twitter.com/APosener/status/1072444639762939904 06. ↑ https://twitter.com/APosener/status/1072444639762939904 function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Ulf Poschardt: Die WELT als intellektuellenbefreite Zone

Mon, 12/10/2018 - 13:08

Manchmal weiß man nicht mehr, was den einen oder anderen Chefredakteur einer Zeitung umtreibt. Hier hat sich Ulf Poschardt im Zusammenhang mit den Veränderungen in der CDU weit aus dem Fenster gelehnt und zu bestimmen versucht, welcher Art und wessen Geistes die Intellektuellen oder Künstler in diesem Land sind. Er sagt da wirklich:

„Die Intellektuellen und Künstler sind entweder umfassend subventionierte Kostgänger des Staates und singen in bequemen Elfenbeintürmen das linksidealistische Lied – oder sie fantasieren sich als Kunst-Jakobiner in die Allmacht des Staates.“01)Ulf Poschardt: Die kulturelle Katastrophe des Scheiterns von Friedrich Merz. WELT-Online. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_7136_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_7136_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Die WELT als intellektuellenbefreite Zone

Mit anderen Worten: In der WELT sind sie nicht zu finden, denn die ist ja nicht eine Institution die der Staat, der seine Mitarbeiter „umfassend subventioniert“. Dazu müsste man sich eingestehen, dass die WELT durch Werbung und Abonnentinnen subventioniert wäre, damit die Autorinnen der Welt dann als Kostgänger des Blattes empfunden werden könnten. Oder aber sie wären alle in der WELT Kunst-Jakobiner was wohl kaum als Selbstbeschreibung angenommen werden darf.

Abgesehen davon bereitet, angesichts der Zahlen beispielsweise der Künstlersozialkasse, die These, dass es sich bei den Künstlerinnen um umfassend subventionierte Kostgänger des Staates handle, einigermaßen Probleme beim Versuch, die These zu verifizieren. Hier mal so ein Blick auf einen derartigen Elfenbeinturm.

Die subventionierte Kunst im bequemen Elfenbeinturm. So sieht es Ulf Poschardt. Foto: Martin Hufner

Eigenartig wäre da auch die Bewertung des gesamten Bereichs der Publizistik, der Wissenschaft etc., die man als subventionierte Elfenbeintürme damit abwerten (oder aufwerten) würde. Das ist offensichtlich jedoch nicht der Fall, nicht einmal bei der WELT.

Im nächsten Satz wird dann klar, auf wenn Poschardt es eigentlich abgesehen hat, nämlich auf die „öffentlich-rechtlich finanzierten Medien“:

„Man muss auch kein Diplom in marxistischer Medientheorie besitzen, um zu ahnen, warum öffentlich-rechtlich finanzierte Medien in der Regel und im ureigensten Interesse das hohe Lied auf Regierung, Staat und deren Überbau singen.“ 02)Ulf Poschardt: Die kulturelle Katastrophe des Scheiterns von Friedrich Merz. WELT-Online. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_7136_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_7136_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Auch wenn Poschardt seinen Vorwurf etwas zurücknimmt („in der Regel“ – von der man ja spriwörtlich weiß, dass Ausnahmen sie bestätigten – sei das eben so), so macht er damit das Argument zugleich auch wieder zunichte. Das allerdings bedeutet eben auch, dass das Diplom in marxistischer Medientheorie auch für Poschardt einstweilen nicht erreichbar zu sein scheint. Wahrscheinlich hat er auch keines, obwohl er es für sich zu reklamieren beansprucht. Eigentlich ist Poschardts Medientheorie sehr einfach zu erklären, und da braucht man auch kein Diplom in, ja in was eigentlich?

Ulfs Jodeldiplom

Sagen will er: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Wobei: Was bei den Springerles und Co’s natürlich in Abrede gestellt wird, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner Idee und, immer noch großen Verwirklichung nach, staats- und erst recht regierungsfern konstruiert ist, offenbar verwirfen wird. Da singt Poschardt gerade die Melodie der AfD und mancher CDU/CSU-Politikerinnen. Das zu erkennen, dafür braucht es nicht einmal es loriotschen Jodeldiploms.

