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Ich habe diese Plane vor einem Hospital gesehen. Eingeladen werden soll zu einem Tag der offenen Tür. Slogan: „Medizin und Menschlichkeit“.

Medizin und Menschlichkeit [Plakat]. Foto: Hufner

Ich habe mich zuerst gefragt, ob man hier den Begriff und die Tätigkeit des Lächelns nicht vielleicht arg weit auslegt. Sagen wir mal so: Ja. Ein bisschen wirkt das schon bedrohlich, diesen „lächelnden“ Menschen gegenüberzustehen, da, so auf der Straße. Zumal ja traditionell die Maßzahl auch nicht ganz falsch liegen dürfte. Ein „Lächeln“ am Tag, wenn man als Patient so einen Fachmann zu Gesicht bekommt – mit einem Lächeln tun allerdings andere Menschen auch so manches, was nicht so dolle ist.

Der Soziologe, Biologe und Philosoph Helmuth Plessner hat sich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Phänomen des Lächelns relativ ausführlich auseinandergesetzt. Er fragte nach seinem Wesen und antwortete:

„Was ist sein Wesen? Um beim Eindruck zu bleiben, zweifellos eine Erheiterung und Auflichtung des Gesichts, eine Auflockerung, die freundlichen Anblick und Gelöstheit mit sich bringt. (…) Die leichte Vertiefung der Falten um Augen und Mund bringt mit der Verstärkung des Reliefs, der Lichter und Schatten, eine Verdeutlichung und Verlebendigung der Züge ins Bild, eine größere Wärme und Nähe, welche das nie ganz ruhende Mienenspiel im täglichen Leben nur in seltenen Fällen entbehrt.“ [Helmuth Plessner, Das Lächeln, in: ders.: Ausdruck und menschliche Natur (Gesammelte Schriften VII), Frankfurt/M. 2003, S. 421.]

Vom Weinen und Lachen trennt er es: „Es fehlt im die Explosivität. Es ist lautlos und gedämpft, ein Ausdruck im Diminutiv.“ (ebd, S. 423.)

Ein zweiter Punkt ist aber auch zu beachten: Die Konjunktion von Medizin und Menschlichkeit, damit verbunden die sprachlich ungeschickte Inanspruchnahme des „Das sind wir“. Durch die Konjunktion wird die Trennung der beiden Bereiche leider erst hervorgehoben. Und die Konjunktion verbindet die Dinge auch nicht als ineinanderfallende Begriffe. Wir sind Medizin und wir sind Menschlichkeit. Wir sind Medizin und Menschlichkeit. Wir sind Papst. Wir sind keinesfalls Dr. House!

Die Betrachterinnen der Plane müssen das wohl oder übel glauben. Denn das „Lächeln“ bestätigt das in dieser Form des mimischen Ausdrucks keineswegs.

Plessner hat in seinem Aufsatz über das Lächeln von 1950 geschrieben: „Wird Lächeln Ausdruck, dann drückt es in jeder Form die Menschlichkeit des Menschen aus.“ [ebd, S. 434.] Sofern man mit Plessner da übereinstimmen möchte, war dies möglicherweise die Intention dieser „Werbung“, gleichzeitig wird das im Bild gefrorene Lächeln nicht wirklich lächelnd und so das Versprechen von Menschlichkeit zumindest fragwürdig.

Das Lächeln der Werbung jedenfalls ist auf den Hund gekommen – als Regelung und als Imperativ des „keep smiling“ verwandelt es sich in die Fratze der Menschlichkeit, in den Betrug.

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Barbara Boisits, habilitierte Musikwissenschaftlerin aus Österreich, prägte den Begriff des „allgemein verständlichen Stils“ als Stilbegriff innerhalb der Neuen Musik anlässlich eines Artikels in der „oeml“, dem „grundlegende[n] Nachschlagewerk zu Musik und Musikleben in Österreich“, das „sich an die wissenschaftliche Fachwelt ebenso wie an interessierte Laien“ richtet.

„W. (…) strebte einen allgemein verständlichen Stil an, um so mit seiner Musik auch eine gesellschaftliche Funktion erfüllen zu können.“ Barbara Boisits, Art. „Wimberger, Gerhard‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: 21.7.2017 (http://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_W/Wimberger_Gerhard.xml).

Nötig wird ein allgemein verständlicher Stil, um auch eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen. Das kann man vom allgemein unverständlichen Stil nicht gerade sagen. Dieser verneint daher auch eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen.

Allgemein verständlicher Stil. Foto: Hufner

Beispiele für einen allgemein verständlichen Stil findet man zum Beispiel bei marketing börse: Online-Pressemitteilungen: Der richtige Schreibstil. Wie zum Beispiel bei folgendem Vorschlag:

„Lange zusammengesetzte Wörter wie „Nummernschildbedruckungsmaschine“ sind für die Lesbarkeit im Internet nicht geeignet. Besser sind zerlegte Wörter wie „Bedruckungsmaschine für Nummernschilder“.“

Statt Online-Pressemitteilung besser: „Mitteilung für die Presse (Online)“. Das heißt, wenn mann schon also Wörter wie „Nummernschildbedruckungsmaschine“ verwendet, dann nur dann, wenn man zeigen möchte, wie man sie nicht verwenden sollte.

Man kann mit einem gewissen Recht also sagen, der allgemein verständliche Stil in der Musik ist einer musikalischen Mitteilung für/an die Presse ähnlich. Kein Zufall vielleicht, dass der Komponist W. Heiratspostkantaten in Noten gesetzt hat. Und gar nicht mal unsympathisch.

Das ist beides allgemein verständlicher Stil im besten Sinne und hat auch eine gesellschaftliche Funktion. Vielleicht wäre diese jedoch noch größer, wenn noch allgemein verständlicher geschrieben worden wäre. Ein bisschen schlüpfrig der Chorsatz im Detail dann leider doch.

Ein gutes Beispiel ist auch die folgende Nummer. Die sog. Europahymne.

Total unverständlicher Stil, da muss man sich schon sehr konzentrieren, will man dem musikalischen Vortrag folgen. Man kann die Dinge auch einfach in die richtige Form bringen – und zack – wird ein Schuh draus. Gesellschaftliche Funktion: CHECK.

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Die politische Landschaft hat sich verändert. Man hat einen Linksextremismus entdeckt. Kein Mensch weiß bisher, welche Charakteristika diesen Extremismus auszeichnen könnten, aber man hat seinen Platz ausgemacht. Ein Blick in den Essy „Rechts und Links – Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung“ (Berlin 1994 – Wagenbach) des italienischen Rechtsphilosophen Norberto Bobbio ist da hilfreich (mindestens der Abschnitt Extremisten und Gemäßigte). Er erwähnt die Rezeption „rechter“ Autoren von Seiten den „Linken“ (wie Friedrich Nietzsche, Carl Schmitt oder Martin Heidegger) und sagt dann:

„So erklärt es sich, warum Revolutionäre (der Linken) und Konterrevolutionäre (der Rechten) gewisse Autoren gemeinsam haben können: sie haben sie, nicht weil sie der Rechten bzw. der Linken zuzuordnen sind, sondern weil sie Extremisten der Rechten bzw. der Linken sind, die sich gerade als solche von den Gemäßigten unter den Rechten wie unter den Linken unterscheiden. Wenn es stimmt, daß das Kriterium, nach dem man die Unterscheidung zwischen ‚rechts‘ und ‚links‘ trifft, ein anderes ist als das, nach dem man zwischen Extremisten und Gemäßigten unterscheidet, hat dies zur Folge, daß gegensätzliche Indeologien Berührungs- und Übereinstimmungspunkte an ihren äußersten Rändern finden können …“ (S. 34)

Er zititiert dann den Neofaschisten Solinas, der schrieb:

„Unser Drama heute besteht im Moderatismus. Unser Hauptfeind sind die Gemäßigten. Der Gemäßigte ist von Natur aus demokratisch.“ (S. 35).