PS: Eine schon traurige Entwicklung dieses Musikwissenschaftlers. Überhaupt muss man mal zusehen, die Bedeutung des Musikwissenschaftsstudiums auf den Journalismus zu untersuchen. Auch Mathias Döpfner (Vorstandsvorsitzender von Axel Springer SE und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger) promovierte ja 1990 mit einem musikwissenschaftlichen Thema (Musikkritik in Deutschland nach 1945) zum Dr. phil. – so wie Ulf Poschardt 1995 über DJ Culture. Eine traurige Entwicklung.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Ulf Poschardt: Die kulturelle Katastrophe des Scheiterns von Friedrich Merz. WELT-Online. 02. ↑ Ulf Poschardt: Die kulturelle Katastrophe des Scheiterns von Friedrich Merz. WELT-Online. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Regelverletzendes Tischtennis unter „Intellektuellen“ [nzz + Andreas Rödder]

Mon, 12/03/2018 - 13:16

Macht gerade die Runde. Ein Gespräch des Historikers Andreas Rödder mit der Neuen Zürcher Zeitung, auch wegen Friedrich Merz, dem Wohltäter. Aber das mal beiseite. Hier geht es nur um eine Kritik der Gesprächstechnik, deren Suggestivität beeindruckend ist.

Ich zitiere:

Rödder: So wird zum Beispiel «rechts» umstandslos mit «rechtsextrem» gleichgesetzt.

nzz: Warum ist es ein Fehler, die AfD-Anhänger pauschal als Neonazis zu bezeichnen?

Rödder: Weil man damit erstens das Selbstverständnis als ausgegrenzte Opfer aufseiten der AfD verstärkt und weil man zweitens viele Menschen stigmatisiert, die keine Nazis sind, sondern gegen die etablierten Parteien protestieren.01)Der Historiker Andreas Rödder: «Alle haben Angst vor Deutschland, einschliesslich der Deutschen selbst» – nzz-online. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_2077_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_2077_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Belegarmut des Historikers

Es beginnt mit einer Mutmaßung, dass rechts umstandslos mit rechtsextrem gleichgesetzt werde. Belege dafür führt der Historiker erst mal gar nicht an. Wäre es so, würden sich die Leute aus der CDU, wenn sie sich als rechts verstehen, zugleich als rechtsextrem verstehen müssen. Das tun sie aber nicht. Nur als ein Gegenargument gebracht. Punkt 1.

Reinwaschung der AfD

Punkt 2: Der Interviewer lenkt sofort auf die AfD, obwohl es gar nicht direkt um diese Partei geht, sondern nur um politische Positionen. Als ob mit rechts nur diese gemeint sein könne und damit eben auch diese als rechtsextrem. Er bewirbt damit den Umkehrschluss, dass Rechtsextreme nicht rechtsextrem, sondern nur rechts sein können. Eine Reinwaschung der AfD auf fast wenig subtile Art. Die Zürcher Enttrechtsextremifizierung.

Andreas Rödder fällt drauf herein

Aus den Rechtsextremen macht die nzz flugs „Neonazis“ und Rödder „Nazis“, die dann keine sind, weil sie ja zuvor schon als maximal rechts einzusortieren gewesen sind. Sie machen ja nur Protest gegen die etablierten Parteien. Womit gleichzeitig die AfD also eine nicht etablierte Partei wäre und damit schon wieder reingewaschen. Nicht etablierte Parteien können also gar nicht extrem sein, sondern nur anders. Dass die AfD nun mit fetten Prozentzahlen in Wahlen aufwarten kann, das macht sie nicht zu einer etablierten Partei. Sondern nur, dass sie eben nicht etabliert ist. Ein Beweis, der sich selbst beweist.

Sind jetzt also Neo(Nazis) nur rechts?

Nach Rödder: ja. Weil sie ja keine (Neo)Nazis sind. Der Witz dabei ist, man muss also erst einmal diese Partei von rechts nach ganz rechts schieben, obwohl sie da ja ist, um sie dann zurückzuholen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Also, damit es klar ist: Nazis oder Neonazis sind regelmäßig nicht rechtsextrem, sondern eben nur rechts. Sonst wären ja auch Kreise in der FDP, der SPD oder der CDU/CSU, nur weil sie rechts stehen, Nazis – oder Neonazis.

Hätte nicht gedacht, dass der etablierte Historiker Andreas Rödder sich so an der Nase herumführen lässt. Eigentlich auch nur traurig.

PS: Ein eigenes Thema wäre es noch, die Gegenüberstellung von moralisieren ./. argumentieren zu hinterfragen. Und dabei nicht außer Acht zu lassen, was es heißen kann, bei und mit jemandem Argumente zu führen, dem grundlegende kognitive Fähigkeiten darin fehlen, zu begreifen, was ein Argument überhaupt ist.

PPS: Zu „rechts und links“ noch ein Link zu einem Text von mir, der dabei dann die Musik streift.

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Der Historiker Andreas Rödder: «Alle haben Angst vor Deutschland, einschliesslich der Deutschen selbst» – nzz-online. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Tatbestand: Wohltäter Friedrich Merz – zu einem Satirebeitrag der FAZ

Mon, 11/26/2018 - 12:42

Besonders perfide ist es, wie die FAZ und ihr Autor Georg Meck mit Friedrich Merz umgeht. In einem Artikel lobt der Autor den Kandidaten auf den CDU-Vorsitz als Wohltäter. Denn er und seine Frau hätten 2005 eine Stiftung gegründet: Die „Friedrich und Charlotte Merz Stiftung“ mit sage und schreibe 10.000 Euro um, wie der Autor sagt, „der Gesellschaft etwas zurückzugeben und Kinder aus sozial schwachen Schichten zu fördern“. Wie gütig.

Die Summe, die die Stiftung dafür bereitstellen kann, gibt der Autor nicht an. Immerhin 2016 stockt dann Merz das Kapital der Stiftung um 371.900 Euro auf. Danach rechnet der Autor, dass, wenn da drei Prozent an Zinsen im rausspringen, etwa 12.000 Euro im Jahr zur Verfügung stehen. Das Geld gibt die Stiftung angeblich für Lehrerfortbildungen in der Stadt Arnsberg aus. Und um von Merz und Merz signierte und mit Widmungen versehene „Buchpreise für die Jahrgangsbesten der Schulen“ zu verteilen. (Neben Stipendien.) Wieviele und an wen? Wird nicht konkret gesagt, man kann sich das aber in Teilen wenigstens auf der Website ansehen. Ein Wohltäter vor dem Herrn.

Und vor 2016? Elf Jahre lang, bei angenommenen drei Prozent Rendite? 300 Euro pro Jahr. Das hat was! Dennoch ist der Zeitpunkt für die Aufstockung des Grundkapitals gut gewählt. Alle zehn Jahre kann man nämlich so Steuervorteile geltend machen.

Es wäre wirklich interessant, zu sehen, wie die Geschichte und Finanzierung der Stiftung im Detail abgelaufen ist für die 13 Jahre ihrer Tätigkeit.

Wenn der Artikel nicht als Satirebeitrag der FAZ gelten sollte (das wäre sicherheitshalber mal zu kennzeichnen, Kollegen), muss einfach angenommen werden: der Meck kann den Merz nicht wirklich leiden. Denn seine Wohltäterschaft ist offenbar nicht ganz uneigennützig. Das sollte man ihm nicht vorwerfen, er weiß ja wie das Geschäft läuft. Aber die Sache jetzt zu einer Wohltäterschaft hochzujazzen, wie es die FAZ und ihr Autor Georg Meck (verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) probiert, ist ein bisserl arg durchsichtig.

Sicherlich kann man auch erwähnen, dass natürlich am Ende schon etwas Gutes für manchen herausspringen mag.

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Das Internet schließt am 01.07.2019 um 12 Uhr 33 (MESZ)

Fri, 11/16/2018 - 10:10

Ja, so ist das. Alles ist dann vorbei. Weil Artikel 13 tritt dann in Kraft irgendwie und dann wird das Internet abgeschaltet. Ja. Keine Frage. Aber so ist das. Folgt dem #hashtag #shaveyourinternet. Echt jezz, kein Spaß.