Bobbio geht den Fragen in Sachen Tugendlehre und Moral weiter nach. Sieht bei den Extremisten den „Krieger“, bei den Gemäßigten den „Krämer“. Letzterer wird von den Extremisten verachtet.

„Die Gegenüberstellung von Krieger und Krämer führt unweigerlich zur Rechtfertigung, wenn nicht gar zur Verherrlichung der Gewalt: die befreiende, reinigende Gewalt, ‚Hebamme der Geschichte‘, der revolutionären Linken; ‚einzige Hygiene der Welt‘ der reaktionären Rechten – man könnte in endloser Monotonie weiter aufzählen.“ (S. 40)

Das gipfelt, musikgeschichtlich gewendet, darin, dass Willi Reich einmal ein Buch zu Arnold Schönberg schrieb mit dem Titel „Arnold Schönberg: oder der konservative Revolutionär“ (1968). Unselig war dieser Gedanke auch deshalb, weil sich Adolf Hitler im Völkischen Beobachter bereits am 6. Juni 1936 einmal als den „konservativsten Revolutionär der Welt“ (zitiert nach Bobbio, S. 32) bezeichnet hatte.

Anders hat das bekanntlich Hanns Eisler gesehen. 1924 schreibt er:

„Die musikalische Welt muß umlernen und Schönberg nicht mehr als einen Zerstörer und Umstürzler, sondern als Meister betrachten. Heute ist es uns klar: Er schuf sich ein neues Material, um in der Fülle und Geschlossenheit der Klasssiker zu musizieren. Er ist der wahre Konservative: er schuf sich sogar eine Revolution, um Reaktionär sein zu können.“ [Hanns Eisler: Arnold Schönberg, der musikalische Reaktionär]

Radikaler Moderatismus

Das wirft insgesamt ein neues Licht auf die „musikalische Revolution“ Anfang des des letzten Jahrhunderts. Sie ist es vielmehr Ausdruck eines moderaten Stils. Dort kennt die europäische Musiktradition zum Beispiel Tongeschlechter. Links Dur – rechts Moll. Links Palestrina, rechts Hans Zimmer. Tongeschlechtsextremisten wie sie im Notenbuch stehen.

Wahrscheinlich gibt es sogar noch schönere Beispiele. Doch schon diese Auswahl zeigt: Extremismus ist, das wusste schon Franz Müntefering, Mist. Und es zeigt, wie sehr es richtig war, sich auf die musikalische Mitte zu besinnen: Die Atonalität nämlich.

 

Man kann also wirklich mit Fug und Recht behaupten: Die „atonale“ Musik ist alles andere als extremistisch. Sie repräsentiert die bürgerlicher Mitte, die Klasse derjenigen, die ihren Halt gefunden hat.

Der Beitrag Atonalitätismus – der güldene Mittelweg beim Komponieren erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Als Musikkritiker hat man es nicht so leicht. Wirklich nicht. Man ist nicht recht beliebt bei den Musikerinnen und Musikern. Ist man gut zu ihnen, freuen sie sich, aber eben auch nur so lang, wie man Zitierfähiges wie „Album des Jahres“ unterbringt. Jede kleine Kritik und sei es in homöopathischer Dosis gilt schon schnell als Verriss. Und man hört die vorwurfsvolle Frage: „Was hast Du eigentlich gegen mich.“ Ein grober Verriss dagegen bedeutet: Man verstehe halt von der Sache nix. Deswegen sei man ja auch nicht Musiker sondern Kritiker.

Deswegen gibt es hier nur Gutes vom Bayerischen Jazzweekend zu berichten. Die Kappellen war alle „on top“. Vorneweg „Max Andrzejewski´s HÜTTE and The Homegrown Organic Gospel Choir“ im Thon-Dittmer-Palais. Kollossal großartigst ihr Auftritt mit einem Programm zum Thema Nährmittelverwertung. Ein All-Star-Choir + Solistin.

Phänomenal ebenso das Lorenz-Kellhuber-Trio am gleichen Platz. Musikalisch das Elysium erreichend. Jede Note ein Volltreffer. Genau so wie beim Trio ELF, dem langjährigen Partner des Jazzweakends. Weltklasse die Tonanlage (PA) auf dem Kohlenmarkt, die jede noch so unspektakuläre Nuance in der Tongebung zum Hörerlebnis werden ließ. Wir vergessen nicht „Shake Stew“ aus Österreich: Voll abgefahren auf der Bühne, ihre Klang- und Improvisationsexplosionen rissen einen von den Stühlen. Da blieb kein Ohr trocken.

Schließlich „Flüstertüte“ aus dem schönen Tübingen, der Jazzcity no.1 in Germany. Perfekte, unfassbar gute Show, exzellenteste Musiker – geradewegs in die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer, der Zutänzer und Zutänzerinnen gespielt. Einmal quer durch das animationserfreute Publikum. Beste Unterhaltung mit Charme, Witz; stringent, eloquent, herzlich, aufrüttelnd.

Und die Lesung zum Thema Inge Brandenburg mit Anne Czichowsky warm und mitfühlend, einschmeichelnd im Vortrag, ob sprechend oder singend. Da wird jeder Standard zum Unikat.

Muss man mehr sagen? Die Bilder sprechen für sich. (Übrigens lohnt der Blick zur Kollegin Petra Basche, die für die Jazzzeitung und das HuPe-kollektiv ihre sensationellen Eindrücke zur Verfügung gestellt hat.

Es war das beste, ja – ich scheue mich nicht das zu sage, es war das ultimativste Jazzweakend aller Zeiten. Selbst das Wetter spielte mit, wobei es den Begriff der Freiheit freilich mitunter etwas arg strapazierte.

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Immer häufiger hört man in Radio, Fernsehen und natürlich auch im Netz davon, dass irgendwer irgendwas auf einer sozialen Plattform wie Twitter oder Facebook gesagt habe. Politikerinnen müssen da aufpassen, alle müssen da aufpassen. Ein Shitstorm droht allerdings nur denen, die unter dauernder Beobachtung stehen oder wenn diese dann von Leuten gesehen werden, die unter dauernder Beobachtung stehen.

Das meiste verpufft. Das meiste ist ja auch dünne Luft. Da schließe ich mich nicht aus. Aber ich bin schon irritiert, jeden Tag mehr, wie sehr zwei Plattformen eine Öffentlichkeit technisch herstellen können und diese Plattformen dann auch Aufmerksamkeit in den klassischen Medien erhalten.

Aber das ist alles nichts Neues und der Ärger darüber verfliegt in dem Moment, wo diese Plattformen sich als Träger von Informationen erweisen, die dem Geist der Aufklärung im emphatischen Sinne dienen. Obwohl es eine Gnade der Plattformbetreiber ist, ob und wie und wo etwas zum Vorschein kommt oder nicht. Die Benutzerinnen sind eben nicht die Besitzerinnen. Die Sichtbarkeit der Öffentlichkeit delegieren sie an die Gutmütigkeit der Bewusstseinsfabriken der Gegenwart.

Die Straße, die es nicht mehr gibt. Foto: Hufner

Was aber das insgesamt Traurige daran ist, ist, dass daraus insgesamt eine gefühlte Möglichkeit der Bewusstseinsänderung resultiert, die aber keine Basis in der Struktur und Organisation der Gesellschaft hat. Kurz: Das alles bleibt ein blindes Glaskugelspiel, das mit viel Aufwand betrieben wird. Der betriebene Aufwand seinerseits erzeugt das Gefühl, dass damit seine Bedeutung ebenso hoch zu werten ist.

So komisch es vielleicht daher klingen mag, diese Medien sind nicht eine Öffentlichkeit von Massen, sondern sie sind ein Elfenbeinturm der Gesellschaft. Wird einem sofort klar, wenn man sieht, wie gut Menschen damit leben können ohne diese Plattformen zu nutzen und wie wenig ihnen dabei fehlt. Genau wie bei fast allen Medien der Öffentlichkeit: Seien es Zeitung oder Fernsehen.

Und natürlich ist es irgendwie vollkommen absurd, das aufzuschreiben und genau in und mit den Medien zu teilen, deren Bedeutungsmacht bei gleichzeitiger Bedeutungslosigkeit man gerade noch erwähnte.

Der Beitrag Die Vergeblichkeit der Kritik [Bedeutungsmacht und Bedeutungslosigkeit] erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

In der Sonderausgabe der Bild (65) hat sich neben Anne-Sophie Mutter auch die andere Mutter zu Wort melden dürfen oder müssen. Angela M. (Bundeskanzlerin) buchstabiert an dieser Stelle ihr Deutschland von A bis Z. Das wird vor allem die Musikwelt freuen. Denn an drei Stellen geht die Bundeskanzlerin direkt auf die Musikkultur in Deutschland ein.

Der erste Jubel dürfte vom Deutschen Musikrat ausgehen. Zum ABC gehört nämlich auf jeden Fall „Jugend musiziert“.

Das ABC der Deutschen. BILD-Zeitung

Das ist eine wohl unerwartete Ehrung. Die Kanzlerin hat ja schließlich Humor mit Kirchensteuer und Kartoffel. Ich nehme es der Kanzlerin tatsächlich ab, dass „Jugend musiziert“ für sie eine zentrale Bedeutung hat. Genau so wie beim anderen Punkt, der den Deutschen Chorverband freuen wird.

Das ABC der Deutschen. BILD-Zeitung

Chorgesang!  Wie schön. Da sind die Fenster dicht, würde ich mal sagen. Butter aufs Brot. An anderer Stelle kommt noch das Volkslied hinzu, was will das Musikerinnenherz schon mehr.

15 Thesen für die Kanzlerin. Foto: Bundespresseamt/Frosch

Nein, wirklich. In den letzten Wochen haben sich gleich mehrere Autoren oder Vereinigungen mal wieder mit der Frage beschäftigt, was denn Deutsch sei. Leitkultur und Co. zum Beispiel, als der Deutsche Kulturrat seine 15 Thesen zur kulturellen Integration vorgestellt hatte. Man kann sogar sehen, wie Angela M. diese Thesen aus den Händen von Prof. Höppner in Empfang nimmt. Ich habe da noch einmal reingeschaut, von Jugend musiziert oder Butterbrot ist da nichts geschrieben worden.

Während sich also der Deutsche Kulturrat mit anderen Institutionen über mehrere Monate hinweg die Arbeit machte, seine Thesen zu verfassen und dann auch unter die Menschen zu bringen (zur Zeit knapp 670 Unterzeichnerinnen), kommt die Kanzlerin via Bild-Sonderausgabe mit einem Schlag in die Briefkästen von ca. 41 Millionen Haushalten.

Überhaupt sind die 15 Thesen leider ziemlich untergegangen. Der Widerhall in der Presse war recht gering. Dabei war natürlich das Unterfangen schon wirklich komplex. Die Befürchtung, dass sich die Initiatoren auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner nur vereinen würden, bestand durchaus. Das ist nicht passiert. Gleichwohl ist es nicht der große Wurf geworden, den man sich erhoffen musste. Das kann man bedauern, vielleicht aber ist es auch besser so. Die großen Würfe und Entwürfe in Sachen kulturellem Selbstverständnis einer Gesellschaft haben genug Schaden angerichtet. Sie beruhen entweder auf direkter oder indirekter Exklusion. Man sagt was man nicht will und wer nicht zu einem gehört. Das gehört allerdings in einer Demokratie in die Dimension des Rechts und wird auch dort verhandelt. Nicht immer mit schönen Ergebnissen.

Das Kanzlerinnen-ABC ist, so sehr es selbst eingestandenermaßen Mut zur Lücke offenbart, nicht mehr und nicht weniger ein persönliches und deskriptives Beschreibungsfeld.

Klaus Vater kritisiert auf Charta die 15 Thesen als: „Da ist es eher Musik aus der Blockflöte.“ Nun, mag sein. Das Problem ist aber doch eben ein anderes. Will man „Kultur“ irgendwie in den Griff bekommen, muss man scheitern. Die Dinge ändern sich. Die 15 Thesen oder das Kanzlerinnen-ABC hätten in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts sicher anders ausgesehen. Und vierzig Jahre zuvor ebenso. Da wäre statt Jugend musiziert der Wandervogel aufgefahren worden. Das könnte man These für These durchdeklinieren. Die Vermischung von moralischen Normen und ihrem Wandel finden zur gleichen Zeit statt.

Das alltägliche Zusammenleben basiert auf kulturellen Gepflogenheiten. Im täglichen Zusammenleben spielen neben Werten wie Solidarität und Mitmenschlichkeit Umgangsformen und Gebräuche eine wichtige Rolle. Sie erleichtern das Zusammenleben und schaffen Vertrautheit sowie Verbindlichkeit im Miteinander. Umgangsformen, kulturelle Gepflogenheiten und traditionelle Gebräuche sind jedoch nicht starr, sondern unterliegen dem Wandel. Sie müssen sich im gesellschaftlichen Diskurs bewähren oder weiterentwickeln, um ihre Berechtigung zu behalten. (These 2)

Da werden die Werte Solidarität und Mitmenschlichkeit gesetzt, daneben spielen Umgangsformen und Gebräuche eine Rolle. Diese unterliegen dem Wandel und müssen sich bewähren, damit sie berechtigt bleiben. Man trennt die Dinge also auf. Das Essen mit Messer und Gabel, neben dem Essen mit den Händen?

Aber auch Solidarität! Wie darf man den Begriff füllen? Ein Wert ohne Wert, wenn er nicht inhaltlich gefüllt wird. Nehmen wir nur mal die simpelste „Definition“, die die Wikipedia anbietet. Ich halte sie für falsch, übrigens.

Solidarität „drückt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte aus (vgl. auch Solidaritätsprinzip).“

Gleichgesinnte und Gleichgestellte im Einsatz für gemeinsame Werte? Wie kurzschlüssig – zumal wenn man sie, konfrontiert mit These 2, selbst als Wert auffassen wollte. Da frisst sich der Wert selbst auf.

Nicht besser ist es um die These 7 (Einwanderung und Integration gehören zu unserer Geschichte) bestellt,

„Unser kultureller Reichtum beruht auch auf den Einflüssen Zugewanderter.“

Voraussetzung ist hier längst wieder die Defintion eines „Wir“, die aber doch sonst ausbleibt. Wer „Wir“ sind, wird nicht gesagt. Unsere Geschichte ist eben keine Geschichte des „Wir und die andern“, sondern dieses „Wir“ sind die einen und die anderen, ein Gewürfeltes Zusammen. Es ändert sich in seiner Zusammensetzung laufend.

Nu!