Sagt auch merkur.de

„Die Sorgen der YouTuber und ihrer Fans sind auf jeden Fall berechtigt.“

Aber es gibt eine gute Nachricht. Bis zum 1.7.2019 12:33 MESZ kann man das Internet noch benutzen und die ganzen YouTube-Videos gucken. Empfehlenswert sind dabei insbesondere diejenigen zum genannten Thema. Könnte sein, dass die die einzigen sein werden, die den Tod des Internets überstehen, aber leider niemand sie mehr sehen kann. Für die anderen gilt: Jetzt das Internet noch schnell downloaden.

Das Internet downloaden bei reset.ch

Was ist jetzt zu tun?

Es ist also empfehlenswert, jetzt aktiv zu werden und keine Zeit zu verlieren, um etwaige Verträge mit Providern zu kündigen. Wozu braucht man dann noch ein Smartphone etc. wenn das Internet erst mal weg ist. Und all das nur, weil YouTube nicht die Arbeit von Urheberinnen gescheit lizenzieren will? Was für ein Mist.

Naja gut, wahrscheinlich haben die obigen jetzt Angst, dass das Internet (also für diejenigen ist das gleichbedeutend mit YouTube) gelöscht werde, also wenigstens ihr Kanal, weil ja wichtiger als alles andere im Internet, also bei YouTube also im eigenen Wohnzimmer-Studio.

Anmerkung: Save Your Internet ist in jeder Hinsicht eine sehr vermessene Formulierung. Da könnte man nun lange Analysen anlegen. Aber muss man nicht. Kurzform: Internet (YouTube) ist Opium fürs Volk.

Mal im Ernst!

Es wird ja in dem Zusammenhang immer noch von Zensurmaßnahmen via Upload-Filtern gesprochen als einem notwendigen Mittel, um dem Zweck, nämlich Urheberinnen (und Rechteinhaberinnen) nicht an Einnahmen zu beteiligen, gerecht zu werden. Dabei wären andere Wege ebenso möglich.

Zum Beispiel, dass YouTube seine Nutzerinnen verklagt, sobald es Verstöße wahrnimmt. Denn diese haben ja per Nutzungsbedingungen zugesichert, kein urheberrechtlich geschütztes Material, sofern es nicht lizenziert worden ist, zu verwenden. Das sollte YouTube seinen Nutzerinnen nur einmal klarmachen.

Oder die Einführung von Downloadfiltern. Dann zahlen einfach die Nutzerinnen für den Download von Videos eine Art Sicherheitslizenzgebühr und wären aus dem Schneider. YouTube nutzt die Zahlungen, um pauschal Lizenzen zu erwerben. Könnte man auch im Wege des Uploads so machen. Wäre zwar ungerecht für all diejenigen, die da komplett freies Material erstellen. Aber andererseits ist YouTube ja auch nicht allein im Internet. Auch wenn das manche vielleicht so sehen.

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Musikbeschreiberinnen und Leichtigkeitslügen

Thu, 11/15/2018 - 09:25

Der Markt machts nötig. Auf der Website eines Menschen, der die Leichtigkeitslüge einstens beklagte – und zwar richtigerweise – wird gleichwohl mit einer Leichtigkeit „gelogen“, dass sich die Notenlinien biegen.

einfach mit takt1

Die Beschreibung einer Symphonie von Lutoslawski, hier der dritten, da weiß man – Zack – Bescheid.