Der Beitrag Das ABC der Kultur – nach Angela M. (Bundeskanzlerin) und die 15 Thesen zur kulturellen Integration erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Zur Feier des Tages hat die Springerpresse eine Sonderausgabe ihres journalistischen Hauptwerkes unter die Leute gebracht. Wie es sich gehört: kostenlos. Ein Geschenk. Und so liegt es dann auch zerknittert im Briefkasten – es hat die Luftfeuchtigkeit des Tages schon in sich aufgesogen. Ganz weich! Ganz bunt! Und sofort als solche zu erkennen.

65 Jahre von irgendwas. Rente ab jetzt für alle oder so ähnlich.

Weil aber diese Zeitung ein Kulturblatt ist, widmet sie auch zwei Seiten der Musikkultur. Nämlich Seite 8 und 9. Genau genommen deren obere Hälfte. Denn geschenkt ist nichts. Unten stehen Anzeigen auf der Seite. Musikkultur, das heißt: Anne-Sophie Mutter. Die ist nämlich nach Ansicht der Autorin des fulminanten Artikels, Lien Kaspari, die beste Geigerin der Welt und Verkörperung der deutschen Kernkompetenz.

Anne Sophie Mutter in der Sonder-Bild!

Deutsche Kernkompetenz Klassik-Land!

Wir können Frau Lien sehr dankbar sein. Sie formuliert das, was Madame de Staël und Co nur mit Mühe und unter dem Aufwand von viel Tinte im Grunde laufend, und dann auch noch nur falsch gesagt haben. Auch die Politiker wie Musik- und Kulturräte des Landes haben das niemals in dieser Klarheit formuliert. Unsere deutsche Kernkompetenz ist die Klassik. Das mag einigen nicht gefallen, die da etwa etwas sagen wie

„Der Bohlen gehört zu Deutschland“.

Zumal wenn es die beste Geigerin der Welt sagt, Anne-Sophie Mutter, die schließlich auch den sogenannten Nobelpreis der Musik vor einigen Jahren erhalten hat von der Ernst-von-Siemens-Stiftung in 2008. (Kommentar von Reinhard Schulz dazu in der nmz 6/2008). Später hat das Weltwirtschaftsforum die Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter ausgezeichnet.

Die Frau muss also wissen, wovon sie spricht, steicht und spielt. So findet sie auch bald ihre Top10 der deutschen Musikkultur.

Anne Sophie Mutter in der Sonder-Bild!

Die üblichen Verdächtigen! Zumindest bei den Komponistennamen. Nicht ganz so bei den Werken: Das Streichquintett No.4 von Mozart (hätte man netterweise doch die KV-Nummer dazuschreiben können). Von Beethoven ausgerechnet die vierte Sinfonie. Aber es sind ja auch ihre Top10. Erinnert sei auch an den Sommerstreit aus dem Jahr 2003, als es darum ging, ob Mozart nun ein Deutscher gewesen sei. Anlass war ja eine Sendung im ZDF zu den tollsten Deutschen (hat weder Bach noch Luther gewonnen, sondern Konrad Adenauer). Man muss also auf jeden Fall sagen:

„Der Mozart gehört zu Deutschland.“

Das hat ja auch eine alte Umfrage aus den nachfolgenden Sendungen „Unsere Besten“ ergeben. Die Liste, die bei Wikipedia zu finden ist, enthält so illustre Namen wie Mozart, Nena, Xavier Naiodoo, Sarah Connor, Roy Black, André Rieu oder Beethoven. Der eigentlich erste Preis wäre offenbar an die Bösen Onkelz gegangen. Da wächst zusammen, was zusammen gehört? Oder?

Anne Sophie Mutter in der Sonder-Bild!

Privat ist es bei der Anne-Sophie Mutter offenbar anders, weiß Lien Kaspari zu berichten. Da hört sie Jazz oder „Klavier-Repertoire“. Trill Brönner oder? André Previn ist da ja auch überall fit drin. Als Naturliebhaberin geht bei ASM aber nichts über Vogelstimmen. Das hat sie gemein mit ganz vielen Menschen auf der Welt. Die pfeifen die Klassiker aus dem Häusl am Bäumchen.

Die Vogelstimmen gehören zu Deutschland.

Gut. Musik ist des Deutschen Kernkompetenz. Klötzchen drauf. Bald spielt Anne-Sophie, die Platz 24 bei den besten deutschen Frauen belegt, in der Elphi, so im November. Penderecki, Brahms und Bach stehen auf dem Programm.

Der Beitrag Die beste Geigerin der Welt [Bild] und die deutschen Kernkompetenzen erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Der Komponist Mark-Anthony Turnage ist ernst zu nehmen. Doch, jetzt, echt. Man kann es dunkelgrau auf hellgrau lesen, ganz offiziell:

„Mark-Anthony Turnage ist zweifellos ein ernst zu nehmender Komponist unserer Zeit.“ (Quelle: Website der Berliner Philharmoniker)

Zweifellos. Denn der Mann hat Humor wie auch der/die Autor/in des launigen Textes zu einem Konzert am 23. Juni 2017.

„Die Vorstellung, dass sich Fans seiner Musik mit Schusswaffen eindecken müssen, wäre ihm indes sicher fremd …“ (Quelle: Website der Berliner Philharmoniker)

Gut zu wissen, da kann ich meine üblicherweise zu Konzerten mitgenommenen Verteidigungswaffen zu Hause lassen. Das entspannt den Konzertbesuch ungemein.

Man muss aber ehrlicherweise dem/r Autor/in zugute halten, dass ein Textausschnitt gefährliche Schnitte machen kann. Unmittelbar zuvor wird der Widmungsträger (ein gewisser Louis Ehlert) des davor erwähnten Werks nämlich so, sich zur damaligen zeitgenössischen Musik äußernd, zitiert:

»Die Männer, welche uns in der Musik gegenwärtig am meisten interessieren, sind so furchtbar ernst. Wir müssen sie studieren, und, nachdem wir sie studiert haben, einen Revolver kaufen, um unsere Meinung über sie zu verteidigen.« (Quelle: Website der Berliner Philharmoniker)

Das ist sicher eine Pointe. Aber doch mehr eher nicht. Es ist auch noch leider eine eher schlechte Pointe. So kann dann auch die Fortsetzung nicht so recht gelingen. Turnage, ein ernster Komponist und ein Mann. Denn auch das ist Turnage zweifellos: ein Mann der „uns“ interessieren muss.

All das ein typisches Beispiel dafür, dass es gefährlich sein kann, übergreifende Beziehungen zwischen Werken herzustellen, wenn man doch nur ein spezielles Informationsinteresse hat. Und wenn man geradezu krampfhaft versucht, Beziehungen zwischen verschiedenen Werken herzustellen.

Auf dem Dach des Zitats. Foto: Hufner

Man allerdings vor derartigen Überleitungen nur warnen. In diesem Fall sind sie Heiterkeit erzeugend, aber doch irgendwie eher gewollt und im Zweifel missverständlich. Am Ende wird zitiert, was das Zeug hält. Und dann kommt eben so etwas heraus.

Schauen wir mal: Vielleicht der Autor dieser Zeilen am Ende doch seine Kritik des Konzertes mit einem gekauften Revolver verteidigen. Dann nähme ich natürlich alles zurück.

Der Beitrag Über das Studium ernst zu nehmender Musik (E-Musik) von Männern erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Was eigentlich ist das? Seriöser Journalismus? Der wird immer gerne gefordert, ist vielleicht schon da. Was macht Journalismus seriös?

Die Antwort ist nicht bekannt. Journalismus ist eigentlich nie seriös, denn er ist ja Journalismus. Gibt es etwa so etwas wie seriösen Betrug. Seriöse Betrüger und unseriöser Betrüger im Kampf um seriöse und weniger seriöse und sogar unseriöse Betrogene.

Ich plädiere für den Begriff des porösen Journalismus.

Porös ist er für den Fall, dass er sowieso nicht vorgibt, der Wahrheit letzter Schluss zu sein. Das ist zweifellos musikalisch zu denken. Nehmen wir mal an, es gibt so etwas wie einen fixierten Notentext und somit so etwas wie ein Faktum. Damit hat man ja doch aus zweierlei Gründen nichts gewonnen.

Konzert oder Text. Partiturausschnitt Anton Webern.

Einmal deshalb, weil in den Noten selbst trotzdem nie alles notiert ist. Noten sind da so etwas wie Skizzen. Und so ist es mit angeblichen Fakten eben auch.

Und auf der anderen Seite müssen dann die Noten zudem interpretiert werden. Nun mag es daher Laien erstaunen, dass aus den selben Noten doch immer wieder neue Interpretationen entstehen. Die Interpretationen gleichen sich nie, selbst bei den gleichen Interpreten. Sie spielen das gleiche Stück ja doch immer wieder anders. Sie passen es an. Zum Beispiel an den Verbreitungsweg, an die bestimmte Aufführungssituation. An akustische Gegebenheiten. Das Werk ist eine Illusion sowie Fakten zwar fixiert sein mögen, deren Interpretation aber doch genau so von verschiedenen Dingen abhängen. Das sieht man sofort an den verschiedenen Aufnahmeweisen von Konzerten oder Opern. Niemand steigt nicht in den gleichen Fluss. Die Dinge ändern sich mit Ort und Zeit, mit vollem oder leerem Magen, mit dem Wetter meinethalben auch.

Das heißt nicht zugleich, dass damit jegliche Interpretation das gleiche Gewicht hat. Denn mit der Wahrnehmung von Dingen wird die Wahrnehmung der Wahrnehmung zusätzlich zum Kriterium. Auf bestimmterer und zugleich abstrakterer Ebene lassen sich die Dinge schon begreifen und damit die Zulässigkeit der Kritik einengen.

Porös darf die Kritik sein, sollte es womöglich sogar sein. Durchlässig gegen sich selbst und ihren Gegenstand. Aber mit „Seriosität“ kommt man eher nicht weiter. Außer bei Beethoven.

Der Beitrag Poröser Journalismus und die Vielfalt des Wirklichen erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Es gehört vielleicht zu den ganz besonderen Eigentümlichkeiten, insbesondere bei den Deutschen, dass sie sich in fast jeder Situation als zu kurz gekommen auffassen. Egal wo, immer benehmen sich vor allem die anderen falsch. Im Verkehr, im Beruf, in der Schule, der Kultur, im Sport. Und in der Politik und Bildung. Es ist einigermaßen nicht nachvollziehbar, woher dieses Ohnmachtsgefühl stammt. Obwohl, ein Ohnmachtsgefühl ist es ja gar nicht, sondern eher eines des permanenten Neids. Da kann man machen, was man will. Ist man zu zuspitzend, gilt man als unausgewogen; ist man ausgewogen, gilt man als nivellierend.

Es scheint kein Glück darin zu liegen, im Federkampf um Solidaritäten. In vielem Gesagtem ist vieles nicht gesagt, aber doch immer ist etwas gemeint. Gemeint ist aber immer das Ungesagte. …

Wenn man so zurückschaut in die 50er und 60er Jahre, dann fällt einem ein Thema der Debatte auf, welches heute irgendwie verloren ist. Hanns Eisler bemerkte es, wenn er immer wieder von Freundlichkeit spricht und sie als wichtiges Merkmal einer verständigen Gesellschaft bezeichnet. Oder wenn Alexander und Margarete Mitscherlich in der Vorbemerkung zu „Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“ feststellen:

„So wird kaum jemand leugnen, daß es in Deutschland keine kleine Zahl von Menschen gibt, die höflich, anteilnehmend, rücksichtsvoll sind, dies alles nicht aus sittlichem „Dressatgehorsam“, weil man ihnen „Manieren“ beigebracht hat, sondern weil sie gelernt haben, die Eigenart des Partners zu achten und sich für ihn zu interessieren. Die Einschränkung ist aber nicht zu vermeiden, daß diese freundlichen Deutschen etwa im Straßenverkehr oder in anderen Rücksicht fordernden Situationen nicht der den Ton bestimmende, sondern ein mehr oder minder „stummer“ Bevölkerungsanteil sind. Der freundliche Deutsche, um es in zugespitzter Form zu sagen, hat im eigenen Land keinen zwingenden Vorbild-Charakter. Obgleich es ihn als angenehme Überraschung gibt. (…) Die aufklärerische Absicht der Autoren ist es, die Chancen für den freundlichen Deutschen zu vermehren.“ 01)Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt/M. o. J., S. 10 f. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_6155_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_6155_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Fussnote(n)   [ + ]

01. ↑ Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt/M. o. J., S. 10 f. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

Der Beitrag „Chancen für den freundlichen Deutschen“ erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Ein Blick zurück in das Jahr 2005 ist ganz erstaunlich. Damals gab es noch die Rubrik „Forum Pisa“ im Deutschlandfunk. Man hat sich über die Entwicklungen im Bereich der schulischen Bildung jeden Freitag vormittag befasst. Schuld daran war der sogenannte PISA-Schock, der dem deutschen Schulsystem ein gewisses Versagen bescheinigt hatte. Es bestand Handlungsbedarf, so fühlte man es und überschlug sich in aktionistischem Getue. Zumindest hatte man den Schock so empfunden. In Wirklichkeit änderte sich in der Folge tatsächlich sehr viel. Schul- und Hochschulreformen wurden angeleiert. Inbesondere die Mintfächer wurden protegiert, die musischen Fächer versuchten, sich gesellschaftlich zu legitimieren mit Slogans wie „Musik macht klug“ und der Betonung von sogenannten Sekundärtugenden. So dass sich sogar Hans Günther Bastian dazu gezwungen sah, sich gegen seine Liebhaber zu verteidigen. 01)Mittlerweile muss der Autor „Bastian gegen seine Liebhaber verteidigen“, und warnen vor einem einseitigen Missbrauch der Ergebnisse, Musik als Allheilmittel zum Pushen von IQs, für soziale Therapien oder gegen Fußpilz einzusetzen. Vereinfachungen in Schlagzeilen schaden eher als dass sie nutzen. Gleichermaßen könnte man auch mit empirischen Nachweisen und historischen Verweisen argumentieren: „Musik macht dumm – Musik macht aggressiv – Musik lässt Menschen blindlings marschieren – Musik…“ Denn, so ein Sprichwort in der Ukraine: „Wenn die Musik erklingt, ist der Verstand in der Trompete.“ In: nmz 2001/04. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9817_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9817_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });Doch das nur am Rande.

Damals brachte man eine Meldung von „Jugend forscht“:

Intelligenter Schulranzen erfunden

Drei Jungs aus Stuttgart haben den „intelligenten Schulranzen“ erfunden. Die fehlende Brotdose oder das vergessene Mathematikheft melden sich selbst, wenn sie nicht in den Ranzen gepackt wurden. Dazu müssen ihnen aber so genannte „smart labels“ anhaften, Chips in Kreditkartengröße, die über eine Antenne im Ranzen Signal gebend ins Blinken geraten, wenn die Gefahr des Vergessens in Verzug ist. Ob es die 16-Jährigen Tüftler damit zum bundesweiten „Jugend-forscht-Wettbewerb“ Ende Mai in Dortmund schaffen, ist noch nicht klar – aber die Idee ist gut. Quelle: Deutschlandfunk – Forum Pisa – PISA-Informationen

Die Tasche der Kritischen Masse. Foto: Hufner

Das war 2005! Heute, in einer Zeit, wo man vom Internet der Dinge spricht, von der Vernetzung von Dingen mit Dingen, die dann heute eben auch noch autonom tätig werden, mutet diese Idee geradezu futuristisch an. Man könnte sich gerade fragen, was ist eigentlich aus dem Forschertrio geworden. Theoretisch könnten sie ihr Studium schon beendet haben. Theoretisch könnten sie jetzt schon an der Schaltstellen des smarten Haushalts stehen. Was wurde daraus?