Natürlich kann man auch mit viel mehr Worten noch weniger ausdrücken. Kein Problem. Das enthebt einen aber nicht einer gewissen Verantwortung in Sachen Pointen. Gegen derlei Kritik hat man sich aber in Sicherheit gebracht. Auf der Website kann man über takt1 lesen:

„takt1 ist die digitale Bühne, die klassische Musik in ihrer Vielfalt zum Leuchten bringt. Als reines Hör-Erlebnis. Als Konzert-Video. In guten Geschichten und mit dem Wissen von Experten, die von Musik bewegt sind, nicht vom Besser-Wissen.“ [Quelle/Link]

Und so erscheint jede Kritikerin der Kritikerinnen als notorische Besserwisserin, die aber auch rein gar nichts verstanden haben dürfte angesichts des „Wissens von Expertinnen“. Wie eben Bendikt Stampa oder Holger Noltze oder anderen. Dabei kann man ja nicht wirklich etwas Besser-Wissen. Sondern nur vielleicht mehr oder weniger. Hier scheint jedenfalls weniger mehr zu sein.

 

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Fichte zur Eigentumsfrage

Wed, 11/14/2018 - 18:18

„Der Mensch kann weder ererbt, noch verkauft, noch verschenkt werden; er kann niemandes Eigenthum seyn, weil er sein eigenes Eigenthum ist, und bleiben muss.“01)Fichte: Zurückforderung der Denkfreiheit. Quellen Philosophie: Deutscher Idealismus, S. 9159 (vgl. Fichte-W Bd. 6, S. 11) jQuery("#footnote_plugin_tooltip_4214_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_4214_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Fichte: Zurückforderung der Denkfreiheit. Quellen Philosophie: Deutscher Idealismus, S. 9159 (vgl. Fichte-W Bd. 6, S. 11) function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Impression 2007/10 – Mit Jakob van Hoddis

Thu, 10/04/2018 - 12:37

Ein Stillleben. „Ganz vertrackte Katarakte im Tackte …“ (Hoddis)

Impression aus dem Jahr 2007. Foto: Hufner

XI
Draußen

Die Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!
Vier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.
Ein Lackbeschuter stellt der Schnepse nach …
Da polterts her – Ein langgedehnter Krach:
Der Donner!
Au!
Ist die Reklame plump,
Blitz!
Ein feiner Mensch liebt nicht den lauten Mumpitz!
Das klingt ja ganz, als ob der dicke nackte Weltgeist
Ganz vertrackte Katarakte im Tackte knackte.01)Jakob van Hoddis, Gedichte, Frankfurt 1990, S. 24 jQuery("#footnote_plugin_tooltip_8730_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_8730_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

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01. ↑ Jakob van Hoddis, Gedichte, Frankfurt 1990, S. 24 function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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2004 – Neue Digitale – Siegeszug des Internets

Thu, 10/04/2018 - 11:09

Es ist manchmal erschreckend, wie bereits im Jahr 2004 die Perspektive des Internets von Agenturen beinahe hellseherisch vorausgeahnt wurde.

Da schreibt die „Neue Digitale (Link obsolet) – Kreativagentur für digitale Markenführung GmbH“:

„Kinder surfen lieber im Internet, als Fernsehen zu gucken“ – eine hervorragende Nachricht für unsere Branche! Der Siegeszug des Internets ist wohl kaum noch aufzuhalten. Interessant ist dies vor allem für Unternehmen, sind doch die Kinder von heute die kaufkräftigen Konsumenten von morgen.

Andererseits ist natürlich die Ehrlichkeit von besonderer Eleganz. Und von extremer Kreativität.

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Kalibrierung der Gesellschaft – Wiedervorlage

Fri, 09/28/2018 - 12:12

Man kann seinen Monitor mit einigen Mitteln kalibrieren. Dazu nimmt man wohl am besten ein System, welches einen Sensor hat, der die Farben prüft. Rot ist dann Rot, Grün Grün, Blau Blau und Grau Grau. Was das Kalibrieren nicht bringt, ist, ob das was auf dem Bildschirm an Bildern sich zeigt, ein gutes Bild ist. Es ist nur ein technisches Mittel, ein quantitatives Mittel, kein qualitatives.