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01. ↑ Mittlerweile muss der Autor „Bastian gegen seine Liebhaber verteidigen“, und warnen vor einem einseitigen Missbrauch der Ergebnisse, Musik als Allheilmittel zum Pushen von IQs, für soziale Therapien oder gegen Fußpilz einzusetzen. Vereinfachungen in Schlagzeilen schaden eher als dass sie nutzen. Gleichermaßen könnte man auch mit empirischen Nachweisen und historischen Verweisen argumentieren: „Musik macht dumm – Musik macht aggressiv – Musik lässt Menschen blindlings marschieren – Musik…“ Denn, so ein Sprichwort in der Ukraine: „Wenn die Musik erklingt, ist der Verstand in der Trompete.“ In: nmz 2001/04. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Auf solche Ideen muss man erst einmal kommen. Der aktuelle Polizei-Newsletter berichtet von eine Untersuchung von Wissenschaftler an der Ludiwg-Maximilians-Universität München zum Thema „Musik und Aggressionen“. 01)Fischer, P., Greitemeyer, T. (2006), Music and Aggression: The Impact of Sexual-Aggressive Song Lyrics on Aggression-Related Thoughts, Emotions, and Behavior Toward the Same and the Opposite Sex, in: Personality and Social Bulletin 32 (9), 1165-1176. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9577_01").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9577_01", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] }); Dabei spielte man männlichen und weiblichen Probanden jeweils geschlechtszugeordnet männer- bzw. frauenfeindliche Musik vor. Welche Musik genau gewählt wurde, wie sich die Gruppe der Versuchspersonen zusammensetzte, geht aus der Mitteilung leider nicht hervor.

Nach entsprechendem Musikkonsum erhöhten sowohl Männer als auch Frauen die Dosis scharfer Chili-Sauce, die sie dem anderen Geschlecht verabreichen sollten; ihren Geschlechtsgenossen gegenüber erhöhten sie die Dosis nicht.02) Polizei-Newsletter 106, März 2008. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9577_02").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9577_02", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Welche psychologischen Prozesse hinter diesem Verhalten liegen, beantworteten die Wissenschaftler nach dem Bericht aus dem Polizei-Newsletter so:

Männliche Probanden assoziieren demnach nach dem Konsum frauenfeindlicher Liedtexte mehr negative Eigenschaften mit dem weiblichen Geschlecht und empfanden Frauen gegenüber stärkere Rachegefühle. Auf die gleiche Weise stellen sich die Assoziationen bei weibliche Probanden gegenüber Männern dar.03) A. a. O. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9577_03").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9577_03", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] });

Die Sache ist an sich vielleicht gar nicht so neu. Zahlreiche Experimente aus der Sozialpsychologie haben in anderen Versuchen ähnliche Ergebnisse zutage gefördert; am bekanntesten vielleicht im Experiment von Milgram. 04)Stanley Milgram, Das Milgram-Experiment, Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, Reinbek 2004. jQuery("#footnote_plugin_tooltip_9577_04").tooltip({ tip: "#footnote_plugin_tooltip_text_9577_04", tipClass: "footnote_tooltip", effect: "fade", fadeOutSpeed: 100, predelay: 400, position: "top right", relative: true, offset: [10, 10] }); Dass mit Musik ähnliche Reaktionen hervorgerufen werden können, wäre meine Intepretation bei aller Unkenntnis der Studie im Detail. Genauer zu spezifizieren wäre ferner der Einfluss der Musik im Zusammenhang mit den gehörten Texten. Sind es nur die Texte, die zu diesen Reaktionen geführt haben? Oder gibt es da auch noch einen speziellen Zusammenhang zur Musik selbst? Interessant wäre es, zu wissen, ob die genannte Reaktion durchgängig und prinzipiell war, bzw. wo genau vielleicht auch Abweichungen stattgefunden haben. Auch wäre es interessant zu wissen, ob Männer beim Hören männerfeindlichen und/oder frauenfeindlichen Texten unterschiedlich reagiert haben. Man könnte natürlich den Artikel selbst laden. Aber da schließt sich der Kreis zum vorhergehenden Text über das Urheberrecht. Bei der entsprechenden Institution gibt es die Möglichkeit den Text, anzusehen. Teuer und restriktiv:

You may access this article (from the computer you are currently using) for 1 day for US$25.00. (Quelle)

Für einen Tag für 25 US$? Das ist ganz schön happig für elf Seiten Text.

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01. ↑ Fischer, P., Greitemeyer, T. (2006), Music and Aggression: The Impact of Sexual-Aggressive Song Lyrics on Aggression-Related Thoughts, Emotions, and Behavior Toward the Same and the Opposite Sex, in: Personality and Social Bulletin 32 (9), 1165-1176. 02. ↑ Polizei-Newsletter 106, März 2008. 03. ↑ A. a. O. 04. ↑ Stanley Milgram, Das Milgram-Experiment, Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, Reinbek 2004. function footnote_expand_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").show(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("-"); } function footnote_collapse_reference_container() { jQuery("#footnote_references_container").hide(); jQuery("#footnote_reference_container_collapse_button").text("+"); } function footnote_expand_collapse_reference_container() { if (jQuery("#footnote_references_container").is(":hidden")) { footnote_expand_reference_container(); } else { footnote_collapse_reference_container(); } } function footnote_moveToAnchor(p_str_TargetID) { footnote_expand_reference_container(); var l_obj_Target = jQuery("#" + p_str_TargetID); if(l_obj_Target.length) { jQuery('html, body').animate({ scrollTop: l_obj_Target.offset().top - window.innerHeight/2 }, 1000); } }

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Richard Sennetts reichhaltiges Buch “Respekt im Zeitalter der Ungleichheit” (Berlin 2003) ist eine schöne und komplexe Studie zur Frage der Herstellung von Respekt und seiner Verwirklichung bzw. seiner Verhinderung. Zahlreiche Schilderungen einzelner Phänomene, autobiographischer Art wie aus der Welt der weiten Soziologie und Politikwissenschaft, werden angeführt, analysiert und im historischen Kontext begriffen. Ein Buch, welches dennoch mehr Fragen hinterlässt als Erklärungen. Solange Sennett im historischen Kontext bleibt, ist eigentlich immer alles sehr klar und nachvollziehbar. Geht es um die Gegenwart werden Sennetts Fragestellungen immer ratloser. Das ist nicht ungewöhnlich und man muss es nicht als Manko auffassen. Dadurch bleibt es anregend und diskussionswürdig. Seine Schlussfolgerung am Ende des Buches zeigt die Freude und die Hilflosigkeit gleichzeitig:

„Wenn ich aus meiner eigenen Erfahrung einen Schluss ziehen kann, so den, dass Selbstachtung, die auf Können beruht, allein noch keinen gegenseitigen Respekt zu schaffen vermag. Es genügt auch nicht, in der Gesellschaft das Übel der Ungleichheit zu bekämpfen, um gegenseitigen Respekt zu wecken. Der Kern des Problems, vor dem wir in der Gesellschaft und insbesondere im Sozialstaat stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben. Darstellende Künste wie die Musik öffnen den Blick auf Elemente, die auf Zusammenarbeit ausgerichtet sind, auf die Ausdruckspraxis gegenseitigen Respekts. Die hartnäckige Tatsache der sozialen Teilung bleibt gleichwohl ein Problem der Gesellschaft.“ [S. 317 f.] [Hervorhebung MH]

Ist das wenig oder ist das viel als Ergebnis der Studie?