Das weiß jeder, der dieses Mittel nutzt, oder er sollte es wissen. Das Kalibrierungssystem macht keine Inhalte. Wenn man sich auf die Situation der Gesellschaft bezieht kann man die Politik, so wie sie heute betrieben wird auf diese Funktion reduziert sehen. Nur, dass es hier nicht um Monitore oder andere Ausgabegeräte geht sondern um lebendige Subjekte. Schon an der Kalibrierung hapert es, aber alle Arbeit bezieht sich nur auf die technische Abwicklung und Optimierung des Zustandes — natürlich sind dahinter auch Inhalte verborgen, aber sie scheinen immer mehr zweitrangig. Verwaltung geht vor Idee. Warum etwas so oder so organisiert werden soll, was überhaupt organisiert werden soll, das bleibt meistens eine Leerstelle.

Es fehlt in der Regel der erste Schritt, der danach fragt, wie soll denn überhaupt Gesellschaft aussehen. Statt dessen: Wie kann sie funktionieren. Wie ist zu verwalten, was nicht funktioniert? Ein Großteil der Gesetze, die in der Regel das Ergebnis von Politik sind, kümmern sich nur um die andauernde Kalibrierung der Gesellschaft. Aber nicht als einer Gesellschaft von menschlichen Subjekten sondern als einer von technischen Problemen. Von Fallbeispielen, von Gegen-Ständen.

Das ist falsch und führt zu den bekannten Schwierigkeiten, die solange dauerhaft sind, wie dieses Denken vorherrscht. Der Status quo wird fortgeschrieben.

Eigentlich ist das ein alter Käse. „Familiären Defiziten und emotionaler Unterernährung ist nicht durch staatliche Subventionen und sozialarbeiterische oder therapeutische Reperaturversuche beizukommen“, schrieben 1993 Götz Eisenberg und Reimer Gronemeyer in „Jugend und Gewalt“. „Dennoch herrscht heute die Tendenz vor, alles in Funktionen zu zerlegen, als prinzipiell lösbares soziales Problem zu formulieren und für jedes Defizit einen Experten auszubilden, der es mit den ausgefuchstesten Methoden seiner Disziplin beheben soll.“

„Viele Dinge funktionieren so einfach nicht. „Solche Bereiche, in denen eine andere Logik als die der ‘gefühllosen Barzahlung’ gelten muß, sind zum Beispiel: familiäre Beziehungen, Krankenpflege, Kinderaufzucht und Hilfstätigkeiten. Zuneigung, Zärtlichkeit, Sympathie und Einfühlung lassen sich nicht monetarisieren und in bezahlte Dienstleistungen verwandeln“, heißt es da weiter.“01)Götz Eisenberg / Reimer Gronemeyer: Jugend und Gewalt. Der neue Generationenkonflikt oder Der Zerfall der zivilen Gesellschaft, Reinbek 1993, S. 68. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_1662_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_1662_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Schon daher müssen Gesundheitsreform, Schulbildung, Altenpflege scheitern, wie es es Pepa kurz dargestellt hat [Link defekt]. Gesellschaft, das ist nicht in erster Linie eine Haushaltsdebatte im Bundestag, nicht das Aufbürsten von Kunst und Kultur kraft Verband und Rat. All diese Kalibrierungsversuche bleiben was sie sind: Technokratische Lösungen, wo es viel tiefer innen kriselt. Sie sind Hilfsmittel, die hinzukommen. Sie sind nicht die Zwecke. Die ganze rechte Musikszene wächst und wächst. Musikmachen ist nicht gut an sich. Und man muss schon ziemlich kurz- und engstirnig sein, wenn man meint, wie es eine Yamaha-Werbung tut, dass durch Musik die Bemalung von Schulgebäuden eingedämmt werden würde. Nicht Musik macht Menschen gut, Menschen machen Menschen gut. Und auch das nur, wenn sie dazu in der Lage sind, wenn sie selbst nicht Gegenstände einer rein technischen Rationalität sind. Wenn man aber Menschen um ihre Menschwerdung bringt, dann kann man alles vergessen und so viel Geld und Gesetze einsetzen wie man will. Das wird nichts zum Guten wenden.

Beitrag aus der Kritischen Masse im Jahr 2006

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Götz Eisenberg / Reimer Gronemeyer: Jugend und Gewalt. Der neue Generationenkonflikt oder Der Zerfall der zivilen Gesellschaft, Reinbek 1993, S. 68. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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