[22. März 2004]

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Das Vaterland hat einen Platten. Heute in der Nähe des Wochenmarktes in Kleinmachnow gesehen. Es gab schon Marken mit Position! Wenn man sich über Wikipedia etwas schlau macht, dann wird man feststellen, dass die bei „Vaterland“ zuerst eigentlich als „Firma Herfeld & Co. zunächst Blasinstrumente und Akkordeons“ herstellte. Man „war damals einer der führenden Versandgeschäfte von Musikinstrumenten und Hersteller in Deutschland. Das Unternehmen ging aus dem Betrieb der Familie Herfeld hervor und stellte bis 1933 weiterhin vor allem Musikinstrumente her, ehe es 1933 die Produktion auf Fahrräder umstellte.“ [Wikipedia-Eintrag] Liegt ja auch irgendwie auf der Hand. Hat viel mit Rohren zu tun.

1933? Besser, man fragt nicht nach.

Das Vaterland hat einen Platten. Foto: Hufner

Eine kleine Playlist zum Thema. Mit dabei das leider ganz furchtbare Stück von Wilhelm Furtwängler. Er war wirklich kein besonders großartiger Komponist. Wirklich nicht. Kann man echt nicht sagen. Mit dabei aber etwas von der Platte „Russland wie es singt und lacht“ und die Nationalhymne Uruguays.

Zum Thema im weiteren Sinn hat auch Gerhard R. Koch sich in der aktuellen nmz geäußert, sehr umfangreich übrigens.

Rückzug ins neunzehnte Jahrhundert 
Dichter, Denker, Tonsetzer: geisteswissenschaftliche Deutschland-Suche als Nabelschau · Von Gerhard R. Koch

Sehr zur Lektüre empfohlen, auch wenn ich in einigen Punkten ganz zweifellos nicht zustimmen würde. Immer noch gut die Texte aus der testcard #16 Extremismus, Mainz 2007.

  • Torsten Nagel: „Es ist deutsch in Kaltland“. Die Verschmelzung von Pop und Nation zum Mainstream.
  • Jens Thomas: Anti-Anti-Flag. Über den neuen Normalisierungsschub von Nationalfarben.
  • Martin Büsser: Alles nur ein Missverständnis. Über die Verwurzelung „extremer“ Musik in der bürgerlichen Kultur und den „Extremismus“ des Mainstreams.

Leider ist testcard unterdessen etwas müde geworden. Ausgabe #25 zum Thema „Kritik“ sollte erst im Mai kommen, jetzt im Juni … und immer noch nichts da.

Nur mal so in den Ring geworfen. Hört man sich die Stücke da so ein bisschen nach Text und Kontur an, geht es immer um die Bestimmung der Kulturwerte, die man für sich vertreten will; Werte, die man verwirklicht sehen möchte. Vor allem aber eben Dinge, die einen für andere attraktiv machen sollen. Das beste Land will man irgendwie sein, besser als andere oder wenigstens ebenso gut oder schlecht. Neidkultur ist somit gewünscht von allen anderen Seiten. Das Willkommen hat seinen Grund ja nur darin, dass man sich so gut fühlt. Im Allgemeinen und im Besonderen.

Dass das nicht so ganz glückt, machen Wiglaf Droste und Funny van Dannen schon klar. Vor allem van Dannen mit einer unglaublich geschickten Argumentation. Bei der man Liebe und Unglück in einem spürt. Jedenfalls Reflexion!

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Es ist eine Ewigkeit her, da habe ich auf der Dult in Regensburg dieses Päckchen mit Taschentüchern geschenkt bekommen. Eine Werbung für den privaten Radiosender Gong FM (gibt den noch). Ein Wortspiel mit unendlichen Verbindungen der Interpretation. Softie und Softies (andere Taschentuchmarke). Aber wie man die Sache auch dreht, da fasst ein junger Mann einer jungen Frau unter das Selbstgestrickte. Die Hosenreißverschluss der jungen Frau ist geöffnet und gibt den Blick frei auf Netzstrumpfhose und Slip. Der Mann hält den Kopf der Frau (vermutlich) sanft in seiner Hand. Die Blicke der beiden treffen sich. Ein Armreif, das Strickshirt, die Weste sollen wohl suggerieren, dass es hier um ein bisschen etwas wie Hippieeskes geht.

Dein Softie, Deine Musik. Produktwerbung auf einem Produkt. Foto: Hufner

Platsch „Dein Softie“ draufgebappt. Mein den Inhalt, aber vielleicht auch ein Attribut für den Mann da. So macht es also ein Softie soll es wohl heißen. Dafür geht der aber doch recht umfänglich heran. Dein Softie / Deine Musik? Was und wie kommt da nun die Musik ins Spiel. Das leuchtet mir nicht ein. Ich kann mir da keinen Reim und keinen Rotzki drauf machen.

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Die Angst des Klaviers vor dem Auftritt. Foto: Hufner

Fasching und Sterben. Das stößt aufeinander in einem lyrischen Bild von Lichtenstein. Damit verbunden ein ästhetisches Ansinnen.

In der Lungenheilstätte

Viele kranke Leute gehen in den Gärten
Her und hin und liegen in den Hallen.
Die die Kränksten sind, verfiebern
Alle armen Tage in dem heißen
Grab der Betten.
Ach, katholische Schwestern schweben
Müd umher in schwarzen Gewändern.
Gestern ist einer gestorben. Heute kann einer sterben.
In der Stadt feiern sie Fasching.
Den Unterschied
Möchte ich Klavier spielen können.

Lichtenstein: Die Dämmerung. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 70353 (vgl. Lichtenst.-GG, S. 71)

Wie nur soll man den Unterschied spielen. Die Aufgabe scheint mir doch so grad recht groß. Obwohl, vielleicht gab es mal einen Komponisten, der das wirklich gekonnt hat: Alban Berg. Oder eventuell Paul Abraham. Es ist einfach so schwer.

 

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Das Internet vergisst nichts? Vergesst es. Dies und das vielleicht schon.

 

Die Website ist mir zu komplex.

; „D ccc – und das über zwei Tage. War schon. Bleibt nicht. Wird weniger?

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KlassikRadio – Hörerstruktur nach Alter.

Man weiß es nicht, ist es nicht doch eher eine Art Drohung? Das, höre ich sagen, entscheiden doch die Hörerinnen. Wo es einen Markt gibt, gibt es auch ein Angebot.

Nehmen wir einen öffentlich-rechtlichen Sender, der diesem Angebot am nächsten kommt, so fällt man zuerst auf mdr-kultur, ehemals mdr-figaro. Aus Informationen der mdr-Marktforschung wissen wir nun auch, dass man diesen Sender als trimedial auffasst.

„Die trimediale Marke MDR KULTUR erzielt 2,8 Prozent im Sendegebiet. Das sind 215.000 Personen, die täglich das gehobene Kulturangebot der Welle schätzen. Mit den Werten nimmt MDR KULTUR den dritten Platz unter den ARD-Kulturprogrammen ein.“ [Quelle]

Dritter Platz. Das könnte Mut machen. Oder das Gegenteil. In jedem Fall wird so geschönt, dass man einen Verlust zu melden hat. Von 3,3 % ist man auf 2,8 % Reichweite gefallen. Dabei ist aber auch interessant, wie sich das im Sendegebiet konkret auswirkt. Der MDR bietet dazu folgende Tabelle an:

  • Sachsen-Anhalt: 1,2 % gegenüber 1,8 % (-0,6 %)
  • Sachsen: 3,9% gegenüber 4,0% (-0,1 %)
  • Thüringen: 2,5 % gegenüber 3,6 % (-1,1 %)

Interessant wäre es, wie man sich diese unterschiedlichen Entwicklungen erklären kann. Sachsen mit Leipzig und Dresden halten die Stange, trotz oder wegen Pegida und Co. Das Kulturland Thüringen (mit Erfurt, Weimar, Eisenach, Gotha …) verliert extrem. Sachsen-Anhalt mit den großen Städten Halle und Magdeburg verliert, schon auf niedrigem Niveau, ein Drittel! Vielleicht ist die Datenbasis ja insgesamt klein, so dass schon kleine Gruppen zuu großen Effekten führen. Der Verdacht nährt sich, wenn man dagegen die Quoten von mdr-sputnik vergleicht (die für Thüringen nicht angeführt sind).

  • Sachsen-Anhalt: 7,9 % zu 9,3 % (-1,4 %)
  • Sachsen: 0,9 % zu 0,7 % (+0,2 %)
  • Thüringen: Keine Angaben (?)

Aber 7 % Unterschied zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt?

Aktuell sehen die Zahlen MA 2017 I für die Kulturwellen folgendermaßen aus:

  • 2,9 % – WDR 3
  • 2,8 % – SR2 Kulturradio
  • 2,5 % – mdr-kultur
  • 2,4 % – NDR-kultur
  • 2,1 % – hr2-kultur
  • 2,0 % – Deutschlandfunk
  • 2,0 % – BR-KLASSIK
  • 2,0 % – rbb-kulturradio
  • 1,9 % – swr2
  • 0,7 % – Nordwestradio
  • 0,6 % – Deutschlandradio Kultur
  • 0,0 % – DRadio Wissen

Wir sehen, dass wir eigentlich nicht viel sehen können, weil die Befragtengruppe für vor allem kleine Gruppen fatal sein kann. Ich habe das irgendwann mal 2004 ausgerechnet.

In der letzten Media-Analyse zur Quotenermittlung wurden 60.324 Personen in ganz Deutschland befragt. NDR Kultur erreichte deutschlandweit eine Quote von 0,4 Prozent Hörern. Das sind gerade mal 241,29 Hörer, genauer: Befragte, die angaben „gestern“ dieses Programm gehört zu haben. Damit weiß man allerdings nicht, was und mit welcher Dauer gehört wurde oder ob überhaupt gehört wurde. Um in der Media-Analyse 0,1 Prozent mehr oder weniger Hörer zu bekommen, bedarf es etwa 60 weiterer Personen. [nmz 10/2004 – 53. Jahrgang]

Und wenn, dann muss man das ganze über einen längeren Zeitraum hinweg beobachten. Generell lässt sich jedoch feststellen, dass nix wirklich besser oder schlechter wird, obwohl sich die Mediennutzung insgesamt doch sehr geändert hat in den letzten Jahren. War es früher der mp3-Player, ist des jetzt das Streamingangebot, was den Markt durcheinanderwürfelt. Fest dagegen sind die Haltungen (insofern man den Zahlen vertrauen will). Obwohl swr2 das beste Netzangebot aufzuweisen hat, steht er nicht besser als hr2-kultur mit seinem alten Webangebot. So what?

Der Beitrag Klamauk-Radio (2017) – Reichweiten erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

„Von heute an soll sich der Bürger, wenn er die Straße entlanggeht, in jeder Minute an der Tiefe des Denkens großer Zeitgenossen ergötzen, er soll das farbige Leuchten der schönen Freude des heutigen Tages betrachten, soll allenthalben der Musik – Melodien, Getöse, Lärm – wunderbarer Komponisten hören. // Die Straßen sollen ein Fest der Kunst für alle sein.“ (Dekret Nr. 1 über die Demokratisierung der Kunst. Zaunliteratur und Hinterhofmalerei – Vladimir Majakovskij, David Burljuk, Vasilij Kamenskij)

Wenn schon alles in Umwälzung begriffen ist, dann kann man auch gleich richtig umwälzen. Die russischen Künstler saßen auf gepackten Koffern, es schienen Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Es war schon eine Art Stunde Null zur richtigen Zeit. In einer Zeit, als sowieso die Festung der Kunst bedenklich in alle Richtungen wackelte.

Und wieder findet sich hier der Verweis auf die Bedeutsamkeit des Verkehrs der Menschen: Bahnhof und Eisenbahn.

„Die Künstler und Schriftsteller sind angehalten, ohne zu zaudern nach den Töpfen mit den Farben und Pinseln ihres Gewerbes zu greifen und die Flanken, Stirnen und Brüste der Städte, der Bahnhöfe und der ewig flüchetenden Schwärme von Eisenbahnwaggons zu illuminieren und auszuschmücken.“ (ebenda)

Wobei hier das Wort „ausschmücken“ eigenartig anmutet. Oder vielleicht doch noch ein Rest des alten Denkens offenbart. Aber man hat tatsächlich ein buntes Wirken vor Augen.

„Wie Regenbögen aus Edelsteinen sollen sich die Bilder (Farben) in den Straßen und auf den Plätzen von Haus zu Haus spannen und das Auge (den Schönheitssinn) des Vorübergehenden erfreuen und veredeln.“ (ebenda)

Man reißt die Brücke nach hinten nicht komplett ab, wie auch die Anrede („Genossen und Bürger“) klarmacht. In der Musik geht man da noch am Weitesten: „Melodien, Getöse, Lärm.“ Veredeln heißt nicht beschmieren. Veredeln bedeutet verändern und nicht zerstören.

Dem einen mag es dennoch erscheinen, als ob man sich in die erste Reihe zu stellen wünscht. Die Gunst der Stunde könnte zur Umwälzung auch der Kunstwerte führen. Kunst für alle. Was braucht man da? Kunst! Wer kann sie besorgen? Der Künstler, die Künstlerin!

Das Manifest eint mit anderen der Zeit gewiss die Absicht, Kunst aus den Kunsttempeln zu holen aus „Palästen, Galerien, Salons, Bibliotheken und Theatern“, die man als „Abstellkammern und Schuppen der menschlichen Schöpferkraft“ – bzw. präziser, dieses „Dasein der Kunst … beendet.“

Nicht die Institutionen werden also demokratisiert oder geöffnet, sondern sie gelten als nur bedingt für alle zugänglich und damit defizitär. So die These der Autoren vor 99 Jahren.

Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, Stuttgart 2005, S. 140.

Der Beitrag Kunst überall, edel [Russland 1918] erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

Man kann Dinge noch so gut planen, die Art der Nutzung des Plans ist oft eine andere.

Weg und Umwege. Foto: Hufner

Warum soll man man den Weg einer Barriere wählen, wenn links oder rechts ein weniger komplizierter Durchgang zur Weiterführung des Weges möglich ist. Der direkte Geradeausweg wäre hier nur der wahrscheinlich bessere, wenn man in den Weg weiterginge, der geradeaus führt – in eine Sackgasse. Das ist aber nur für wenige Nutzer tatsächlich eine Alternative. Warum überhaupt ist hier die Zickzackbarriere nötig? Die Straße hinter der Barriere ist eine Spielstraße, auf der man motorisiert nur in Schrittgeschwindigkeit fahren darf.

Wie immer der Plan auch gewesen sein mag, er taugt offensichtlich nicht besonders.

Der Beitrag Planung und Realität erschien zuerst auf musik|kultur|unrat.

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